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Sebastian W.: Justiz will Verfahren einstellen

Noch am Dienstagabend hatte die Hamburger Staatsanwaltschaft auf Anfrage von Bild.de bestätigt, dass sie ein Ermittlungsverfahren gegen den Journalisten Sebastian W. führt. Dabei gehe es, wie Behördensprecher Wilhelm Möllers mitteilte, um Betrug und Titelmissbrauch. Tatsache ist, dass der zuständige Staatsanwalt die Akte bereits in der vergangenen Woche "mangels Tatverdachts" geschlossen hatte. Rechtsverbindlich ist die Einstellung allerdings noch nicht, Spiegel Online kann dagegen in Beschwerde gehen.

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Und diese Wahrscheinlichkeit ist nach MEEDIA-Informationen hoch. Zum Hintergrund: Spiegel Online war einer der Auftraggeber des freien Journalisten und hatte unter anderem einen Text veröffentlicht, der in der Folge den Presserat beschäftigte. Dabei ging es um einen offensichtlich nicht existenten Juristen namens Carsten Penkella, den Sebastian W. in verschiedenen Artikeln bei mehreren Medien zitiert hatte. Um die Identität des angeblichen Kölner "Fachanwalts für Telekommunikationsrecht" (eine Bezeichnung, die es gar nicht gibt) zu klären, hatte Spiegel Online am 3. Dezember 2009 Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet. In diesem Zuge sollte vor allem geklärt werden, ob es sich beim falschen Experten um einen Hochstapler handelt oder dieser unter Umständen eine Erfindung des Autoren sein könnte.
Dazu wird es zumindest aus Sicht der Hamburger Staatsanwaltschaft nicht kommen. Denn der zuständige Dezernent lehnte weitere Ermittlungen "aus Rechtsgründen" (Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers) ab. Die Begründung scheint allerdings nicht unproblematisch. Sinngemäß erklärte die Behörde, der Tatverdacht auf Betrug sei auch deshalb nicht gegeben, weil man ja nicht wisse, ob der Autor für seinen Artikel überhaupt Geld erhalten habe. Der Verdacht auf Titelmissbrauch entfalle, da Sebastian W. sich ja nicht selbst als Anwalt ausgegeben sondern den Juristen lediglich zitiert habe.
Das Hamburger Verfahren enthält eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten und Ungereimtheiten. Denn obwohl Behördensprecher Möllers darauf hinweist, dass es in Hamburg nur ein einziges Ermittlungsverfahren in dieser Sache gebe, führt die Staatsanwaltschaft den Fall nach MEEDIA-Informationen unter zwei verschiedenen Aktenzeichen. Auf Anzeige von Spiegel Online waren Anfang Dezember unter Az 83 UJS 18182/09 Ermittlungen gegen Unbekannt wegen Betrugs eingeleitet worden. Der Einstellungsvermerk wird dagegen unter dem Aktzenzeichen Az 3404 JS 91/10 gelistet. Und dieser nennt neben dem infrage kommenden Betrug auch noch den Tatbestand des Titelmissbrauchs – dabei war dieser nie angezeigt worden. Völlig unklar ist auch, wie der Name von Sebastian W. in die Rubrik des Beschuldigten gelangen konnte. Zwar hatte Spiegel Online ihn in der Anzeige genannt, jedoch nicht als von der Redaktion Verdächtigten.
Von daher ist davon auszugehen, dass Spiegel Online in die Beschwerde gehen und weitere Aufklärungsarbeit einfordern wird. Die zentrale Frage des Nachrichtenportals war, wer "Carsten Penkalla" tatsächlich ist oder diese Figur kreiert hat. Auf diese Frage ist die Hamburger Staatsanwaltschaft offenbar bislang die Antwort schuldig geblieben. Dabei gab es Anhaltspunkte für behördliche Ermittlungen: In einem Schreiben, das Sebastian W. von dem falschen Juristen erhalten haben will, sind eine Handynummer (0157-84400044) sowie eine Freemail-Adresse (penkella.carsten@email.de) angegeben (siehe unter dem Artikel verlinktes PDF).
Es scheint also durchaus möglich zu klären, welche Person(en) diese registrieren ließ(en). Die Spiegel-Gruppe lehnte auf MEEDIA-Anfrage jeglichen Kommentar zu den Vorgängen ab.
Im Beschwerdeweg könnten solche Ermittlungen eingefordert werden. Auch in Berlin liegt seit Dezember eine Strafanzeige, die der Springer Verlag gegen Unbekannt gestellt hat. Stand der dortigen Ermittlungen: unbekannt.

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