Anzeige

Stern: die schöne neue Welt des E-Mags

Die Ankündigung von G+J-Chef Bernd Buchholz kam überraschend: Nicht das hochgelobte iPad von Apple ist die Plattform für die Tablet-Strategie des Konzerns, sondern das fast unbekannte deutsche wePad, ein womöglich unterschätzter Namensklon des US-Vorbilds. In den nächsten Wochen wird zunächst der Stern multimedial auf den Tablet PC gebracht, weitere Magazine, nicht nur aus dem eigenen Haus, sollen folgen. Der Plan sieht nach Ansicht von Beobachtern vor, dass Gruner die Speerspitze im Trendmarkt bildet.

Anzeige

Mit seiner Ankündigung setzt der Vorstandschef alle unter Druck: den Markt, Apple, aber auch die Entwickler im eigenen Haus. Das, was die Journalisten im Anschluss an die Bilanzpressekonferenz in Hamburg präsentiert bekamen, war nämlich nicht mehr als ein Dummy. Als Hardware dienten zum Tablet umfrisierte Fujitsu-Laptops, das darauf geladene E-Magazine des Stern war eine frühe Stufe des als Endprodukt konzipierten multimedialen Gesamterlebnisses, das die elektronische Ausgabe beim Marktstart liefern soll – eine Art "Als die Bilder laufen lernten" des künftigen E-Mags oder, wie Bernd Buchholz es ausdrückte, "eine Art Sneak Preview".
Immerhin: Navigiert wird auch auf dem Laptop-Ersatz über eine Touchscreen, mittels derer sich das Magazin in alle Richtungen bewegen lässt, über die Bilder und Texte wie auf dem iPhone größer gezogen oder Videos abgespielt werden können, etwa ein gesprochener Kommentar von Stern-Politikchef Hans-Ulrich Jörges. Das E-Mag ist dabei auch eine Schnittstelle zum Web, listet Suchergebnisse aus dem Stern-Archiv und zusätzlich Twitter- oder Wikipedia-Treffern. Eingeweihte berichten davon, dass die multimedialen Funktionen weiter perfektioniert werden. "Da stehen noch Quantensprünge an", heißt es. Für Buchholz ist klar: "Das E-Mag transportiert alle Heftinhalte, hat als Produkt aber mit dem Printtitel nichts gemein."
Eben dieser Mehrwert ist es, den der G+J-Chef als unerlässlich für die Bepreisung der digitalen Inhalte hält. Nahe am Printprodukt dürfte der Betrag liegen, den E-Mag-Nutzer für den Stern zahlen müssen. 2,99 Euro pro Ausgabe könnte der Wahrheit recht nahe kommen, zumal sich der Copypreis des Heftes demnächst auf 3,50 Euro erhöhen dürfte. Die wePad-Variante wird mittelfristig wohl auch Apple zwingen, sich bei den rigiden Vorgaben für Kunden zu bewegen. Die US-Amerikaner geben feste Preise für Produkte vor, was etwa beim Spiegel den kuriosen Nebeneffekt hat, dass das E-Paper auf dem iPhone mit 3,99 Euro künftig teurer sein wird als ein am Kiosk gekauftes Magazin (3,80 Euro). Auch bei den Inhalten greift Apple ein. So wurde die kostenlose Stern-App ohne Ankündigung aus dem Store genommen, weil auf Fotos aus Sicht der prüden Sittenwächter von Cupertino zu viel nackte Haut zu sehen war. Buchholz fordert hier wie viele Verleger zu Recht, dass der Technikdienstleister seinen Kunden Preis- und Inhaltehoheit überlassen müsse.
Interessant ist die Frage, wie sich die Verlage insgesamt zum Thema Tablet stellen werden. Hier könnte Gruner + Jahr, das in der Vergangenheit im Zusammenhang mit Internet-Geschäften zumeist nicht gerade zu den First Movern zählte, zumindest beim wePad sogar eine Vorreiterrolle zukommen. Offenbar bastelt man bereits mit einem Kooperationspartner an einem einfachen Bezahlkonzept, und bei der technischen Umsetzung von E-Mag-Konzepten auf das wePad ist der Verlag mit seinem technischen Know how auch in der Lage, Mandantengeschäfte in großem Stil zu akquirieren. Die schöne neue Welt des E-Mags: Stern-Leser entdecken sie vielleicht als Erste.
Alles über die technischen Details zum wePad finden Sie hier.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige