Hiobsbotschaft mit Zeitverzögerung

Entlassungen bei der Abendzeitung und dem Jahreszeitenverlag belegen, dass die Medien-Krise nicht ausgestanden ist. Die Nachricht vom drastischen Stellenabbau bei der AZ kursierte schon vergangenes Jahr, wurde damals aber dementiert. Die Zeitverzögerung macht die Hiobsbotschaft nicht besser. Bei G+J versucht man die roten Zahlen 2009 mit der Aussicht auf eine E-Mag-Offensive vergessen zu machen und der Spiegel war doch wieder bei den Lead Awards. Nicht als Sponsor, sondern als Preisträger.

Anzeige

Die Münchner Abendzeitung baut massiv Stellen ab und streicht jeden vierten Job. Manche werden sich erinnern, dass das PDF-Magazin ViSdP im November vergangenen Jahres einigen Wirbel mit einer via Twitter verbreiteten Meldung machte, in der die Kollegen schrieben, dass der AZ ein massiver Stellenabbau bevorstehe. Die Aufregung war groß. AZ-Geschäftsführer Dieter Schmitt dementierte die Meldung damals mit den Worten: "komplette Lüge". Es habe noch nicht einmal Gespräche gegeben. Mittlerweile haben offensichtlich Gespräche stattgefunden. Jetzt schreibt ViSdP in der aktuellen Ausgabe: "Die Abendzeitung aus München trennt sich von 40 ihrer 90 Mitarbeiter. Dazu sagen wir jetzt mal nix." Die Verunsicherung bei solchen Meldungen wie der von ViSdP via Twitter ist oft groß. Noch größer wird sie, wenn sich die Hiobsbotschaften mit Zeitverzögerung als Realität herausstellen.

Um gleich noch die nächste unangenehme Branchen-Meldung der Woche zu erwähnen: Der Jahreszeitenverlag glaubt, künftig ohne Redakteure auskommen zu können. Ein neues Konzept sieht vor, dass es nur noch Chefredakteur und Ressortleiter mit Stellvertretern gibt. Der Plan zeigt, wie groß die Verzweiflung in mittelständischen, anzeigenabhängigen Medienhäusern ohne Konzernanbindung sein muss. Der Trend hin zum Sparen, Zusammenlegen von Redaktionen und Auslagern von "Service" ist noch lange nicht vorbei. Das Thema wird womöglich auch noch einige weitere Tageszeitungen beschäftigen.

Zahlen gab es auch in dieser Woche, und zwar von Bertelsmann und der Print-Tochter Gruner + Jahr. Dass G+J 2009 in die roten Zahlen rutschte, war schon so erwartet worden. Vorstandschef Bernd Buchholz versuchte bei der Vorstellung des schlechten Ergebnisses Zukunftsstimmung zu verbreiten, indem er eine Tablet-Initiative mit einem E-Mag des Stern ankündigte. Aber, oh Wunder, nicht für Apples gehyptes iPad, sondern für das deutsche Konkurrenzprodukt wePad. Damit will der Hamburger Großverlag vielleicht ein Zeichen der Unabhängigkeit gegen die zunehmend skeptisch beäugte Marktmacht von Apple setzen. Ob das klappen wird, darf bezweifelt werden. Während viele der Veröffentlichung des iPad geradezu entgegenfiebern, scheint sich um das wePad keiner so Recht zu scheren. Daran wird ein E-Mag des Sterns als Paid Content kaum etwas ändern.

Der Spiegel hat es in dieser Woche zum Lead Magazin des Jahres gebracht. Die Jury der Lead Academy konnte den Spiegel ganz unverkrampft auszeichnen, da der Spiegel Verlag schon im vergangenen Jahr zum Leidwesen von Academy-Chef Markus Peichl als Hauptsponsor der Awards ausgestiegen war. Der Spiegel sei "sympathischer, zeitgemäßer, aufgeräumter und zugänglicher als früher", lobte Peichl nun. Das Nachrichtenmagazin habe an Arroganz verloren und an Relevanz gewonnen. Der Spiegel ist ganz ohne Zweifel ein Leuchtturm im deutschen Journalismus und jedes Preises würdig. Vielleicht fühlt man sich beim Spiegel ja so sehr geschmeichelt, dass man im kommenden Jahr auch wieder ein paar Euros für die Lead Awards springen lässt.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige