SZ-Chefredakteur dringend gesucht

Die Süddeutsche Zeitung hat ein Problem. Ihr Chefredakteur, Hans Werner Kilz, geht Ende des Jahres in Ruhestand. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Wie der Spiegel berichtet, hat der Wunschkandidat und aktuelle Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo abgesagt. Er war so etwas wie die einzige Option, mit der alle hätten leben können. Nun rächt sich, dass über viele Jahre hinweg versäumt wurde, einen Nachfolger für Kilz aufzubauen. Und es zeigt sich, wie wenige potenzielle Chefredakteur von Format es hierzulande gibt.

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Hans Werner Kilz hat die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung 1996 übernommen, damals als Co-Chefredakteur neben Gernot Sittner. Seit SZ-Urgestein Sittner im Oktober 2005 in Ruhestand ging, steht Kilz allein am Ruder der Zeitung, die viele immer noch für die beste Tageszeitung Deutschlands halten. Spätestens nach dem Rückzug Sittners wäre es geboten gewesen, für die Zeit nach Kilz Vorsorge zu treffen. Aber es gab anderes zu tun.

Wie viele andere Zeitungen und Medien machte auch die Süddeutsche nach dem Ende der New Economy schwere Zeiten durch. Nur der Einstieg der schwäbischen Zeitungsholding SWMH (Südwestdeutsche Medienholding) rettete das Blatt 2002 vor dem Ruin. Der anschließende Sanierungskurs band viele Kräfte, im Jahr 2008 kaufte die SWMH für viel Geld die restlichen Anteile von vier, der bisher fünf Gesellschafterfamilien und hält seither mit über 80 Prozent die deutliche Mehrheit am Süddeutschen Verlag, der die SZ herausgibt. Neben den Schwaben ist nur noch die Verleger-Familie Friedman beteiligt.

Nun hat die SWMH ihrerseits Geld-Probleme, weil der Kauf der SV-Anteile über Kredite finanziert wurde, und die Rückzahlungspläne wegen der Wirtschaftskrise nicht wie geplant aufgehen. Die Auflage der SZ steht zwar nach wie vor gut da, steigt sogar teilweise gegen den Trend. Das lindert aber in keiner Weise die wirtschaftlichen Probleme. Bei der Süddeutschen gehören Sparrunden mittlerweile zum traurigen Alltag.

Chefredakteur Kilz gilt als Verteidiger der redaktionellen Qualität. Unter seiner Führung wurde die Auflage der SZ kontinuierlich ausgebaut und ihr Ruf als überregionales Autoren-Blatt gefestigt und gemehrt. Nach fast 14 Jahren Kilz würde aber auch der SZ eine Frischzellenkur gut tun. Die Gestaltung der Zeitung wirkt heute nicht mehr modern, die Qualität von Papier und Fotos hinkt hinter der FAZ zurück.

Alle Augen richteten sich auf den vermeintlichen Medien-Messias Giovanni di Lorenzo. Ihn hätten Redaktion und Gesellschafter begeistert empfangen. Er hatte die berühmte Seite-3 der SZ verantwortet, er hat den Tagesspiegel zur Hauptstadt-Zeitung geformt und verantwortet äußerst erfolgreich die Wochenzeitung Die Zeit. Kein anderer Print-Topjournalist hierzulande steht derart für die Verbindung von inhaltlichem Anspruch und wirtschaftlichem Erfolg wie di Lorenzo. Die SZ in eine neue Ära zu führen wäre freilich ungleich herausfordernder als eine bestens etablierte Wochenzeitung zu leiten. Aber die Frage, ob di Lorenzo den Spagat zwischen Qualität und Spardruck bei der SZ hinbekommen würde, ist mit seiner Absage Makulatur.

Nun reibt man sich die Augen in Stuttgart und München, schaut nach weiteren potenziellen SZ-Chefredakteuren im Lande und findet: Niemanden. Die internen Kandidaten sind allesamt verdiente Journalisten. Doch allein die Masse an genannten Namen zeigt, dass hier keiner herausragt. Kilz‘ Stellvertreter Kurt Kister und Wolfgang Krach, der Leitartikler Heribert Prantl, Außenpolitik-Chef Stefan Kornelius, Wirtschafts-Chef Ulrich Schäfer – alles gute Leute, aber wer von ihnen hätte wirklich das Format zur Nummer eins? Ein Kandidat aus der Redaktion ließe sich noch am leichtesten durchsetzen. Noch so eine Sache, die den Herren bei der SWMH Bauchschmerzen bereitet: Laut Redaktionsstatut der SZ haben die Leitenden Redakteure ein Mitspracherecht bei der Neubesetzung der Chefredaktion. Lehnen zwei Drittel der Leitenden ab, fällt der Neue durch. Das Redaktionsstatut könnte zwar fristgerecht mit Wirkung zum August 2011 gekündigt werden, da müsste der Kilz-Nachfolger aber schon lange im Amt sein.

Das Problem bei einem internen Nachfolger wäre, dass die SZ dann womöglich in einem allzu bequemen "Weiter so" erstarrt, für das es bei der aktuellen Medienkrise keinerlei Anlass gibt. Dringend notwendige Reform-Arbeiten würden vielleicht nicht stattfinden oder nur halbherzig angegangen. Der frische Wind von außen würde fehlen. Und externe Kandidaten? Jetzt, da di Lorenzo ausfällt, sieht es sehr mau aus. Die üblichen Verdächtigen: Gabor Steingart ist mittlerweile beim Handelsblatt untergekommen und die ewigen Kandidaten der Axel Springer AG, Claus Strunz und Christoph Keese, gelten wohl mit Recht als nicht vermittelbar in der SZ-Redaktion. Gleiches gilt für WAZ-Mann Ulrich Reitz, der sich bisher nur als Redaktions-Manager und Spar-Kommissar einen Ruf erarbeitet hat. Es gibt, so scheint es, kaum präsidiable Kandidaten für den Chefposten der großen Süddeutschen Zeitung. Leitende Journalisten mit eigenem Kopf und Profil sind mittlerweile Mangelware.

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