Die Tragödie der Abendzeitung

Die Geschichte der Münchner Abendzeitung ist mittlerweile leider eine sehr traurige. Von dem einst legendären Vorzeige-Blatt des intelligenten Boulevard ist nach zahllosen Sparrunden und Kürzungen nur noch ein Schatten geblieben. Es steht zu befürchten, dass der nun angekündigte, erneute massive Stellenabbau das Schicksal der Zeitung besiegeln wird. Alleine scheint die Abendzeitung kaum noch lebensfähig. Die Chronik des Niedergangs einer ehemals stolzen Zeitung.

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Die Münchner Abendzeitung genoss einst einen guten Ruf. Zahlreiche prominente Journalisten standen in ihren Diensten, u.a. Erich Böhme, Peter Glotz, Michael Jürgs, Frank Plasberg, Andreas Petzold, Arno Luik, Hans-Jürgen Jakobs und Claus Strunz. Die Abendzeitung ist publizistische Heimat der legendären TV-Kritikerin Ponkie und des Klatsch-und-Tratsch-Fossils Michael Graeter. Die Abendzeitung war das Vorbild der genialen Fernseh-Serie "Kir Royal", in der Franz-Xaver Kroetz als Graeter-Inkarnation Baby Schimmerlos unter der Regie von Helmut Dietl einem TV-Klassiker schuf. Würde man heute einen Film über die Abendzeitung drehen, wäre das ein ziemlich deprimierender Stoff.

Schon unter dem langjährigen Chefredakteur Uwe Zimmer sank die Auflage der Abendzeitung kontinuierlich. Das war nicht unbedingt Zimmers Schuld. Die Abendzeitung litt, wie andere Boulevardtitel auch, am Siegeszug des Privatfernsehens mit seinen ausgedehnten Boulevard-Strecken. Zimmer verließ die Zeitung im Jahr 2000 im Streit mit dem damaligen Geschäftsführer Christoph Mattes. Für viele altgediente AZ’ler begann mit Zimmers Abgang auch der Niedergang. Auf Zimmer folgte mit Kurt Röttgen ein Chefredakteur, der mit großen Teilen der Redaktion nie richtig warm wurde – um es freundlich auszudrücken.

Im Jahr 2002, im Nachhall des Platzens der New-Economy-Blase, ging die erste große Kündigungswelle über die Belegschaft der Zeitung hinweg. 29 von damals noch rund 250 Mitarbeitern wurden entlassen. Es traf wegen des Sozialplans vor allem auch junge, motivierte Kollegen. Die drastischen Sparmaßnahmen, die von Röttgen mitgetragen wurden, verschafften der AZ nur kurz Luft. Auflage und Mitarbeiterzahl sanken weiter. Röttgen musste 2005 gehen, als die Abendzeitung nur noch knapp 163.000 Exemplare verkaufte. In der Redaktion sollen die Sektkorken geknallt haben als der ungeliebte Chef ging.

Aber Hoffnungen auf eine Wende wurden enttäuscht. Auch mit dem neuen AZ-Chef, Michael Radtke, ging es nicht aufwärts. Radtke verließ die Zeitung 2007 im Streit mit Kollegen und Verlag. Man konnte sich nicht auf ein Konzept zur Sanierung der Abendzeitung einigen. Schon zu dieser Zeit waberten immer wieder Verkaufsgerüchte um die Abendzeitung. Mal hieß es, die AZ würde unter die Fittichen des benachbarten Süddeutschen Verlags mit der großen SZ schlüpfen. Dann hieß es, die AZ soll an den lokalen Konkurrenten Dirk Ippen verkauft werden und in dessen tz aufgehen. Dann hieß es, in München sei bereits ein Data-Room für kaufwillige Verleger eingerichtet. Dann hieß es, der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg oder Springer hätten Interesse. Geworden ist aus alldem nichts. Außer vielleicht, dass die AZ mittlerweile tatsächlich sehr nah an den Süddeutschen Verlag rückt ist. Aus purer Not heraus.

Wegen der anhaltend schwierigen Lage, musste im Herbst 2008 das traditionelle Stammhaus in der Münchner Innenstadt in der Sendlinger Straße verkauft werden. Seitdem sitzen Verlag und Redaktion als Mieter in dem Gebäude Neue Hopfenpost in der Nähe des Hauptbahnhofs. 2009 wurde das Aus der ebenfalls traditionsreichen TV-Sendung "Stars in der Manege" beschlossen, die von der Abendzeitung mit ins Leben gerufen und veranstaltet wurde. Die Nürnberger Ausgabe der Abendzeitung wurde kürzlich an einen Telefonbuchverleger verkauft. Das hat für sich genommen alles keine herausragende wirtschaftliche oder publizistische Bedeutung. Aber in Summe zeigt es, wie eine Tradition nach der anderen bei der Abendzeitung den Bach runtergeht.

Ebenfalls im Oktober 2009 gab Abendzeitungs-Verleger Johannes Friedmann eine enge Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung bekannt. Die Abendzeitung soll nun nach Bedarf Dienstleistungen der großen Schwester in Anspruch nehmen können. Kooperationen bei Technik, Organisation, Vertrieb, Internet und Redaktion seien denkbar. Die werden nun womöglich bitter nötig sein. Die SZ rechnete vor, wenn man Teilzeitstellen und auslaufende Verträge hinzuzählt dann fehlen bei der AZ bald 40 von noch 90 verbliebenen Stellen. Schwer vorstellbar, dass mit diesem ausgedünnten Personalstamm noch eine eigenständige Tageszeitung produziert werden kann.

Um zu erkennen, wie niedergeschlagen die AZ’ler in diesen Tagen sind, muss man nur einen Blick auf den Twitter-Account der Zeitung werfen. Wo sonst gut gelaunt Redaktions-Interna ausgebreitet wurden, heißt es am Tag nach der jüngsten Hiobsbotschaft: "Auch das noch: der Kaffeeautomat spuckt Café au lait ohne Milch aus. #VersagendeSysteme". Das nennt man wohl Galgenhumor.

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