Relaunch: Eltern entdeckt den Vater

Familie statt Baby: G+J hat Eltern überarbeitet. Erstmals ist auf dem Cover eine Familie inklusive Vater zu sehen, anstatt des obligatorischen süßen Babyfotos. Chefredakteurin Marie-Luise Lewicki verspricht: "Mehr Nähe, mehr Vielfalt, mehr Authentizität". Bei der Werbung scheint das Heft anzukommen. Auf die Bilanz von 51 Anzeigen bei 164 Gesamtseiten kann die Vermarktung durchaus stolz sein. Ein ähnlicher Kiosk-Erfolg ist dem Baby-Blatt zu wünschen. In fünf Jahren verlor Eltern 18 Prozent seiner Auflage.

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Zusammen mit ihrer Redaktion hat die Chefredakteurin dem Magazin eine neue Heftstruktur verpasst. Eltern wird nun in einem Mantel- und einen Innenteil getrennt. Der Mantel soll sich Themen und Geschichten "rund um das Lebensgefühl von Müttern und Vätern" widmen und hat – laut Verlagsmitteilung – einen "starken Fokus auf Reportagen". Im April-Heft fallen in diese Kategorie Geschichten wie "Plötzlich Liebe", in der ein Vater erzählt, der nie Kinder haben wollte, wie es ist, einen Sohn zu haben. Oder "Auf großer Reise in der Elternzeit", über junge Eltern, die den "längsten und ungewöhnlichsten Urlaub" ihres Lebens erleben.

Kernelement des neuen Innenteils ist das sogenannte "Lösungs-Buch". Es soll auf 20 Seiten "komprimierten Service und vielfältige Inspirationen zu allen relevanten Eltern-Themen von Schwangerschaft bis Mode" bieten. Konkret beinhaltet das Buch Storys wie "Entwicklung: Isst mein Baby genug?" oder "Gesundheit: Das erste Mal im Krankenhaus".

Ein besonderes Augenmerk im neuen Heftkonzept nehmen die Themen Psychologie, Job, Mode und Beauty, sowie junge Väter ein. "Warum haben wir das gemacht?", fragte Lewicki in ihrem Editorial, um sogleich die Antwort zu liefern: "Weil wir glauben, dass sich – auch dank der Vätermonate – immer mehr Väter in der Familie engagieren."

Neben der inhaltlichen Neuausrichtung schraubten die Hamburger auch an der Magazin-Ausstattung. Das Papier ist nun hochwertiger und anstatt einer Heftung werden die Seiten nun von einer Lumbeck-Klebebindung zusammengehalten. Eltern gibt sich größte Mühe als edel und hochwertig wahrgenommen zu werden. Vom Selbstverständnis her sieht sich die Zeitschrift als "einziges Magazin in seinem Segment, das Familienthemen auf die politische Tagesordnung bringen kann und immer wieder zu öffentlichen Diskussionen anregt."

Mit dieser Aussage scheint der Verlag auf die 70er-Jahre anzuspielen. Damals kam dem 1966 gegründeten Heft tatsächlich eine besondere Rolle in der Diskussion um neue Erziehungsstile und Pädagogik zu. Kontrovers wurden in dem Heft über Sexualaufklärung, Kinderläden sowie über antiautoritäre Erziehungsstile gestritten.

Die große Zeit der politischen Erziehungs-Debatten scheint jedoch vorbei. Mittlerweile dürften sich Redaktion und Verlagsmanagement eher Sorgen darüber machen, wie man den anhaltenden Auflagen-Verlust stoppen kann. Eltern verlor in den vergangenen fünf Jahren 18 Prozent seiner Auflage. Acht Prozent davon gingen in den letzten zwölf Monaten flöten. Aktuell kommt das Magazin auf einen Gesamtverkauf von 316.249 Exemplare.

Alleine diese Vertriebsstatistik zwang die Macher wohl zu gewissen Korrekturen. Das optische Ziel des Relaunches lautet: mehr "Familien-, statt Fotostudio-Atmosphäre". Das fertige Heft entspricht diesen Vorgaben, hat aber den seltsamen Nebeneffekt, dass die neue Eltern wie ein Mix aus Brigitte und Nido daherkommt. Beide Zeitschriften erscheinen auch bei Gruner + Jahr und standen offenbar Pate bei der Neuausrichtung.

Zumindest beim Neon-Ableger Nido könnte sich dies als cleverer Schachzug erweisen. Denn seit jeher steckt Eltern in einer Zwickmühle: Für viele junge Mütter und Väter ist das traditionell hervorragend produzierte und geschriebene Heft ein ganz wichtiger Ratgeber bei allen Fragen, rund um ihr neues Leben mit einem Säugling. Kaum ist das Kind jedoch ein Jahr alt, wachsen die Eltern aus dem Heftkonzept heraus. Das Magazin entwickelt sich inhaltlich nicht mit, weil immer wieder dieselben Basis-Fragen rund um Säuglingsnahrung, Schlafgewohnheiten oder Entwicklungsschritte abgearbeitet werden müssen.

Dieses Dilemma will Lewicki offenbar mit dem neuen Mantelteil bekämpfen. Ob dies gelingt, ist fraglich. Die Verlagsmanager können sich aber berechtigte Hoffnungen machen, dass die Mamas und Papas, die der Eltern-Lektüre entwachsen sind, Gruner + Jahr Nido-Leser erhalten bleiben.

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