ddp-Chefredakteur verlässt Agentur

Neue Überraschung der Agentur-Allianz ddp/DAPD: Nach MEEDIA-Informationen geht ddp-Chefredakteur Joachim Widmann von Bord, der die Agentur seit fünf Jahren geleitet und mit Bravour aus der Krise manövriert hat. Ein heikler Zeitpunkt, denn in wenigen Tagen nimmt der neue Gruppen-Chef Cord Dreyer seinen Dienst auf, der eigentlich mit Widmann kooperieren sollte. Widmann übernimmt die Leitung der Mediengruppe Oberfranken.

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Widmann hat schon immer geackert, nicht nur im Journalismus, sondern auch in der Wissenschaft: Zusammen mit der Witwe des berühmtesten DDR-Oppositionellen schrieb er die Biographie "Robert Havemann oder wie die DDR sich erledigte". Sie kam 2003 auf den Markt. Da war der studierte Germanist, Publizist und Kunsthistoriker, der beim Berliner Tagesspiegel volontierte, gerade Vize-Chef der Netzeitung. Schon damals verstand er es, trotz weniger Ressourcen viel Output zu generieren. Eine Fähigkeit, die auch der damals noch äußerst angeschlagene Deutsche Depeschendienst (ddp) dringend brauchte, der kurz zuvor Insolvenz angemeldet hatte.

Widmann kam und packte an. Zwar sagen ihm viele Kollegen nach, schon mal ruppig zu agieren und kaum verständliche, eher philosophisch anmutende Anweisungen zu verbreiten. Es habe gelegentlich an Strukturen gefehlt. So sei das Stilbuch, das die Standards der Agentur festhielt, seit 2002 nicht überarbeitet worden. Beim ddp heißt es aber auch: Der ddp stünde nicht da wo er jetzt stehe, wäre Widmann nicht gewesen. Hochtrabend ist gar vom "Wolf Schneider" des ddp die Rede, weil Widmann dafür sorgte, dass der ddp sprachlich das liefert, was Zeitungen wollen, nämlich mehr gefeatuerte denn nachrichtliche Texte nach alter Schule.

Tatsächlich steht der ddp bei Chefredakteuren immer höher im Kurs, wie allein die Entscheidung der WAZ-Gruppe gegen die dpa-Textdienste und für das Angebot des ddp vor gut einem Jahr eindrucksvoll demonstrierte – inhaltliche Lücken aber blieben auch unter Widmann viele, vor allem weil das Geld zum raschen Ausbau fehlte. Widmann schaffte es auch zuletzt nicht, Mängel in einigen Landesdiensten zu glätten und die Lücken in der Berichterstattung vor allem des ddp-Ressorts "Kultur" zu stopfen. Von einer absolut verlässlichen Basisberichterstattung konnte ebenfalls noch nicht die Rede sein. Und dennoch: Das Ansehen des ddp stieg und stieg.

Der ddp steht aktuell auf der Schwelle zwischen einer Komplementär-Agentur zum Marktführer dpa und einem echten Rivalen. Immerhin: Unter Widmann rutschte der ddp wieder in die Gewinnzone. Er baute den Dienst unter großer finanzieller Entbehrung aus. Jetzt, wo die reichen Eigner Martin Vorderwülbecke und Peter Löw den ddp um den deutschen AP-Dienst erweitert haben, stehen sie vor dem Durchbruch. In diesem Frühjahr soll die Abstimmung zwischen ddp und DAPD (ehemals AP) vorangetrieben, letzte Doppelstrukturen abgebaut und eine Einheit "Korrespondenz und Recherche" mit gut 20 Mann installiert werden. Sie soll die Inlandmeldungen des ddp und die Auslandsmeldungen des DAPD mit Lesestücken und Investigativem flankieren. Dieser Tage laufen in Berlin bereits Bewerbungsgespräche.

Wer sich mit ddp-Redakteuren über Widmann unterhält, der hört Sätze wie: "Der war sich für nichts zu fein, hat sogar Meldungen von Praktikanten redigiert, weil ihm das Geld für Redakteure fehlte." Sie berichten aber auch, es sei "lange ein offenes Geheimnis gewesen", dass Widmann wieder ein richtiges Blatt gestalten wollte und sich deshalb zuletzt intensiv nach einem Posten bei einer Tageszeitung umgehört habe.

Widmann sagte zu MEEDIA: "Ich habe auch bei der Netzeitung und bei ddp eigentlich schon immer Zeitung gemacht. Mein Anspruch war stets, blattmacherisch zu denken. Insofern ist dieser Schritt nur konsequent." Sein anstehender Wechsel passt in der Tat perfekt in seine Biographie. Er war Chef vom Dienst bei den Potsdamer Neuesten Nachrichten, leitete zudem als Vize einst das Lokale der Märkischen Oderzeitung in Frankfurt a.d.O. mit, war Blattmacher im Auslandsressort der Berliner Zeitung und auch bei der Welt in selbiger Funktion. Kollegen, die ihn lange kennen, sagen Widmann zudem nach, er habe das Aufreißen von Zeitungsseiten, das Gewichten von Themen und Komponieren von Bildern und Texten schmerzlich vermisst.

Aus der ddp-Leitung um die Eigentümer Martin Vorderwülbecke und Peter Löw wiederum ist zu hören, dass sie mit Widmann gerne weiter Kontakt halten, ihn möglicherweise zum Berater machen. Ob sie seinen Stuhl aber wieder besetzen werden, bleibt fraglich: Von Ostern an stößt Cord Dreyer als neuer Chefredakteur zur Allianz aus ddp/DAPD, die dpa nach eigenen Worten "verzichtbar" machen will. Dreyer kommt von der Finanzagentur dpa-AFX und wird sowohl Geschäftsführer als auch Chefredakteur von ddp und DAPD. Zudem soll Peter M. Gehrig inhaltlicher Chef von DAPD bleiben. Er steht allerdings auch kurz vor dem Ruhestand.

Ursprünglich warb Vorderwülbecke mit einem "Chefredakteurs-Triumvirat" aus Dreyer, Gehrig und Widmann. Das geht zumindest aus einer internen Mail an die Belegschaft von Ende Januar hervor. Dazu wird es jetzt wohl nicht mehr kommen. Doch dass Vorderwülbecke und ddp-Geschäftsführer Franz Maurer ihrem langjährigen Chefredakteur Dreyer wie aus dem Nichts vorsetzten, damit habe Widmanns Abtritt nichts zu tun – beteuert der Abtrünnige jedenfalls selbst. Widmann stellte im Gespräch mit MEEDIA klar: "Ich strebe nach neuen Ufern, der Blick zurück ist freundlich und wohlwollend." So lange er noch beim ddp sei werde er "das Feld gemeinsam mit Herrn Dreyer bestens bestellen".

Widmann wird den ddp den Angaben zufolge erst Ende Juni verlassen. ddp-Besitzer Vorderwülbecke ließ sich zu Widmann wie folgt zitieren: "Seine hohen journalistischen Ansprüche und das damit erworbene Renomée haben den Grundstein für den erfolgreichen Ausbau der Agenturgruppe gelegt." An seinem neuen Arbeitsplatz wird Widmann vom 1. Juli an die Leitung aller Tageszeitungs- und Onlineauftritte der Mediengruppe Oberfranken übernehmen. Dazu zählen der Fränkische Tag und die Bayerische Rundschau – insgesamt laut Verlag mit einer gedruckten Auflage von 120.000 Stück. Widmann folgt damit auf Armin Maus, der zeitgleich als Chefredakteur zur Braunschweiger Zeitung (WAZ-Gruppe) wechselt.

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