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Kachelmanns mediale Selbstinszenierung

Jedes mediale Ereignis hat seine Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen. Der Kampf um die visuelle Hoheit im Fall Kachelmann hat gerade begonnen. Das erste Foto für die Ewigkeit zeigt den Moderator beim Verlassen des Gerichtsgebäudes: Er ist rasiert und hat einen ruhigen Gesichtsausdruck. Medienanwalt Christian Schertz kritisierte in diesem Zusammenhang die Zurschaustellung des 51-Jährigen durch die Behörden. Tatsache ist aber auch: Kachelmann selbst wollte mit den Journalisten sprechen.

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"Mir ist kein Fall in der deutschen Pressegeschichte bekannt, wo es die Justiz ermöglicht hat, dass ein bloßer Beschuldigter vor laufenden Kameras in eine grüne Minna weggeschlossen wurde", erklärte der Berliner Medienanwalt gegenüber der Deutschen Presse-Agentur das Vorgehen der Mannheimer Staatsanwaltschaft. "Der Staat hat eine unbedingte Schutzpflicht, auch für den Beschuldigten, dass er nicht ohne Not in einer für ihn unwürdigen Situation abgebildet wird."
So einfach scheint die Sache nicht. Nicht der Staatsanwalt allein war für Kachelmanns Kontakt mit den Journalisten verantwortlich, sondern auch der Beschuldigte selbst. Sein Auftritt könnte der Auftakt einer "PR-Aktion" des prominenten Häftlings sein, die scheinbare Zurschaustellung war eher eine öffentliche Vorführung des Fernsehprofis. Gegenüber der Bild-Zeitung erklärte Amtsgerichtssprecher Volker Schmelcher in diesem Zusammenhang: "Das Vorgehen wurde mit Herrn Kachelmann abgestimmt, dem auch Gelegenheit gegen wurde, sich gegenüber der Presse zu äußern." Das heißt in Klartext: Kachelmann wollte diesen Auftritt.
Der Berliner Tagesspiegel zitierte am Freitag indirekt den Verteidiger Kachelmanns, der die Version des Gerichtssprechers allerdings nur in Teilen bestätigt. Dort heißt es: "Kachelmanns Anwalt sagte dagegen, sein Mandant sei lediglich darüber informiert worden, dass Journalisten im Hof warten würden. Herr Kachelmann habe dann aber mit den Reportern sprechen wollen."
Unabhängig, ob nun die Tagesschau berichtet oder nicht: In den Medien tobt längst die Schlacht zwischen dem Angeklagten TV-Moderator und seiner Anklägerin, seiner früheren Lebensgefährtin. Beide müssen und wollen die Öffentlichkeit überzeugen. Und beide können das auch, denn sie sind Medien-Profis. Als Radiomoderatorin weiß auch das vermeintliche Opfer sehr wohl, wie die Mechanismen der Berichterstattung funktionieren. 
Trotzdem ist Kachelmann als Meister kurzer, prägnanter TV-Auftritte wohl im Vorteil. Er ist sich sicherlich jederzeit der Macht der Bilder bewusst. Menschen, die täglich vor der Kamera stehen, lernen sehr schnell, dass jede noch so kleine Geste zählt. Das Outfit, die Frisur, der Gesichtsausdruck: alles ist wichtig. Oftmals ist das Gesamtbild, das im Kopf des TV-Zuschauers entsteht und hängen bleibt, wichtiger als die Off-Moderationen eines Nachrichtensprechers, der über Richter, Anklagen und Vergewaltigung spricht.
Ordentliches, legeres Auftreten, ein klarer und freundlicher Blick – die Botschaft, die in Mannheim vor dem Amtsgericht transportiert werden sollte, scheint eindeutig: Hier steht jemand, der nichts zu verbergen hat. Hier steht jemand, der sich offen den Vorwürfen stellt, weil er weiß, dass er unschuldig ist. 
Im Kampf um die öffentliche Wahrnehmung, rächt sich jetzt Kachelmanns langjähriges Bestreben, sein Privatleben stets geschützt zu haben. Die Menschen vor den TV-Geräten haben noch kein festes Bild des Privatmannes Jörg K. Mittlerweile weiß man zwar, dass er bereits verheiratet war und auch Vater von Kindern ist. Aber wie ist der Familienmensch Kachelmann? Ist er ein despotischer Haus-Tyrann oder ein liebender Ehemann und Vater? "Der nette Herr Kachelmann", titelt selbst die Bild am Freitag ratlos auf Seite eins und fragt: "Kann man sich in einem Menschen so täuschen?"
"Die Sache ist schwarz-weiß. Wer wird als Täter, wer als Opfer wahrgenommen?", fragt der ehemaligen stern-Redakteur und Kommunikationsexperte Peter Höbel in einem Interview mit dem Medienmagazin V.i.S.d.P. Für den Fachmann läuft es auf eine Fragestellung hinaus: "Entweder: Sex-Täter Kachelmann versus armer Frau – dann ist er weg vom Fenster." Oder: "Kachelmann Opfer einer Intrige versus Frau als berechnende Rufmörderin." Die Vorteile sieht Höbel auf Seiten des Wetterexperten. Denn Kachelmann kann als beliebter Moderator auf einen hohen Vertrauensvorschuss setzen. "Wenn letztlich die Öffentlichkeit von seiner Unschuld überzeugt ist, kommt er mit einem blauen Auge davon."
Die Strategie der Verteidigung wird es also sein, den großen Unbekannten hinter dem gutgelaunten Wetterfrosch in den Vordergrund zu bringen. In den nächsten Wochen erwartet uns wohl eine Vielzahl von Geschichten über den Familienmenschen Kachelmann. Gleichzeitig könnte auch die ehemalige Lebensgefährtin versuchen, die bunten Seiten und die Boulevard-Blätter und -TV-Magazine für sich einzunehmen – über Botschaften ihrer Anwälte, vielleicht sogar über anonymisierte Interviews. 
Ein Teil des Rechtsstreits wird – wie so oft – nicht vor Gericht, sondern auch in Bild, Bunte und bei Explosiv und Brisant entschieden. Das erste Bild im Fall Kachelmann ist gemacht und hat sich kollektiv eingebrannt. Es wird nicht das letzte gewesen sein. Fortsetzung folgt, ganz unabhängig von der Frage, ob Jörg Kachelmann in den nächsten Wochen das Gefängnis verlassen kann oder nicht.
Nachtrag am 29. März: Aufgrund der unterschiedlichen Aussagen des Gerichtssprechers sowie des Anwalts von Jörg Kachelmann hat MEEDIA die diesbezüglichen Passagen nocht einmal aktualisiert und überarbeitet.

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