ZDF: Die Bilanz der Ära Brender

Nach zehn Jahren als Chefredakteur verlässt Nikolaus Brender das ZDF. Er hat den Sender geprägt, im Guten wie im Schlechten. Die MEEDIA-Analyse seiner Ära zeigt: Für seinen Nachfolger Peter Frey bleibt viel zu tun. Während Brender Vorzeigbares schuf wie "Frontal21" und eine ordentliche Haltung im Sport, hinterlässt er viel Boulevard und teils beschämende Sendeplätze - aber auch ein Selbstbewusstsein, an das Peter Frey erst mal heranreichen muss.

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Das Leben als ZDF-Chefredakteur war für Nikolaus Johannes Edmund Brender nie einfach. Als er vor genau zehn Jahren das Amt übernahm, widmete ihm die "Zeit" prompt eine Seite, weil sie sich um die Informationssendungen des Zweiten sorgte. Kritiker Nils Minkmar schrieb da über die "drohende Verflachung der Magazine". Unter Brender versuche der Sender "mit bunten Themen, Prominenten und durchsichtigen Huldigungen an die Jugendkultur den vermeintlichen Erfolg des Privatfernsehens zu kopieren".

Brender wurde schon damals fast zum Verhängnis, was ihn letztlich im ZDF den Kopf kostete: Er verwaltete die Informationsprogramme unter ihm nicht einfach. Er gestaltete sie. Und das streng nach eigener Überzeugung, frei von äußeren Einflüssen. Reinreden ließ er sich in den vergangenen Jahren jedenfalls nicht, höchstens von wenigen Vertrauten in kleinem Kreis.

Gleich am Anfang seiner Amtszeit schaffte er etwa das politische Magazin "Frontal" mit Bodo Hauser und Ulrich Kienzle ab. Es sei zu berechenbar gewesen. Aus dem Programm flog auch das Ost-West-Magazin "Kennzeichen D". Das war auch höchste Zeit, da die Mauer schon ein Jahrzehnt weg war. Was folgte, steht für die zwei Facetten der Qualitäten Brenders. Während sich "Frontal 21" rasch zum erfolgreichsten Politmagazin mauserte (erst 2008 zog die ARD mit "Panorama" vorbei) und oft hervorragende Recherchen zeigte, rutschten die "ZDF.reporter" schon bald auf das Niveau von RTL2 ab. Sie zehrten über Jahre von Blaulicht-Reportagen. Erst 2009, als es um die Verlängerung seines eigenen Vertrags ging, gab Brender dem Magazin den Auftrag, wieder inhaltlich zuzulegen.

Brender bediente in einer geschickten aber nicht unumstrittenen Mischung beide Lager im Sender. Es konnte sich meist wohlfühlen, wer glaubte, gebührenfinanzierte Programme müssten Bilderbuch-Journalismus auf den Sender heben. Sie schätzen an ihm, dass er Rückgrat zeigte, wenn es um politische Berichte ging und inhaltlich hochkarätige Formate wie "Frontal21" schuf oder aber "37 Grad" bewahrte. So forderte er von seinen Redakteuren vor der jüngsten Bundestagswahl überdies ein, "wirklich unabhängig und kritisch zu bleiben und keine Sympathien für die eine oder die andere Partei zu zeigen". Brender war es auch, der zusammen mit seinem Stellvertreter Elmar Theveßen die Kritikfähigkeit in die Sportberichterstattung brachte. Eine Doping-Taskforce entstand.

Den anderen gefällt, dass sich unter Brender "Hallo Deutschland", die "Drehscheibe" und gelegentlich auch das "Morgenmagazin" zu bunten und boulevardesken Magazinen entwickeln durften. Das stärkte zwar die Quote, schwächte aber das Profil des Senders und brachte seine Programmierung in Verruf. Dazu trug auch der krasse Abbau auf dem Sendeplatz der "ZDF-Reportage" bei sowie das Abschieben vieler Dokus auf Sendeplätze nach Mitternacht, was viele Auslandskorrespondenten des ZDF sogar zu massiver öffentlichen Kritik trieb. Das alles sind Baustellen, auf denen sich Brenders Nachfolger Peter Frey schnell verdient machen könnte, der über einen Etat von 500 Millionen Euro pro Jahr verfügen wird (von denen allerdings 300 Millionen Euro allein für Sport-Rechte draufgehen).

