Jalag: Radikalkur statt „Sanierung light“

Zwei Meldungen, zwei Welten: Während der Bertelsmann-Konzern auf seiner Bilanzpressekonferenz am Dienstag zwar nicht die Krise, wohl aber das energische Gegensteuern für mehr oder weniger beendet erklärte, folgte nur zwei Stunden später dies: Der Hamburger Jahreszeiten-Verlag wird alle seine Redaktionen systematisch ausdünnen und nur noch Rumpfteams mit der Blattmache beauftragen. 70 Vollzeitstellen fallen der Radikalkur zum Opfer. Die Maßnahme hat Symbolcharakter und könnte Nachahmer auf den Plan rufen.

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Zwei Meldungen, zwei Welten: Während der Bertelsmann-Konzern auf seiner Bilanzpressekonferenz am Dienstag zwar nicht die Krise, wohl aber das energische Gegensteuern für mehr oder weniger beendet erklärte, folgte nur zwei Stunden später dies: Der Hamburger Jahreszeiten-Verlag wird alle seine Redaktionen systematisch ausdünnen und nur noch Rumpfteams mit der Blattmache beauftragen. 70 Vollzeitstellen fallen der Radikalkur zum Opfer. Die Maßnahme hat Symbolcharakter und könnte Nachahmer auf den Plan rufen.

Wo steht das Medien-Business 2010? Der scheinbare Widerspruch, der zwischen beiden Veröffentlichungen besteht, zeigt in Wahrheit nur die schwierige Lage von verschiedenen Seiten. Denn während zum einen vor allem die technologische Entwicklung Grund zum Optimismus gibt, wird es für die immer enger, die ohnehin am härtesten von den Werbeeinbrüchen erwischt worden waren: den Magazinjournalismus, die Titel mit einstmals hohem Anzeigenumsatz, vor allem die mit eher spitzen Zielgruppen. Der Jahreszeiten Verlag hat eine ganze Reihe solcher Objekte im Portfolio.
Dass es gerade dieses Haus und seinen als umsichtig und bedächtig geltenden Verleger Thomas Ganske nun trifft, einen brutalen Personalabbau durchziehen zu müssen, bedeutet offensichtlich auch, dass dies die vielleicht einzige Maßnahme ist, das hier kränkelnde Magazingeschäft zu retten. Im vergangenen Jahr hatte man beim Jalag noch auf "Sanierung light" gesetzt und sich mit dem Betriebsrat auf eine vorübergehende Kurzarbeit geeinigt, Entlassungen im großen Stil aber vermieden. Die anhaltende Rezession bei den Werbeeinbuchungen lässt diese Nachsicht nun nicht mehr zu.
Wer sich vor dem Hintergrund der monatelangen Negativberichte und frustrierenden Ausblicke im ersten Quartal 2010 gelegentlich in einem gut sortierten Kiosk umsieht, ist überrascht: Noch immer gibt mehr als 3.000 Printtitel auf dem deutschen Markt – eigentlich viel zu viele, als dass alle die Krise überleben könnten. Der Verdrängungswettbewerb, das große Titelsterben hat noch nicht stattgefunden. Aber es wäre realitätsfern zu glauben, es könne vermieden werden.
Niemand will der erste sein, der diese Entscheidung über Fortführung oder Einstellung von Objekten trifft. Aber irgendwann gehen die Optionen aus, und es muss gehandelt werden. Man darf vermuten, dass beim Jalag-Management eine Fünf-Minuten-vor-Zwölf-Stimmung herrscht und den Kontext für die drastische Reform der Redaktionsarbeit abgibt. Fest steht, dass ein Drittel der knapp 180 Redakteurinnen und Redakteure ihren Job verlieren werden, insgesamt sind 70 Vollzeitstellen betroffen.
In Zukunft werden also "Blattmacherteams" die Magazine bestücken. Diese operieren ersten Erkenntnissen zufolge auf drei Ebenen: Chefredaktion, Ressortleitung sowie stellvertretendes Leitungspersonal. Diese etwas inkonsequent erscheinende unterste Stufe dürfte eine Grauzone zwischen den leitenden Redakteuren und ehemaligen Fachredakteuren bilden. Zumindest wird dadurch sichergestellt, dass alle Ressorts stets besetzt sind. Alles andere wird von freien Mitarbeitern erledigt. Das spart Geld oder macht, aus Sicht des Verlags "flexibel". Die Verlagsaufgaben werden titelübergreifend von sogenannten Serviceteams übernommen; auch hier ist mit Blick auf die derzeitige Besetzung ein Personalabbau vorgesehen.
Das Ganze erinnert an die G+J-Wirtschaftspresse, die vor einem Jahr eine freilich anders gelagerte Neustruktur erhielt, ebenfalls verbunden mit einem dramatischen Personalabbau. Es ist dem Jahreszeiten Verlag aber hoch anzurechnen, dass man nicht versucht, das Kostenprogramm unter der falschen Flagge einer Qualitätsoffensive zu verkaufen. Man könnte das Redaktionskonzept, das übrigens von Magazin-Start-ups wie Brand eins von jeher angewandt wird, dabei durchaus als modern bezeichnen. Es ist eine Chance – für manchen allerdings die letzte.

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