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Digital Economy Bill: Machtlos gegen die Menge

Das neue Urheberrecht, die Digital Economy Bill, hat hier in Großbritannien bisher für überwiegend negative Reaktionen gesorgt, und dass obwohl er noch nicht einmal in Kraft getreten ist. Neben der Erosion von Copyrights für journalistische Arbeit (siehe Blog-Story vom Februar) sollen auch der Schutz für Fotographen deutlich gestutzt werden. Die Klausel 43 sieht vor, dass […]

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Das neue Urheberrecht, die Digital Economy Bill, hat hier in Großbritannien bisher für überwiegend negative Reaktionen gesorgt, und dass obwohl er noch nicht einmal in Kraft getreten ist. Neben der Erosion von Copyrights für journalistische Arbeit (siehe Blog-Story vom Februar) sollen auch der Schutz für Fotographen deutlich gestutzt werden.

Die Klausel 43 sieht vor, dass Bilder ohne Quellenangabe, also "Waisen", von jedem genutzt werden können, nachdem eine "gewissenhafte" Suche nach dem Urheber erfolglos blieb oder dieser nicht kontaktiert werden konnte. Dann nehmen wir mal das Bild hier als Beispiel: Eine Hecke. Schönes Bild, prima für Verpackungen oder Aufmacherseiten. Wenn Sie das Bild per Zufall ohne weitere Angaben gefunden haben, ist dessen Urheber praktisch nicht nachweisbar. Bei Google.co.uk bringt das Suchkriterium "Hedge" (ohne "fund") 3,8 Millionen Bilder, auf deutsch bringt "Hecke" immerhin 141,000 Bildergebnisse. Wie soll man da den Urheber dieses Bildes finden? (Der Vollständigkeit halber, dieses Bild stammt vom Fotographen Sam Robinson, die Hecke von seinen Eltern. Der hochstehende Ast durfte noch ein paar weitere Sommertage genießen.)

Die Damen und Herren hinter dem Digital Economy Bill haben möglicherweise wenig Erfahrung mit Google, Twitter, Blogs und Flickr. Ein bisschen mehr Know-how würde den Politikern klarmachen, wie leicht Metadaten zu löschen, zu verschlampen oder zu korrupteren sind (auch wenn dies in 2003 als rechtswidrig erklärt wurde ist es in der Realität kaum als vorsätzliche Handlung nachzuweisen), wie schwer es ist, Leute mit generischen Namen zu finden, und wie oft Bildquellen weggelassen werden. All dies soll nun mit der Blanko-Entschuldigung der "gewissenhaften Suche" nach dem Urheber eines Bildes abgespeist werden.

Das offizielle Argument für die Klärung der Rechtslage ist dabei durchaus lobenswert: Bildquellen von historischen Materialien sind oft nicht nachweisbar, was für Museen und Bibliotheken ein ständiges Problem ist. Die British Library geht davon aus, dass 40 Prozent ihres Archivmaterials ohne Quelle ist.

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Die Regierung plant zudem, eine Kontaktstelle einzurichten, die einen "fairen" Lizenzpreis für Bildwaisen kassiert und bei der geprüft werden kann, ob ein bestimmtes Bild genutzt wurde. Sollte der rechtliche Urheber eines Bildes entdecken, dass sein Werk namenlos benutzt wurde, bekommt er den "fairen" Preis, den das Amt kassiert hatte. Das System baut auf Ehrlichkeit seitens der Medien und darauf, dass Photographen regelmäßig diese Dateien durchsuchen, um zu erfahren, ob ihre Arbeit ohne ihr Wissen benutzt wurde.

Auch der staatlich finanzierten BBC soll das Leben damit einfacher gemacht werden. Die Protestgruppe "Copyright Action" stimmt zu, dass Museen und andere kulturelle Einrichtungen freien Zugang zu Waisen-Bildern haben müssen. Die vorgeschlagene neue Rechtslage scheint für prinzipiell kommerzielle Einrichtungen wie die BBC mit ihrem jährlichen Budget von £1 Mrd. wenig fair zu sein, weshalb die Foto-Branche vermutet, Medienlobbies stecken hinter der neuen Legislatur. Die BBC hat in dieser Hinsicht – laut der Protestgruppe – seit Jahren schon einen schlechten Ruf und mehrfach versucht, Urheberrechte an sich reißen zu wollen oder diese zu verletzen. In den letzten Jahren hat der Sender zudem immer mehr auf Crowdsourcing umgestellt.

Und hier liegt vielleicht auch die größere Gefahr für Fotographen: Es gibt 25 Mal mehr Amateurfotographen als Profis. Deren Bilder werden als "Zuschauereinsendungen", "Augenzeugen"-Tweets oder schlicht als anonyme Bilder im Internet zunehmend von Medien genutzt, die kein Geld für Rechte haben oder ausgeben wollen. Bei einem führenden Immobilienfachblatt, für das ich zwischendurch frei arbeite, wird seit über einem Jahr nur noch auf quellenloses Bildmaterial von Flickr zurückgegriffen, und Portraits werden schnell mit der Digitalkamera im Büro von der Sekretärin gemacht. Wenn jetzt auch noch die Regierung den Zugriff auf alle Waisen-Bilder derart vereinfacht, muss man sich fragen, was für professionelle Fotographen noch übrig bleibt.

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