Nur jeder vierte Deutsche ist im Netz zuhause

Alarmstimmung bei Gesellschaftskritikern und Unternehmern: Eine neue Studie zeigt, dass sich nur jeder vierte Deutsche im Internet wirklich wohl fühlt. Alle anderen bewegen sich noch immer nicht in der digitalen Welt – oder bloß widerwillig und mit großer Angst. Die Experten der Initiative D21, die hinter der brisanten Expertise stecken, hoffen nun vor allem auf die digitalen Signaturen, die der neue Personalausweis vom November an bieten soll.

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Robert Wieland, Chef der Meinungsforscher von TNS Infratest, mahnte am Donnerstag bei der Präsentation der Studie in Berlin: "Drei Viertel der Deutschen sind in der digitalen Gesellschaft nicht angekommen. Sie bewegen sich in der digitalen Welt einfach nicht mit der nötigen Souveränität." Seine Leute fanden im Auftrag der Initiative heraus, der neben Bund und Ländern auch gut 200 Unternehmen angehören: Nur für 26 Prozent der Deutschen sind die digitalen Medien auch wirklich ein fester Bestandteil des täglichen Lebens – und das obwohl inzwischen knapp 70 Prozent einen Zugang zum Internet haben.

Medienpsychologe Jo Groebel zeigte sich angesichts dieser neuen Erkenntnisse gar "erschrocken". Die Studie zeige, "dass uns die digitale Spaltung noch viel länger erhalten bleibt, als wir uns anfangs erhofft hatten. Ich fühle mich um mehrere Jahre zurückgeworfen", sagte Groebel, der das Deutsche Digitalinstitut leitet und Regierungen wie Ministerien auf ihrem Weg in die digitale Gesellschaft berät. Vor allem treibe ihn jetzt um, dass "vielen das Netz nicht gleichgültig ist, sondern sie wirklich Angst davor haben, sich darin zu bewegen".

Groebel und Wieland setzten ihre Hoffnungen deshalb auf die neue Generation der Personalausweise, die von diesem November an als Scheckkarte ausgegeben werden und eine digitale Signatur enthalten sollen. Diese soll sichere Geschäfte und Behördengänge per Internet ermöglichen – ein entsprechendes Lesegerät meist vorausgesetzt. Wieland: "Das dürfte ein großer Tag werden." Immerhin hätten 90 Prozent aller, die als digitale Außenseiter eingestuft würden, bei den Befragungen angegeben, vor dem Netz regelrecht Angst zu haben – neben Berührungsängsten gehe es dabei auch um finanzielle Sicherheiten.

Der schockierende Umkehrschluss dieser Zahlen: Noch immer gehören viele Deutsche zu Digital-Verweigerern. Die Studie zeigt ohne Überraschung, dass das vor allem auf Menschen jenseits der 60 Jahre zutrifft. Der "(N)ONLINER Atlas 2009" hat allerdings auch viele Grauzonen aufgespürt – und dafür die Befragten in insgesamt sechs Typen aufgeteilt:

  • 35 Prozent fallen unter die "digitalen Außenseiter". Sie sind im Schnitt 62,4 Jahre alt. Von den digitalen Außenseitern verfügt den Daten zufolge zudem lediglich jeder Vierte über einen Computer – kaum einer könne überhaupt Begriffe wie "E-Mail" oder "Homepage" erklären, die von den Infratest-Telefonisten abgefragt wurden.
  • 30 Prozent bilden die "Gelegenheitsnutzer". Ihr Altersschnitt liegt bei 41,9 Jahren. Nahezu alle von ihnen besitzen selbst einen Computer, drei Viertel hätten sogar bereits selbst Digitalkameras im Einsatz. Der Gelegenheitsnutzer erkenne klar die Vorteile des Internets, tue jedoch nichts dafür, um noch mehr aus ihnen herauszuholen und bevorzuge lieber die klassischen Medien wie das Fernsehen und Zeitungen. Das Netz nutzen sie vor allem, um Kontakt zur Familie zu halten.
  • 9 Prozent ordnet D21 den "Berufsnutzern" zu, die im Schnitt 42,2 Jahre alt sind. Diese Gruppe nutzt das Netz eher unter beruflichem Zwang am Arbeitsplatz. Ihre private Nutzung liegt hingegen sogar noch leicht unter dem Niveau der Gelegenheitsnutzer.
  • 11 Prozent nennt Infratest die "Trendnutzer". Sie sind im Schnitt 35,9 Jahre alt und zu drei Vierteln männlich. Bei ihnen sei oft "die ganze Bandbreite an digitalen Geräten vorhanden", meist auch ein Zweitrechner. Im Gegensatz zu den vorhergehenden Gruppen bewegen sich die Trendnutzer zudem oft auch in Blogs und sozialen Netzwerken.
  • 12 Prozent der Befragten seien zudem gleich "digitale Profis", die im Schnitt 36,1 Jahre alt, meist männlich und berufstätig seien. Von den Trendnutzern unterscheiden sie sich insbesondere, weil sie nur selten im Netz Unterhaltung suchten, sondern meist nützlichen Dingen nachgingen, darunter die Suche nach Nachrichten, Preisvergleichen und Tests. Zudem fühlten sie sich auch "auf komplexem Terrain", wie der Programmierung von zeitsparenden Makros und in Tabellenkalkulationen, zuhause.
  • 3 Prozent bildeten die "digitalen Avantgarde": im Schnitt 30,5-Jährige. Sie verfügten zwar eher über ein geringes Einkommen. Ihre persönliche digitale Infrastruktur lasse jedoch "kaum Wünsche offen". Auffallend hoch verbreitet sei bei dieser Gruppe das mobile Surfen. Wer der D21-Studie nach zur digitalen Avantgarde zählt, verbringt im Schnitt elf Stunden pro Tag am Computer.

Die erstmals vorgelegte D21-Studie zeigt auch, wie die Deutschen zuletzt technisch ins Netz gingen. Bei der Anschlussart zeigte sich, dass der Ausbau der DSL-Anschlüsse via Telefonleitungen den Gipfel überschritten hat: Waren 2008 noch 61,8 Prozent der Deutschen via DSL online, waren es 2009 nur noch 61,5. Im Gegenzug legten Web-Anschlüsse über TV-Kabelnetze zu und zwar von 3,2 auf 4,7 Prozent.
Bei der geographischen Verteilung der Online-Nutzung zeigte sich zudem: Grundsätzlich sind in den alten Bundesländern anteilig mehr Menschen on- als offline. Diese Regel brach einzig das Saarland. Bei der Zuwachsrate an Web-Nutzern (prozentual an der Bevölkerung des Landes) bildete 2009 jedoch Rheinland-Pfalz mit erheblichem Abstand das Schlusslicht. Spitzenreiter sowohl beim schon existierenden Anteil an Onlinern als auch bei der Zuwachsrate: Bremen, mit einem Onliner-Anteil von 74,2 Prozent (2008: 66,1). Und das Schlusslicht: Sachsen-Anhalt mit einem Onliner-Anteil von 60,7 Prozent (2008: 58,4).

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