Brender wird im Sender zwar nachgesagt, oft lautstark aufgetreten zu sein. Wer sich umhört, erfährt aber auch: Wer ihn überzeugte, den ließ der heute 61-Jährige machen. Als "Frontal21" auf Sendung ging, ging er vor den Türen der Redaktion im Hauptstadtstudio des Zweiten nervös auf und ab – mischte sich aber zu keiner Zeit in die Inhalte und Machart seines neuen Formats ein. Eine Strategie, die bis zuletzt aufging.

Auf der Zielgeraden seiner zweiten Amtszeit schoss schließlich nicht nur die Journaille, sondern auch Hessen-Chef Roland Koch auf Brender ein. Koch hinterfragte öffentlich, wie sich die Informationssparte des ZDF unter dem einstigen Lateinamerika-Reporter entwickelt hatte, der vor seiner Zeit beim ZDF Chefredakteur des soliden WDR war. "Können wir im Wettbewerb mit anderen zufrieden sein?", fragte Koch, der Mitglied des ZDF-Verwaltungsrates ist und Brender fort schicken wollte. Brender aber wehrte sich mit enormer Vehemenz gegen politische Einflüsse. Auch viele Medien und Politiker stellten sich zwischen ihn und die CDU-Attacken.

Koch ging es nach eigenem Bekunden etwa um die Einschaltquoten. Er warf Brender unter anderem vor, seit dessen Antritt würden weniger Menschen die "heute"-Sendung sehen. Tatsächlich hat die Hauptsendung um 19 Uhr in den vergangenen Jahren Marktanteile eingebüßt. Das gilt aber auch für die "Tagesschau". Alarmierend dürfte für beide öffentlich-rechtlichen Sender sein, dass gleichzeitig die Privaten mit "RTL-Aktuell" zulegten. Also vielleicht doch ein Grund, nach zehn Jahren der "Ära Brender" mal einen Wechsel herbeizuführen und neue Ideen zu testen? Brender indes wuchs zum "Untouchable" heran, an dem auch inhaltliche Kritik abprallte.

Für manche im ZDF war Brender ein schwieriger Zeitgenosse. Mitarbeiter berichten, es gebe oft nur ein mit oder ein gegen ihn, aber nur selten ein dazwischen. Vielleicht geht es aber ohne diese persönlichen Mängel gar nicht in einem Job, in dem sich jeder um einen herum profilieren will. Viel wichtiger erscheint da Brenders Fähigkeit, selten nachtragend gewesen zu sein. Da wirkt seine Zeit auf einem Jesuitenkolleg nach. In St. Blasien im Südschwarzwald lernte er auch, wie das mit der Haltung funktioniert. Als Brender dafür mitten in der hitzigen Debatte mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis geehrt wurde, berichtete er: "Wir hatten eine Erziehung, in der wir angehalten wurden, nicht einfach zu kuschen."

Wie sehr er diese Haltung adaptierte, das zeigte sich etwa am Abend der Bundestagswahl 2005. Auf dem Sender sprach Brender Gerhard Schröder mit "Herr Bundeskanzler, das sind Sie ja noch" an. Der fiel aus allen Wolken und Brender ins Wort: "Das bleibe ich auch – auch wenn Sie dagegen arbeiten." Brender schoss zurück, ARD und ZDF sei das nicht vorzuwerfen: "Nicht alles, was Ihnen nicht passt, ist Kampagne!"

Fortan war der ZDF-Chefredakteur für die Mächtigen ein mediales Risiko. Eine Gefahr für die, die es nicht ertragen können, dass Journalisten der Objektivität und nicht einem Parteibuch verpflichtet sind.  Für Menschen wie Roland Koch. Brenders Nachfolger, Peter Frey, wird deshalb am 1. April in große Fußstapfen treten. Viel Freiraum, um sich selbst einen Namen als Chefredakteur zu machen, wird er trotzdem haben. Schließlich hat ihm Brender genug offene Baustellen hinterlassen – vom teils unerträglichen Übermaß an Boulevard bis hin zu den peinlich-verschmähenden Sendeplätzen für die journalistischen Perlen des Programms.

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