„Tagesschau“ dreht Redaktionsreform zurück

ARD-aktuell ist mit dem Plan gescheitert, TV- und Onlineredakteure in einem gemeinsamen Newsroom unterzubringen. Nach MEEDIA-Informationen wurde ein entsprechender Test bereits vor Ablauf der vierwöchigen Versuchsphase abgebrochen. Immerhin geklappt hat die Integration der "Tagesschau"-Teams, die fürs Erste arbeiten, mit ihren Kollegen von EinsExtra. Damit hat der ARD-Newskanal endgültig seine Parallelwelt verlassen, in der er bis zuletzt schleichend aufgebaut wurde.

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In Hamburg ist in den vergangenen Jahren eine ganze Nachrichtenfabrik herangewachsen. Produzierte die Zentralredaktion ARD-aktuell, die heute der SWR-Mann Kai Gniffke leitet, einst nur "Tagesschau", "Tagesthemen" und "Nachtmagazin" für das Erste, werkelt die Marke inzwischen auch auf vielen anderen Baustellen. Seit Ende der neunziger Jahre bestücken ARD-Journalisten das Portal tagesschau.de, das zuletzt 23,9 Millionen Visits zählte – Stand Februar 2010. Später nahm auch das Dauerformat "EinsExtra Aktuell" seinen Betreib auf. Es zeigt seitdem im Viertelstundentakt eine aktualisierte "Tagesschau", die bisher nur nicht so heißen darf.

Damit das klappt, arbeitet ARD-aktuell bereits seit Jahren auf riesigen Servern und nicht mehr mit Kassetten. In jeder Schicht sorgt zudem ein Redakteur dafür, dass die eingelaufenen Beiträge und Schalten für alle als "Segmente" im System bereitliegen. So kann der News-Kanal sein Programm mit wenigen Mausklicks aktualisieren und sendet sogar auf dem Digitalkanal bisweilen Beiträge, bevor sie überhaupt im Ersten laufen. Die aktuellsten Segmente bilden zudem das Format "Tagesschau 24", eine jederzeit startbare Ausgabe, die sowohl auf Hybrid-Fernsehern abrufbar ist, die mit dem Netz verbunden sind, als auch auf Tagesschau.de.

Das Problem bisher aber war: Alle Teams arbeiteten getrennt voneinander in unterschiedlichen Räumen. Die "Tagesschau"-Ausgaben fürs Erste hatten ihren eigenen Newsroom wie auch EinsExtra, jeweils im Erdgeschoss. Die etwa zwanzig Redakteure von Tagesschau.de saßen indes im zweiten Stock. Bis zum jüngsten Jahreswechsel gehörten die Onliner sogar formell gar nicht der Gemeinschaftsredaktion ARD-aktuell an, die alle Landessender tragen, sondern zum NDR. Diese formelle Grenze wurde zwar zum Januar 2010 abgeschafft und Tagesschau.de-Leiter Jörg Sadrozinski in die ARD-aktuell-Chefredaktion integriert. Die faktische Trennung im Alltag blieb jedoch – und dürfte auch auf absehbare Zeit nicht wegfallen.

Gniffke und Sadrozinski planten den großen Wurf, scheiterten aber. Ein kürzlich beendeter vierwöchiger Testlauf sollte beide Welten – TV und Online – zusammenführen, ein zweifellos überfälliger Schritt. Dafür kreierten die beiden zusammen mit Georg Grommes, der den News-Kanal der ARD aufzog und die Arbeitsgruppe "Strategie und Innovation" von ARD-aktuell leitet, am Reißbrett eine neue Redaktionsstruktur. Von "Thementischen" war da die Rede, von In- und Ausland bis zur Wirtschaft.

An diesen Inseln sollten die jeweils zuständigen Redakteure der drei Produktionen zusammenkommen, die Macher von "Tagesschau", von EinsExtra und von Tagesschau.de. Das große Ziel war, Doppelarbeit zu minimieren, um freie Ressourcen zu schaffen. Die braucht Gniffke, wenn er EinsExtra auch an Wochenenden und später am Abend bespielen will – was er wirklich plant. Fortan sollten sich deshalb Redakteure per Zuruf abstimmen. So soll vor allem vermieden werden, dass gleich mehrere Sendungsplaner ein und denselben Korrespondenten um Berichte und Schaltgespräche bitten.

Das tut tatsächlich Not, wie allein dieses Beispiel zeigte: Im Herbst kritisierte Thomas Morawski vom Wiener ARD-Büro das Absprache-Chaos bei ARD-aktuell. Auf den Münchner Medientagen sprach Morawski von einer "Verspartung" der Berichterstattung und maulte: "Da kommt man gar nicht mehr dazu, das Mikrofon aus der Hand zu legen und selbst zu recherchieren." EinsExtra schloss er in seine Kritik namentlich ein.

Morawski und Kollegen werden künftig zumindest teilweise entlastet: Wie MEEDIA erfahren hat, ist die Testphase nur teilweise geglückt. Geklappt hat, die Macher von "Tagesschau" und "EinsExtra Aktuell" zu integrieren. Sie werden sich künftig einen einzigen Newsroom teilen, beide Chefs vom Dienst zudem direkt nebeneinander sitzen und Kanal wie Einzelausgaben produzieren – in enger Abstimmung. EinsExtra verlässt damit endgültig seine Aufbauphase und geht in den Regelbetrieb.

Völlig gescheitert ist hingegen der Plan, die Online-Redakteure von ARD-aktuell aus ihrer Isolation zu befreien. Wie Beteiligte sagen, passten beide Kulturen nicht zueinander. Die Onliner der "Tagesschau" seien insgesamt zu laut, weil sie in ihrem eigenen Newsroom schon mal rasch über Tische hinweg per Zuruf kommunizierten. Obwohl die Redakteure in der vierwöchigen Testphase mehrere Anordnungen ausprobierten, bekamen sie das Problem "Lautstärke" nicht in den Griff: Erst zogen die Onliner von den Thementischen ihrer TV-Kollegen in eine eigene, eine separate Ecke des Newsrooms und schließlich wieder in ihre eigenen Räume. Und das bereits, bevor die Testphase offiziell auslief. Synergie ade!

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