Guardian: Personalie mit Symbolkraft

Die Personalie aus England hat Symbolkraft für die gebeutelte Medienbranche. Die Chefin der Guardian Media Group (GMG) Carolyn McCall wurde zur neuen Vorstandsvorsitzenden der Billig-Fluglinie Easyjet ernannt. Sie verlässt das Medienunternehmen in schwierigen Zeiten. Der Guardian ist als innovative Qualitätszeitung geschätzt, schrieb zuletzt aber hohe Verluste. Nach 24 Jahren beim Guardian sieht McCall ihre berufliche Zukunft offenbar nicht in der Medienbranche.

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Im Geschäftsjahr, das Ende März 2009 endete, verzeichnete die Guardian-Gruppe ein Minus von £89.8 Mio. (€100.4 Mio.) – ein drastischer Absturz nach dem £306 Mio.-Profit im Vorjahr (€342 Mio.). Auch der Guardian ist nicht gegen den Rückgang der Anzeigen-Erlöse und die kostenlose Konkurrenz aus dem Internet gefeit. Mit seiner viel gelobten, umfangreichen und kompletten kostenlosen Website guardian.co.uk trägt der Guardian sogar wesentlich dazu bei, dass Leser von der Zeitung ins Internet abwandern.

McCall wird der Publikums-Erfolg der Guardian Website (www.guardian.co.uk), die mit 17.5 Mio. Hits pro Monat bei Weitem die meistgelesen Zeitungs-Website in Großbritannien ist., zugeschrieben.  Aber die Klicks konnten bisher nicht in Erlöse umgewandelt werden.

Zur GMG gehören neben den nationalen Zeitungen Guardian und der Sonntagsausgabe Observer einige weitere lokale Zeitungen und Fachtitel, zudem Radiosender und der B-2-B Verlag Emap. Letzterer wurde 2007 zusammen mit Private Equity Gruppe Apax Partners für £1 Mrd. gekauft. Sämtliche Geschäftszweige litten unter der Rezession, und besonders die Popularität der freien Online-Dienste macht dem traditionellen Zeitungsmarkt zu schaffen.

Unter McCall strebte der Guardian eine Neuausrichtung zu einer multimedialen Nachrichtenorganisation an, die rund um die Uhr arbeitet. Die Redaktion zog Ende 2008 in ein modernes neues Gebäude im sanierten – und medienfreundlichen – Londoner Stadtteil  King’s Cross. Während früher die Büros des Guardians gern mal halb leer und nur vor Druck-Deadlines voll waren, ist die neu organisierte Redaktion mittlerweile ständig besetzt, weil alle Redakteure auch online arbeiten. Im Rahmen der Neuorganisation wurden auch inhaltliche Überschneidungen zwischen Ressorts wie Sport oder Reise abgeschafft.

Nun muss sich McCall vor Easyjet-Gründer Stelios Haji-Iannou beweisen. Der Billigflieger verkauft rund 98 Prozent seiner Tickets Online. Das Internet-Geschäft ist für Easyjet von entscheidender Bedeutung. McCalls Vorgänger Andrew Harrison, der seinen Abgang vergangenen Dezember ankündigte,  war sich Meldungen zufolge mit seinem Chef über dessen aggressiven Expansionspläne in Zeiten globaler Finanzkrisen uneinig gewesen (insgesamt gingen drei Vorstandsmitglieder im vergangenen Jahr).

Zwar befindet macht auch die Luftfahrtbranche schwierige Zeiten durch. Easyjet steht aber bisher vergleichsweise gut da und konnte zuletzt seine Passagierzahlen steigern. Zu der Ernennung von McCall hieß es in einer Easyjet-Mitteilung, sie habe sich in einem schnelllebigen, konsumentenorientierten Online-Geschäft als erfolgreich bewiesen, und zudem weitreichende Erfahrung als Vorstandsmitglied und in Regierungs- und Lobbykreisen. McCall ist neben ihrem neuen Posten bei Easyjet auch Vorstandsmitglied bei der Bekleidungskette New Look und war zuvor in ähnlichen Positionen bei Tesco und der Lloyds Banking Group tätig. Sie verlässt die Guardian-Gruppe nach 24 Jahren. Seit 2006 leitete sie das Verlagshaus.

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