Das Tablet-Kuddelmuddel der Verlage

Die deutschen Verlage sind im Tablet-Fieber - doch es ist zu befürchten, dass die Krankheit keinen guten Verlauf nehmen wird. Bereits vor dem Verkaufsstart von Apples iPad gibt es zu viele Projekte, Ankündigungen und Begehrlichkeiten, als das am Ende eine gemeinsame Online-Plattform für elektronische Zeitungen und Zeitschriften dabei herauskommen könnte. Zu groß ist das Konkurrenzdenken der Medienhäuser. Apples App-Store und Googles Android dürften letztlich als Sieger vom Platz gehen.

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Die Ankündigung von Gruner + Jahr-Vorstandschef Bernd Buchholz bei der Bilanzvorstellung vergangene Woche war eine handfeste Überraschung. Nicht für Apples gehyptes iPad wird es den Stern als E-Mag geben, sondern zunächst für das deutsche Konkurrenzprodukt wePad. Das Signal, das von dieser Ankündigung ausgehen sollte, ist klar und deutlich an Apple gerichtet. Der kalifornische Hardware-Hersteller soll gezeigt bekommen, dass Inhalte-Anbieter wie G+J Alternativen in Sachen digitaler Vertrieb haben. Die Verlage versuchen, die Lufthoheit über die Diskussion um die Zukunft des Publizierens zurückzugewinnen. Leider machen sie dabei keine allzu glückliche Figur.

Apple hatte die Verlage in der jüngeren Vergangenheit geärgert. Da war zum einen das kurzzeitige Löschen der Stern-App wegen einer angeblich zu freizügigen Bildergalerie. Dann sorgte die Meldung für Unruhe, dass Apple tausende Apps mit freizügigen Inhalten ohne Vorwarnung aus seinem Store entfernt hatte.

Deutsche Verleger beobachten das Verhalten von Apple mit Stirnrunzeln. Mathias Döpfner, Vorstandschef von Springer, prangerte die Apple-Methoden bei der Vorstellung der eigenen Zahlen an. Döpfner: "Die eigentlich läppische Diskussion um barbusige Mädchen auf der Bild-Plattform hat nichts mit der Frage der journalistischen Freiheit zu tun, sie war aber durchaus ein kleines Symbol-Event."

Auch der Springer-Konzern bemüht sich, Apple zu demonstrieren, dass es noch andere Konzerne gibt, mit denen man technisch zusammenarbeiten kann. Gemeinsam mit dem Spiegel Verlag unterstützt Springer darum einen Vorstoß der Deutschen Telekom. Der rosa Riese verkündete auf der vergangenen Cebit, einen digitalen Online-Kiosk etablieren zu wollen, sekundiert von Springer und Spiegel. Parallel tüftelt der Bertelsmann Konzern ebenfalls an einem eigenen Online-Kiosk. Die Gruner + Jahr-Magazine wäre gesetzte Inhalte-Lieferanten. Vielleicht wäre die WAZ auch noch mit von der Partie sein, heißt es. Wirklich spruchreif scheint aber noch eher wenig zu sein.

Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte G+J-Chef Buchholz lediglich, viele Verlage hätten "ihre Bereitschaft signalisiert". Trotz der bisher mehr als vagen Aussagen hat man sich vorgenommen, den Bertelsmann-Online-Kiosk zur zweiten Jahreshälfte zu starten. Verlage, die dabei sein wollen, sollen sich auch beteiligen. Die Direct Group von Bertelsmann und die G+J-Vertriebstochter DPV wollen als Initiatoren die restlichen Anteile unter sich aufteilen. Die technische Basis für das ambitionierte Projekt könnte von den Machern des wePad kommen, der Firma Neofonie. Die Firma verspricht, dass sie Inhalte für die verschiedensten Plattformen aufbereiten kann, egal ob Handy, Tablet oder Computer. Für die Verlage würde dies ein wesentliches Problem lösen: Für jedes Gerät, eine eigene App zu entwickeln ist teuer und ineffektiv.

Allerdings haben sind verlagsübergreifende Allianzen in der Vergangenheit so gut wie noch nie funktioniert. Meistens sind Konkurrenzdenken und die Furcht, der jeweils andere könnte sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, zu ausgeprägt, als dass eine wirkliche Kooperation zustände käme. Wenn man auf dem Print-Markt über Jahre hinweg gewohnt war, die Konkurrenz bei jedem vermeintlichen Wettbewerbsverstoß abzumahnen oder zu verklagen, setzt man sich eben nicht von heute auf morgen gemeinsam an einen Tisch und entwirft eine schlüssige Digital-Strategie.

Dann ist da auch noch der Online-Händler Amazon, der seinen E-Reader Kindle seit einiger Zeit auch hierzulande verkauft. Für den Kindle werden auch elektronische Zeitungen und Zeitschriften angeboten, ein weiteres proprietäres Inhalte-Biotop. Die Großmacht Google hält zwar wegen der öffentlichen Kritik derzeit die Füße still, aber der Internet-Konzern dürfte bereits eine Tablet-Version des Handy-Betriebsystems Android in Vorbereitung haben. Android wird zunehmend populär und entwickelt sich immer mehr zur mobilen Alternative für alle, die keine iPhone/Apple-Umgebung möchten. Es gibt also mit Google/Android und Apple/iPhone zwei populäre Umgebungen, die beide den Verlagen aus vor allem einem Grund nicht so Recht in den Kram passen: Beide sind zu erfolgreich.

Stattdessen verheddern sich die Verlage in Sachen E-Publishing in einem fast ausweglosen Kuddelmuddel. Weder die technischen, noch die inhaltlichen Fragen sind derzeit ausdiskutiert. Es steht noch nicht einmal fest, wer bei wem mitmacht oder auch nicht. Zudem gibt es mit der Telekom und Bertelsmann wieder zwei potenzielle Anbieter eines Online-Kiosk. Em Ende wird den Verlagshäusern wohl nichts anderes übrig bleiben, als wohl oder übel mit Apple und Google zusammenzuarbeiten. Denn die wirkliche Entscheidung, welches System sich durchsetzt, treffen weder die Telekom-Anbieter, noch die Software-Hersteller, noch die Online-Händler oder die Hardware-Konstrukteure. Die wirkliche Entscheidung treffen die Konsumenten. Und die stimmen derzeit mehrheitlich für iPhone und Android ab.

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