Anzeige

„Tatort“: Der sedierte Zuschauer

Der "Tatort" in der ARD ist ein Vorzeige-Produkt des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Jeden Sonntag hat der Krimi Millionen von Zuschauern. Junge Leute versammeln sich zum gemeinsamen "Tatort"-Gucken in Kneipen. Doch die Qualität der Fernseh-Krimis kann mit dem Kult um den "Tatort" nicht mithalten. Der "Tatort" ist bei genauer Analyse längst nicht so gut wie sein Ruf. Der jüngste "Tatort" aus Leipzig mit Simone Thomalla war ein Paradebeispiel für das Qualitäts-Missverständnis bei der ARD-Vorzeigereihe.

Anzeige

Der Pseudo-Realismus

Beim "Tatort" macht man nicht einfach irgendeinen stinknormalen Fernseh-Krimi, man produziert das Flaggschiff der öffentlich-rechtlichen Premium-Fiktion. Darum reicht es offenbar nicht, eine gradlinige Handlung zu präsentieren. Stets schwingt ein gewisser Anspruch mit, ein "gesellschaftliches Thema" oder wie in diesem Fall eine "wahre Geschichte". So hat der hanebüchen inszenierte Unfall bei einer Flugshow zu Beginn der "Tatort"-Ausgabe "Absturz" ein reales Vorbild. 2008 geschah ein ganz ähnlicher Unfall auf dem Flugplatz Eisenach Kindel. Die "Tatort"-Macher haben sich offenbar die Fotos dazu bei Spiegel Online genau angeschaut und das Unfall-Flugzeug exakt nachgebaut. Das war es dann aber schon mit dem Realismus. In der "Tatort"-Welt gibt es keine Rettungskräfte auf einem Flugplatz bei einer Stunt-Flugshow und keine Feuerwehr. In der "Tatort"-Welt werden die Hüpfburgen für Kinder direkt vor der Startbahn aufgepumpt, damit das überladene Flugzeug hineinrasen kann und in der "Tatort"-Welt wird der Pilot des Unglücksflugzeuges "sogar über Außenlautsprecher" vom Tower angerufen. Und nach dem Unfall prescht ein Leichenwagen auf den Flugplatz. Wenn man sich schon echte Unglücksfälle als Vorbild nimmt, sollte man auch später noch ein wenig Sorgfalt bei der realistischen Ausgestaltung der Handlung walten lassen.

Die Regie

Die Regie beim "Tatort" umschifft konsequent jede Möglichkeit der Dramaturgie und Spannungserzeugung. Wieder ist die Anfangssequenz des jüngsten Leipzig-"Tatorts" hierfür symptomatisch. Zuerst wird mit unheilvoll dräuender Musik ein Kunstflugzeug bei seinen Loopings gezeigt. Ui, jetzt passiert aber gleich was, ist die Botschaft an den Zuschauer. Eine bedeutungsschwangere Zeitlupe wird eingesetzt. Schnitt. Die Kommissarin beschäftigt sich mit ihrem Neffen. Schnitt. Leute rennen und schreien. Ein völlig anderes (!) Flugzeug ist bereits in die Hüpfburg gerast. Diese Schnitte, diese Anti-Dramaturgie. Beim "Tatort" geschieht alles, was in US-Serien geschehen würde in quälender Langsamkeit. Gefühlte Minuten wird jede banale Einstellung zelebriert, die Musik im Hintergrund wabert und suggeriert das tiefe Gefühl. Dabei wird mit diesem Hohefest der Langsamkeit nur verdeckt, dass hier Bedeutungsschwere schlicht mit Langeweile verwechselt wird.

Das Drehbuch

Bei den Drehbücher hat man den Eindruck, als ob der Geist von Marie Funder-Donoghue noch noch über dem Set geschwebt hätte. Das war das Pseudonym mit dem die gefeuerte "Tatort"-Chefin Doris Heintze eigene, eher schlichte, Drehbücher bei der ARD platzierte. Handlungsfäden werden angerissen aber nie, nie, nie zu Ende geführt. Die Figuren stehen in der Kulisse, nichts geht voran. Zehn Minuten vor Schluss hat man den Eindruck, als sei noch immer nichts passiert. Der Eindruck täuscht nicht. Die Dialoge werden gedehnt, mit stets leicht schmerzverzerrtem Mienenspiel aufgesagt. "Was machst‘n du hier?" Lange Pause. "Klassenausflug." Lange Pause, starren. "Hast‘n Handy dabei?" Pause, starren. "Wenn was ist, rufste mich an." Der Vater, der sein Kind verloren hat, rastet aus und bewirft den Unglückspiloten im Krankenhaus mit einer Blutkonserve. Nach dieser Eruption an Dramatik müssen sich alle Beteiligten durch minutenlanges Schweigen und Anstarren erstmal wieder runterbringen. Anschließend geht der Kommissar wütend ab, ohne ein Wort zu sagen. Der "Tatort" zeigt eine Welt, die in mit Äther getränkte Watte gepackt ist.

Die Schauspieler

Den Schauspielern kann man noch den geringsten Vorwurf machen. Es sind gute Leute, deren Talent im "Tatort" mit Füßen getreten wird. Beispiel Matthias Brandt. Ein vielfach ausgezeichneter Schauspieler stellt hier den Vater des beim Flugunfall getöteten Kindes dar. Aber wegen der herrschenden depressiven Grundstimmung muss er als besonders gepeinigter Charakter noch mehrere Schippen drauflegen und verfällt in gnadenloses Overacting. Wenn er von Schmerz geplagt einen Schreianfall bekommt und im heimischen Wohnzimmer Trauerarbeit durch Ausdruckstanz leistet oder mit der Leiche seines Sohnes auf den Armen einfach auf die Straße stolpert, dann wirkt das nicht ergreifend, sondern einfach nur grotesk. Ein großes Repertoire wird dem "Tatort"-Personal ohnehin nicht abverlangt. Es reicht im Prinzip starren, das Gesicht vor Schmerz verzerren, sich abwenden und weggehen. Aber bitte immer schön langsam.

Der lokale Bezug

Da jeder "Tatort" in einer anderen Stadt spielt, wird gerne ein sogenannter lokaler Bezug eingebaut. Aber leider stets nur halbherzig. Statt, dass die Stadt oder die Umgebung in die Handlung eingebaut wird, dient sie stets nur als Kulisse für den üblichen "Tatort"-Seelenschmerz. Im aktuellen Fall fiel den Machern offenbar nach gut der Hälfte der Laufzeit ein, dass ja noch der lokale Bezug her muss. Also flugs zur Baustelle des Leipziger City-Tunnels geschaltet, wo der Veranstalter der Unglücks-Flugshow in den Abgrund geworfen wurde. Aus dem Setting der Großbaustelle, den politischen Verwicklungen darum hätte man vielleicht eine interessante und brisante Handlung entwickeln können. Ist dann aber vielleicht auch wieder zu politisch, da mault dann gleich der Rundfunkrat. Also lieber die Sache nur halbgar anreißen, nach dem Motto: Guckt mal, wie wissen auch, was in Leipzig los ist.

Das sinnlose Hin- und Herspringen der Handlung von der Flugshow-Geschichte zur City-Tunnel-Baustelle verwirrt genauso, wie das späte Einführen von weiterem Personal, von dem sich am Ende irgendeiner als Mörder entpuppt. Welcher ist im Prinzip egal. Diesmal war es der dicke Schwager vom Flugshow-Veranstalter, der irgendwie genervt war, dass der nachträglich eine Genehmigung für die Show wollte. Es hätte aber auch die Schwester sein können oder doch der Vater. Egal. Der dicke Bruder war zufällig auch Chef der Flugaufsicht. Deren Gebäude war zufällig identisch mit dem MDR-Gebäude. Und der Mörder-Bruder kannte zufällig wieder den Bauleiter von der City-Tunnel-Baustelle. Und der Vater des toten Kindes war zufällig Architekt bei der Baustelle. Wenn man auch nur kurz zwischendurch aufs Klo geht oder sich was zu trinken holt, hat man keine Chance mehr, aus dem zusammengewürfelten Figuren-Panoptikum und den verworrenen Drehbuch-Kapriolen schlau zu werden. Dem sedierten Zuschauer bleibt nur, mit starrem Blick auf dem Sofa zu sitzen, und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht abzuwenden, bis Anne Will ihn in gedämpften Braun-Tönen endgültig in die Bewusstlosigkeit hinüber talkt.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige