Kerner, Keese, Mainstream-Sex

Springer-Lobby ist Christoph Keese überraschte Ende der Woche mal wieder mit einer gewagten Forderung zum Leistungsschutz. Er bringt eine Abgabe für alle gewerblichen PCs mit Internet-Zugang ins Spiel. Dabei hätte Springer den Leistungsschutz ja gar nicht nötig, wenn man sich die glänzende Bilanz 2009 anschaut. Bei der Süddeutschen weiß man nicht so Recht, ob man Johannes B. Kerner nun ganz schlecht oder doch ganz gut finden soll. Und die Lead Awards entdecken den Sex des Mainstreams.

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Christoph Keese, Chef-Lobbyist der Axel Springer AG, läuft wieder zu großer Thesen-Form auf. So forderte er laut Heise.de in der Debatte um das unselige, sogenannte Leistungsschutzrecht eine Abgabe auf gewerblich genutzte PCs mit Internet-Zugang. Die Argumentation geht ungefähr so: In Firmen nutzen Mitarbeiter die tollen Websites von Springer und anderen Verlagen. Dafür sollten sie auch zahlen. Denn immerhin zahlen die Firmen für internetfähige PCs nun auch Rundfunkgebühren. Das Gespenst von der VG Presse hebt seinen hässlichen Kopf. Bemerkenswert ist zudem die Begründung Keeses, wofür gezahlt werden soll. Heise.de zitiert ihn folgendermaßen: "Das Netz quillt über mit Informationen – wir organisieren die Rangreihenfolge. Das ist die Leistung, die wir bringen." Wenn es darum geht, dass die Informationen im Netz in eine "Rangreihenfolge" gebracht werden, kommt einem da nicht zuerst ein ganz anderes Unternehmen in den Sinn? Wäre doch lustig, wenn jetzt Google aufgrund der neuesten Keese-These seinerseits Leistungsschutz für das Sortieren der ganzen Internet-Infos verlangen würde.

Man weiß sowieso nicht so genau, warum Verlage und Fernsehsender so viel jammern. Also, bei einigen weiß man es schon, aber beispielsweise Axel Springer und die RTL Group haben in dieser Woche ihre Bilanzzahlen für 2009 verkündet und siehe: Beide Konzerne haben gut verdient, trotz Krise, Medienwandel und was sonst noch. Sogar die notorisch klamme ProSiebenSat.1 Media AG hat 2009 wieder Geld verdient. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein stünde der Zunft manchmal gut zu Gesicht.

Johannes B. Kerner kommt bei Sat.1 einfach nicht aus seinem Quotentief heraus. Vergangene Woche widmete ihm das SZ Magazin auch noch eine ganz und gar unfreundliche Titelstory mit der Titelzeile "Der Untergeher". Das war eine ziemlich gnadenlose Abrechnung mit dem Phänomen Kerner. Aber Kerner hat auch Freunde bei der SZ. Kurz nach dem Verriss im Magazin fand der PDF-Newsletter ViSdP auf der Medienseite der Süddeutschen freundliche Worte vom SZ-Kerner-Experten Christopher Keil: "Kerner moderierte […] auf hohem, auch auf einem journalistischen Talk-Niveau." So viel Binnen-Pluralität bei der Meinungsbildung kennt man ja sonst nur von der FAZ.

Diesen Freitag wurde das Programm für die Lead Awards vorgestellt. Und Impresario Markus Peichl schlägt mal wieder einen inhaltlichen Purzelbaum, mit dem so keiner gerechnet hat. Der Blick der Jury richte sich in diesem Jahr zunehmend auf den Mainstream. So habe die Jury u.a. auch auf ein Feature der Jugendzeitschrift Bravo zum Tod von Michael Jackson ein Auge geworfen. Ein Lead Award für die Bravo? Was kommt als nächstes? Der Henri-Nannen-Preis für das Goldene Blatt? Der Grimme-Preis für "DSDS"? Mainstream ist der neue Sex.

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