Schumi: Dilemma eines deutschen Helden

Es war ein weiter Weg vom Kartfahrer und Kfz-Mechaniker zum Weltstar. Und obwohl Michael Schumacher der erfolgreichste deutsche Sportler sein dürfte, sofern man den Formel 1-Zirkus als Sportart wertet, ist das Medienphänomen Schumacher komplex. Sein Comeback wird zur Bewährungsprobe: für den Rennfahrer wie für die Medien, die den spektakulären Neustart begleiten und dabei Gefahr laufen, aus der Spur zu geraten. Im neuen Blog Pole Position begleitet MEEDIA den Rückfall eines Aussteigers auf Zeit.

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Es war ein weiter Weg vom jungen Kartfahrer und Kfz-Mechaniker zum Weltstar. Und obwohl Michael Schumacher der erfolgreichste deutsche Sportler sein dürfte, sofern man den Formel 1-Zirkus zu den Sportarten rechnet, ist das Medienphänomen Michael Schumacher komplex und kompliziert. Sein Comeback mit 41 wird zur Bewährungsprobe: für den Rennfahrer wie für die Medien, die den spektakulären Neustart begleiten und dabei Gefahr laufen, aus der Spur zu geraten. Im neuen Blog Pole Position begleitet MEEDIA den Rückfall eines Aussteigers auf Zeit.
Aus Marketingsicht ist die aktuelle Fahrerkonstellation ein Glücksfall, das gilt für Veranstalter Bernie Ecclestone, für Mercedes wie für Schumacher, der die Lust am Risiko neu entdeckt und sich gleich für drei Jahre an die Vollgas-Mühle gebunden hat. Dass der Pilot, der so viele urdeutsche Tugenden vermittelt, nach fast zwei Jahrzehnten bei einem deutschen Hersteller andockt, wirkt wie ein später Sieg, durch den zusammenwächst, was zusammengehört.
Das Medienecho ist gewaltig. „Schumi“ gehören die Titelseiten etlicher Zeitungen, Magazine überbieten sich in Prognosen, und RTL kann die Rekord-Einschaltquote beim Auftaktrennen an diesem Sonntag in Bahrein so sicher verbuchen wie eine Lottogesellschaft den Jahresgewinn. Die Medien, so scheint es, lieben Schumacher, aber es ist nicht die Person, sondern die Story, die der in die Jahre gekommene Ex-Champion ihnen liefert. Denn all die Jahre, in denen der Superstar des Motorsports uns begleitete, haben uns den Menschen Michael Schumacher nicht näher gebracht. In Interviews wirkt er oft spröde, formuliert seltsam gepresst und schablonenhaft: Dank ans Team, phantastischer Job, schaun wir mal, was im Rennen passiert. Wir sind gut gerüstet. Viele sagen, dass der private Schumacher witzig und locker sein kann, aber diese Seite teilt er nicht mit uns. Seine unterhaltenden Qualitäten auf der öffentlichen Bühne, seien wir ehrlich, liegen klar im rechten Fuß.
Als der Spiegel im vergangenen Herbst mit einem Schumacher-Interview als Titelstory überraschte, war die Verkaufsbilanz blamabel. Lag es an der lapidaren Headline „Was bringen ein paar Siege mehr?“ Oder an Schumacher, der eben nur dann interessant ist, wenn er auch tatsächlich fährt und nicht über sein Leben sinniert? Man kann Schumacher schätzen, man sollte ihn aber nicht überschätzen. In der Figur des Formel eins-Stars zeigt sich das Dilemma der deutschen Sporthelden: Es fehlt an Omnipräsenz der Persönlichkeit, es gibt zu wenig Identifikationspotenzial außerhalb des Sportbetriebs. Wegen dieses Dilemmas hatten Zeitschriftenkonzepte wie Gruner + Jahrs Sports keine Überlebenschance, lehnten gleich mehrere Verlage später ein Dummy namens Champ ab. Nico Rosberg, der Teamkollege Schumachers, hätte vielleicht das Zeug dazu, mehr als nur ein Gewinner zu sein. Aber die Diskussion wäre auch sehr theoretisch: Rosberg fehlen zuallererst die Siege.
