Anzeige

ROG sieht „Aufrüstung im Cyber-Krieg“

Das Internet gerät zunehmend in den Fokus repressiver Regierungen. Reporter ohne Grenzen (ROG) stellt für 2009 mehr Zensur und Repressalien gegen Web-Aktivisten fest als je zuvor. Anlässlich ihres "Welttags gegen Internetzensur" spricht die Menschenrechts-Organisation von einem "Cyber-Krieg zwischen Netizens und repressiven Obrigkeiten". Dabei werden die technischen Mittel auf beiden Seiten immer raffinierter. Neu in der Liste der Staaten "unter Beobachtung" sind die Türkei und Russland.

Anzeige

Die extremsten Freiheitsverletzungen weisen Nord-Korea, Turkmenistan und Burma auf. "Netizens" – Bürger, die ihre Rechte im Internet wahrnehmen – gibt es hier kaum, da die die Einwohner komplett vom World Wide Web abgeschnitten sind. Laut ROG werden es immer mehr Länder, die versuchen, das Internet in ihre Kontrolle zu bringen. Die Zahl der Regierungen, die 2009 das Internet zensierten, hat sich binnen eines Jahres auf 60 verdoppelt. Zu den Mitteln der Repression gehören Überwachung des Datenverkehrs, ID-Registrierung bis hin zu Verhaftungen von Bloggern. Im vergangenen Jahr saßen fast 120 Bürgerrechtler aufgrund ihrer Web-Aktivitäten im Gefängnis, 72 alleine in China – mehr als jemals zuvor.

Während sich in Russland das Internet zum "freisten Raum zum Informationsaustausch" entwickelt hat, werden immer mehr Blogger verfolgt und inhaftiert. Zudem geht der Kreml gegen sogenannte "extremistische Websites" vor und beherrscht große Bereiche des russischen Webangebots propagandistisch. Die Türkei zensiert sämtliche Seiten, die den Staatsgründer Atatürk, die Armee, Minderheiten wie Armenier und Kurden betreffen oder die "Ehre der Nation" verletzen könnten. Die türkischen haben Tausende von Webseiten blockiert, darunter Youtube. Kritiker hätten nach Angaben von ROG mit juristischen Konsequenzen zu rechnen. Aufgrund der Verschlechterungen hat die Menschenrechtsorganisation Russland und die Türkei in die Liste der Staaten unter Beobachtung aufgenommen.

Im "Cyber-Krieg zwischen Netizens und repressiven Obrigkeiten" rüsten beide Seiten auf. Der ROG-Report spricht davon, dass die Filtermaßnahmen von Ländern wie China oder Tunesien immer effizienter funktionieren. Tatsächlich lassen sich heute große Mengen von Texten und Telefongesprächen auf rein technischer Basis nach Schlüsselbegriffen durchsuchen und so Webseiten und Datenverkehr indizieren. Diese Tendenz geht bis zur regional isolierter nationaler Intranetze. Gleichzeitig gehen zahlreiche Regierungen direkt gegen Dissidenten vor und versuchen, sämtliche Netzaktivitäten zentral zu erfassen. China verlangt weiterhin von Google, dass die Suchergebnisse nach den Vorgaben der staatlichen Behörden gefiltert werden.

Auf der anderen Seite setzen sich die Internet-Aktivisten mit immer raffinierterer Technik zur Wehr: Sie nutzen Datenverschlüsselung, Anonymisierungs-Tools wie Tor oder Proxys, die eine weitgehende Anonymität gewährleisten. Vor allem aber: Gleichzeitig zeigen sich die Netizens zunehmend solidarisch und organisierten sich bei Bedarf spontan, wie etwa im Iran.

Besonderes Lob von ROG erhalten zwei Länder: Finnland für seine Entscheidung, Breitband-Internetzugang in den Grundrechtekatalog aufzunehmen und Island, das mit der "Icelandic Modern Media Initiative" auf seinem Territorium den freiheitlichsten Informationsraum weltweit zu schaffen beabsichtigt.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige