Wirtschafts-Blatt Enorm: nachhaltig betroffen

Für die Mainstream-Wirtschaftspresse ist die aktuelle Krise keine gute Zeit. Der Auflagen- und Anzeigenschwund belastet ein ganzes Segment. Beste Voraussetzungen also für flexible Projekte, die von einer klaren publizistischen Idee getrieben sind und nur eine Marktnische besetzen. Das ist der Plan von Enorm, dem neuen Magazin für nachhaltiges Wirtschaften sowie Social-Business und -Entrepreneurship. Der Erstling der Hamburger ist aber ein ernorm ernstes Heft zu einem - zugegeben - enorm erstnen Thema.

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Das Magazin wurde "aus der Einsicht geboren", dass sich "etwas ändern muss. Die weltweite Wirtschaftskrise hat gezeigt, dass es ein weiter so nicht geben darf", schreibt Chefredakteur Thomas Friemel in seinem ersten Editorial. Mit Enorm will der ehemalige Chefreporter der Kölnischen Rundschau und des Berliner Kurier mithelfen, das "globale Ungleichgewicht wieder in Richtung Balance" zu bringen.
 

Friemel und seine neun-mannstarke Basis-Redaktion konzentriert sich in ihrer Berichterstattung vor allem auf Themen rund um soziales Unternehmertum. Denn die Hamburger glauben, dass immer mehr Firmen "beginnen, nach den Prinzipien des Social Business zu agieren." Weiter heißt es in dem Editorial: "Wir berichten über die neue Bewegung, ihre Dynamik, ihre Macher, ihre innovativen Geschäftsmodelle. Überall auf der Welt. Denn da ist gerade viel los. Enorm viel."

Die konkrete Umsetzung der editorialen Ankündigung sieht so aus, dass sich das erste Heft in seiner Titelgeschichte ("Land in Sicht") ganz grundsätzlich mit dem Thema Social Business beschäftigt. In der Story "Falsch Verbunden" geht es um das schwierige Joint Venture Grameephon, zwischen Star Entrepreneur Muhammad Yunus und dem norwegischen Konzern Telenor. Gelungen sind kleine Rubriken wie "Börsenspekulation", in der immer ein in der Zielgruppe bekannter Mensch den Inhalt seines Portemonnaies zeigt. Der Autor der Kolumne
kennt den Börsenbesitzer nicht und spekuliert anhand der Karten, Zettel und Scheine, wem der Geldbeutel gehört.

Zudem wird in einem Interview der zuständige Otto-Manager zum sozialen Engagement seiner Company befragt. An diesem Punkt zeigt sich eine mögliche Bruchstelle im Enorm-Konzept. Wie geht der Verlag mit Unternehmen um, deren Verhalten sich nicht immer ethisch und sozial auf einer Wellenlänge mit der Heftmeinung und dem Leserempfinden decken? Dürfen diese Firmen trotzdem bei Enorm werben?

"Genau aus diesem Grund, hatten wir sogar überlegt, das ganze Magazin werbefrei zu gestalten", sagt Friemel. "Aber das war wirtschaftlich nicht darstellbar", ergänzt Geschäftsführer Alexander Dorn. In der ersten Ausgabe finden sich auf 130 Seiten fünf Anzeigen. Wie belastbar die Leser in dieser ethisch-moralischen Frage sind, könnte sich bereits in der zweiten Ausgabe klären, denn für sie hat bereits der erste Mineralölkonzern eine Anzeigenbuchung angekündigt.

Friemel und Dorn gehören, neben drei weiteren Personen, auch zu den Gesellschaftern des neu gegründeten Social Publish Verlages. Finanziert wird die Unternehmung vom Myphotobook-Gründer David Diallo und einem Investor, der nicht genannt werden will. Stolz kann Dorn bereits zum Start verkünden: "Wir sind für die nächsten 1,5 Jahre durchfinanziert".

Der Masterplan des ehemaligen Jalag-Managers sieht vor, von der ersten Ausgabe 20.000 bis 30.000 Exemplare zu verkaufen. In drei Jahren sollen es dann 100.000 Stück sein. Spätestens im nächsten Jahr soll sich zudem die Erscheinungsweise von vierteljährlich auf zweimonatlich umstellen. Im Vertrieb liegt Dorns besonderes Augenmerk auf der Gewinnung von neuen Abo-Kunden. "Bereits vor unserem Start haben rund 500 Menschen ein Abonnement abgeschlossen".

Als Leser wollen Friemel und Dorn vor allem drei Gruppen gewinnen: Mitarbeiter im sozialen Sektor, die CSR-Manager großer Unternehmen und gutsituierte Familien, die gerade anfangen, sich immer stärker für Nachhaltigkeit zu interessieren. Damit wildert Enorm ziemlich genau in der Zielgruppe des klassischen jungen Zeit-Lesers. Die Wochenzeitung hat dieses Thema jedoch bereits selbst entdeckt und mit seiner neuen monatlichen "Grünen Seite" stärker in den Fokus gerückt. Andere Maintream-Magazine und -Zeitungen werden schon bald nachziehen.

Will Enorm in diesem immer voller werdenden Markt bestehen, muss es die klassischen Stärken eines Print-Magazins setzen: Den richtigen Mix aus fundierten Hintergrund-Storys und Unterhaltung. Informationen bietet die erste Enorm-Ausgabe bereits mehr als genug. Was dem Heft noch fehlt, ist ein wenig mehr Leichtigkeit. Finden die Hamburger die richtige Mischung, könnten sie – zumindest in ihrer Nische – zu den Gewinnern der aktuellen Krise der Wirtschaftspresse werden.
Enorm: Das erste Heft erscheint am Donnerstag und kostet 7,50 Euro

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