„Currywurst-Bude“ Perlentaucher

Der Perlentaucher feiert sein zehnjähriges Jubiläum – und ist mittlerweile eine Institution. Für die einen ist das "unabhängige Kultur- und Literaturmagazin im deutschsprachigen Internet" tägliche Informationsquelle. Andere – vor allem Vertreter des traditionellen Journalismus – werfen dem Perlentaucher vor, lediglich die Früchte anderer Leute Arbeit zu ernten. Chefredakteur Thierry Chervel hält dagegen: "Wir tun nichts anderes als die übrigen Journalisten."

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So viele Web-Angebote kommen und gehen. Der Perlentaucher existiert nach Internet-Maßstäben bereits eine Ewigkeit: zehn Jahre – warum?
Ich glaube, das hat mit großer Konstanz und Zuverlässigkeit zu tun, so dass wir als Insititution wahrgenommen werden. Seit Beginn waren wir jeden Tag online. Zum anderen waren wir kein Start-up, nicht eine dieser Blüten des Hypes, der damals herrschte. Wir haben uns eher wie eine Currywurst-Bude gegründet, wie ein Familienbetrieb. Dadurch waren wir sehr stabil und flexibel.

Was hat sie zum Internet gebracht?
Der Wunsch nach Freiheit! Als wir den Perlentaucher gegründet haben, dachten wir, da tut sich ein riesiges Pionierland auf und alle Journalisten werden sich darauf stürzen, um sich aus den traditionellen Hierarchien zu lösen. Am Ende standen wir dann ein bisschen alleine da. Aber wir standen dann schon da.

Wie würden Sie den Perlentaucher beschreiben? Was machen Sie konkret?
Der moderne Begriff ist "händisch aggregieren". Wir machen Presseschau. Wir verlinken und verweisen auf interessante Inhalte im Netz. Zum anderen sind wir publizistisch zunehmend zu einer eigenständigen Stimme geworden.

Verstehen Sie sich als Feuilleton?
Nein. Dafür bräuchten wir Journalisten, die selbst über die Feuilleton-Inhalte schreiben. Dazu sind wir zu klein. Wir verstehen uns als ein Dienstleister im Bereich Kultur und Debatte.

Ist Aggregieren in diesem Bereich heutzutage salonfähig?
Es kann passieren, dass Journalisten darauf sauer reagieren, weil sie damit auch eingeschätzt und eingeordnet werden – und damit nicht immer an der Spitzenposition landen, die ihnen als natürlich erscheint. Dann sind sie traurig. Aber ich glaube, letztlich machen wir nichts anderes mit journalistischen Erzeugnissen, als die Journalisten mit der übrigen Welt. Das tut der übrigen Welt auch oft weh und ist den Journalisten häufig egal. Deshalb wundert es mich, dass sie selber so empfindlich sind.

Verstehen Sie, dass sich diese Journalisten bedroht fühlen?
Seit Jahren hat es nun die Debatte zwischen Netz und Print gegeben. Mittlerweile mussten die Print-Medien aber einsehen, dass das Internet die Gegebenheiten radikal verändert hat. Sie haben nicht mehr die Position wie vor zehn Jahren. Sie sind nicht mehr die Inhaber des letzten Wortes – das sägt am eigenen Nimbus. Ich betrachte das als Aspekt der Demokratisierung, die durch das Netz erzeugt wird und die große Teile des Publikums als Gewinn empfinden.

Kritiker werfen Ihnen vor, von anderer Leute Arbeit zu leben. Was sagen Sie denjenigen?
Es stimmt natürlich, dass wir von der Arbeit anderer Leute leben – so wie Journalismus immer von der Arbeit anderer Leute lebt. Was ist es anderes beim Feuilleton oder bei der Kritik an einem Roman, an dem der Autor drei oder vier Jahre gearbeitet hat und der in 150 Zeilen erledigt wird. Kultur ist nichts anderes, als das permanente Gespräch mit anderen. Wenn sich Journalisten hinstellen und so tun, als wären sie die Erfinder der Hammerklavier-Sonate, machen sie sich Illusionen über ihren eigenen Beruf.

Glauben Sie, dass es den klassischen Feuilleton-Journalismus in zehn Jahren noch geben wird?
Ich glaube fest, dass in zehn Jahren in Deutschland Zeitungen existieren werden. Wie sie dann aussehen, ist schwer zu sagen. Vor zehn Jahren gab es weder Blogs, noch Twitter oder Wikipedia. Dadurch hat sich das Schreiben und die Öffentlichkeit verändert. Der Versuch der Medien, sich jetzt hinter Bezahlschranken zurückzuziehen, um sich zu erhalten, erscheint mir illusorisch. Ich glaube, man muss sich mit den neuen Formen, die durch das Internet entstehen, auseinandersetzen.

Wie könnte eine Zusammenarbeit zwischen Feuilleton und Internet-Magazinen aussehen?
Der Perlentaucher verweist im Wesentlichen auf die Inhalte von anderen Medien. Für diese Medien ist es wichtig, dass sie gute, starke Inhalte haben, auf die mit Interesse verwiesen wird. Im übrigen würde ich nicht sagen, dass wir mit der Süddeutschen, der FAZ oder der FR zusammenarbeiten wollen. Wir wünschen uns eine möglichst interessante Szenerie, die uns möglichst viele interessante Inhalte beschert, so dass wir gut existieren können…

…und umgekehrt? Was haben die produzierenden Medien davon?
Wir vermitteln diesen Adressen Publikum, das nicht dem typischen 58-jährigen Abonnenten entspricht. Nichts gegen diesen Abonnenten, aber dass Jüngere möglicherweise zufällig über Google und den Perlentaucher auf die Inhalte von FAZ, SZ oder FR stoßen, ist für die Zeitungen ja wichtig. Denn wie sollen sie sonst neues Publikum bekommen? Das Stammpublikum schwindet, wie man weiß.

Haben Sie Pläne für die nächsten Jahre?
Ich habe keine Zielvorgaben. Das Wichtigste für ein kleines Internet-Medium ist, dass man weiterexistiert. Wir haben diesen schwierigen Gerichtsprozess mit der Süddeutschen und der FAZ, am 15. Juli ist die dritte Instanz vor dem Bundesgerichtshof. Wenn wir das hinter uns haben, sind wir freier und können uns neuen Plänen zuwenden. Etwa neue Partnerschaften eingehen. Den Perlentaucher könnte man in alle möglichen Richtungen weiterentwickeln.

Sie haben im Monat rund 900.000 Besucher. Sie finanzieren sich durch Werbung und verkaufen Zusammenfassungen von Rezensionen. Macht der Perlentaucher Gewinn?
Das letzte Jahr war nicht einfach – auch im Netz war die Werbekrise zu spüren. Aber seit Herbst hat sich die Situation wieder verbessert. Für dieses Jahr können wir recht zuversichtlich sein.

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