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Erneut Journalist unter Fälschungsverdacht

Mindestens drei Redaktionen in Deutschland haben offenbar Artikel veröffentlicht, in denen Zitate frei erfunden waren. Nach Recherchen des Medienmagazins journalist und von MDR Sputnik hat der freie Autor Sebastian W. u.a. an Spiegel Online, den Südkurier und an Welt Online Texte verkauft, in denen sich ein Experte äußert, der womöglich gar nicht existiert, sondern vom Autor erfunden wurde. Der 25-Jährige bestreitet die Vorwürfe. Inzwischen beschäftigt der Fall die Staatsanwaltschaft.

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Durch ein Verfahren vor dem Presserat war der Verdacht aufgekommen, dass ein in mehreren Medien vom selben Autor zitierter Experte nicht existiert. "Recherchen der Welt-Gruppe haben den Verdacht bestätigt und darüber hinaus Zweifel an der Existenz weiterer von Herrn W. zitierten Experten aufkommen lassen", so ein Sprecher des Springer-Verlags. Über die Zahl der betroffenen Texte machte er keine Angaben. Offenbar handelt es sich aber nur um vereinzelte Zitate, so dass der Betrug am Leser lange unentdeckt blieb. Die Artikel – so heißt es aus einer der betroffenen Redaktionen – wären auch ohne die beanstandeten Passagen ausgekommen. Es handele sich also nicht um einen weiteren Fall Tom Kummer. Trotzdem haben die drei Medienunternehmen Konsequenzen gezogen.
 
"Da aus unserer Sicht ein schweres Fehlverhalten gegen Vertragsverpflichtungen und journalistische Grundsätze, insbesondere den Pressekodex, vorliegt, haben wir die Zusammenarbeit mit dem Autor sofort beendet, die von ihm erstellten Artikel vorsorglich offline gestellt und Strafanzeige erstattet", heißt es bei Springer. Auch im Archiv von Spiegel Online findet man nur noch einen Bruchteil der Veröffentlichungen des Autors. Die stellvertretende Redaktionsleiterin wollte sich zu dem Fall aufgrund eines "schwebenden Verfahrens" nicht äußern. Der Südkurier hat die Zusammenarbeit mit W. ebenfalls eingestellt.
 
Gegen alle drei Unternehmen hat der Presserat eine Rüge geprüft, aber verworfen. Nach Informationen des Medienmagazins journalist und von MDR Sputnik konnte das Gremium kein Fehlverhalten der Redaktionen selbst feststellen. W. schrieb auch für das Mediummagazin einen Beitrag über das Verhalten der Medienvertreter beim Amoklauf in Winnenden und war freier Mitarbeiter des Bildblogs. Bildblog-Gründer Stefan Niggemeier teilte dazu auf Anfrage von MEEDIA mit: "Sebastian W. hat bislang zwei Beiträge für Bildblog geschrieben. Bislang kennen wir weder den genauen Vorwurf gegen ihn, noch hatten wir Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Ob wir Konsequenzen ziehen müssen und welche das wären, werden wir erst nach einem persönlichen Gespräch entscheiden."
 
Der Autor Sebastian W. ist erst 25 Jahre alt und studiert an der Katholischen Universität Eichstätt Journalistik. Trotzdem ist er kein Anfänger. Auf seiner Internetseite listet er etwa 400 selbstverfasste Artikel auf – unter anderem im Tagesspiegel, bei Stern Online, in der Zeit, in der Saarbrücker Zeitung und im Flensburger Tageblatt. Allein im Dezember 2007 brachte W. es laut seiner Webseite auf 25 Veröffentlichungen.
 
Sebastian W. war trotz mehrerer Anfragen per E-Mail und
Telefon für eine Stellungnahme gegenüber dem Medienmagazin journalist nicht zu erreichen. Gegenüber MEEDIA erklärte er: "Ich darf Ihnen zu diesem Artikel mitteilen, dass die Vorwürfe, ich hätte erfundene Zitate bei mehreren deutschen Medien platziert, nicht zutreffend sind. Ferner ist die Behauptung, der Axel Springer Verlag habe in diesem Zusammenhang gegen micht eine Strafanzeige gestellt, nicht zutreffend. (…) Mein letzter Kenntnisstand war der, dass eine Anzeige gegen Unbekannt gestellt wurde, um der Identität des vermeintlichen Kölner Rechtsanwalts nachzugehen."
 
Bei dem von Sebastian W. genannten "Kölner Rechtsanwalt" handelt es sich um einen aller Wahrscheinlichkeit nicht existenten Anwalt, unter dessen Namensnennung Zitate in mehreren Texten des 25-Jährigen zu verschiedenen Themen enthalten waren. Mit diesem Thema sind derzeit die Staatsanwaltschaften in Berlin und Hamburg befasst, wobei zu klären ist, wer was erfunden hat und ob unter Umständen ein unbekannter Dritter den Autoren hinters Licht geführt haben könnte. Wie dem Artikel oben zu entnehmen ist, geht es aber offensichtlich um weitere von W. angeführte Experten, deren Existenz ebenfalls strittig ist. Bis zur endgültigen Aufklärung wird also noch einige Zeit vergehen.
Sebastian W., der erklärte, er sei im Falle des Kölner Anwalts einem Hochstabpler aufgesessen, ist nach einer Meldung von Bild.de vom 30. März unter Berufung auf den Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft nun offiziell Beschuldigter im Rahmen eines Ermittlungserfahrens wegen Betrugs und Titelmissbrauchs.

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