Büchner will dpa entschleunigen

Nach etlichen peinlichen Pannen soll die dpa einen Gang runter schalten. Ihr Chef Wolfgang Büchner plädierte jetzt bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte auf einer Veranstaltung des ZDF dafür, Agenturen müssten nicht immer die schnellsten sein, sondern gerade in Zeiten des Web 2.0 mit Meldungen lieber warten oder gar auf sie verzichten, wenn sie nicht rasch genug zu checken sein. Auch die Chefredakteure des NDR-Hörfunks und von sueddeutsche.de sprachen sich für Selektion und Entschleunigung aus.

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"Müssen wir die ersten sein? Ich glaube nicht!", sagte Büchner am Montag auf den 43. Mainzer Tagen der Fernsehkritik. "Der absolute Anspruch, immer der erste zu sein, führt zu einer Geschwindigkeitsfalle – und der ist für Nachrichtenagenturen eine Gefahr." Geht es nach Büchner, dürften sich Nachrichtenagenturen bei geplanten Ereignissen "von niemandem überholen lassen". Bei Unvorhersehbarem dürfe das aber durchaus anders sein. "Wir müssen im Zweifel auf Nachrichten verzichten oder mit ihnen warten, bis wir sie richtig verifiziert haben", sagte Büchner weiter.

Diese öffentliche Ankündigung des dpa-Chefredakteurs folgt auf mehrere, teils äußerst peinliche Pannen seiner Agentur: Im Herbst 2009 fiel sie auf Guerilla-Marketing eines Filmemachers herein und agierte dabei so unprofessionell, dass sie einen Terroranschlag vermeldete, der sich nie ereignete – in einem Ort namens Bluewater, den es nie gab. Später ließ sich die dpa unter anderem auf eine gefälschte Pressemitteilung ein und meldete den Rückzug des Chefs der deutschen Partei Die Republikaner – eine journalistische Ente. In diesem Frühjahr trennte sich die dpa zudem von einem Mitarbeiter, der Zitate erfand. Büchner sagte nun: "Wir müssen alle besser werden."

Der Chef von sueddeutsche.de, Hans-Jürgen Jakobs, plädierte in Mainz dafür, den Informationsfluss stärker zu selektieren. "Wir haben damit begonnen, weniger News auf unsere Seite zu packen und dafür stärker in die Tiefe zu gehen", so Jakobs. "Denn was uns im Laufe eines Tages so alles an Nachrichten präsentiert wird, sind oft No-News." Während eines Tages sei "wahnsinnig viel Informations-Müll" unterwegs. Darauf reagiert bekanntlich auch Büchner. Wie MEEDIA bereits berichtet hat, soll die dpa künftig weniger Themen anpacken, diese dafür aber umso umfangreicher. Mit dem Neustart der Agentur am 1. Juli in Berlin installiert dpa dafür unter anderem ein spezielles Top-Themen-Team.

Auch NDR-Hörfunkchefin Claudia Spiewak sieht die Zukunft ihres Mediums nicht mehr in der Schnelligkeit. "Die war für das Radio lange der USP. Inzwischen sind aber viele Konkurrenten herangewachsen – und wir müssen da auf unsere Tugenden setzen", sagte Spiewak. "Schnelligkeit wird auf lange Sicht nicht tragen." Der NDR habe etwa als Reaktion auf diese Erkenntnis einen Reporterpool gegründet, der eigene Themen ausgrabe. Sie mahnte: "Die Schnelligkeit ist beim Konsumenten an einem gewöhnlichen Nachrichtentag gar nicht so sehr von Relevanz. Wer hat schon die Zeit, mehrere Medien zu vergleichen und anzustreichen, wer schneller war?"

"Das Verständnis von Nachrichtenagenturen hat sich in den vergangenen zwei, drei Jahren extrem verändert", erklärte der künftige Chefredakteur des ZDF, Peter Frey. "Webseiten sind heute oft die Referenzmedien, nicht mehr die Nachrichtagenturen selbst." Büchner kündigte an, das nicht auf sich sitzen zu lassen. Vom Sommer an würden dpa-Kunden Zugang zu einer Seite haben, auf denen die dpa die Lage wie Onlinemedien präsentieren werde. Büchner: "Unser Anspruch ist es auch, Meldungen nicht nur nach Sendeprioritäten zu gewichten, sondern auch nach Relevanz und zu sagen: Das sind aus unserer Sicht derzeit die vier, fünf wichtigsten Themen."

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