Wer die Formel eins 2010 verstehen will, muss sie als Krisengeschäft begreifen. Das Engagement von Mercedes wird auch in eigenen Reihen kritisch gesehen. Der bräsige Motorsportchef Haug wirkt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Der hatte schon bei Ron Dennis zu McLaren-Zeiten wenig zu bestellen; jetzt kommt er als Faktotum der Mercedes-Rennsportära daher und verkörpert geradezu die breit aufgestellte Vergangenheit. Im Rennsportbetrieb soll gespart werden, auch das Gehalt von Schumacher sei verglichen mit seinen früheren Bezügen extrem moderat. Von sieben Millionen Euro pro Jahr ist die Rede, andere Quellen sprechen dagegen von mehr als 20 Millionen Euro, was einem Honorar von mehr als einer Million Euro pro Rennen entspräche.
Tatsache ist: Ohne Schumachers Comeback befände sich die Formel eins in einer Sackgasse. Hersteller wie BMW, Toyota, Honda oder Renault haben dem Vollgas-Festival den Rücken gekehrt, wobei der Verlust von vielen nicht einmal beklagt wird. Hans-Joachim Stuck, derzeit bei Volkswagen unter Vertrag, erklärte kürzlich, dass die Hersteller einen unguten Einfluss auf die Rennsportserie nehmen würden: zu viele Reglements, zu durchsichtige Manöver von Kontrollfreaks im Auftrag der Marke. Mercedes ist ein Musterbeispiel für dieses Vorgehen. Stuck beklagte kürzlich, dass er als TV-Reporter von Herstellern gezwungen worden sei, die Fragen schon vor dem Rennen schriftlich einreichen zu müssen. Viele Journalisten monieren, dass sie Interviewtexte nach der Autorisierung teilweise nicht mehr wieder erkennen würden und neben ganzen Passagen in Antworten gleich auch ihre Fragen vom Presse-Controller umgeschrieben werden.
Wer nun den Verlauf der Rennsportsaison realistisch einschätzen will, sollte zwei Dinge berücksichtigen. Zum einen wird der Schumacher-Effekt ganz wesentlich davon abhängen, wie leistungs- und konkurrenzfähig der Werks-Mercedes sein wird. Dabei geht es weniger um die Frage, wer am Ende gewinnt als um die Reaktion von Michael Schumacher auf mögliche Probleme. Wer als siebenfacher Weltmeister Wert ausgerechnet darauf legt, dass seine Startnummer beim Comeback nicht die 4, sondern die 3 sein muss, signalisiert eine Platzhirsch-Mentalität, die zum Bumerang werden kann. Schumacher kann alle Sympathien verspielen, wenn es erneut zu einem Szenario wie in früheren Jahren kam, in denen er durch unsportliche Attacken den WM-Sieg zu sichern bemüht schien. Das ist das andere Gesicht des Champions, der sein Leben lang auf Erfolg programmiert war und dessen Umfeld sich danach zu richten hatte.
So ist die Degradierung des zweiten Fahrers, die Eddie Irvine und später Rubens Barrichello über Jahre hinnehmen mussten, Teil des Systems Schumacher, das vor zwei Jahren von der Rennsportverband FIA offiziell geächtet wurde: Teamorder ist inzwischen verboten, aber natürlich gibt es Wege, diese Regel zu umgehen. Unvergessen ist der vom Fernsehen dokumentierte Befehl des früheren Ferrari-Teamchefs an den führenden Barrichello beim Österreich-Grand Prix, den schon geschlagenen Schumacher auf den letzten Metern des Rennens passieren zu lassen: „Let Michael pass for the Championship.“ Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo entschuldigte sich später offiziell für die Unsportlichkeit, der Vorfall ging als einer der blamabelsten Momente in die Formel eins-Geschichte ein.
So gesehen ist die derzeitige „Traumkonstellation“ der Formel eins nicht ganz ohne Risiko. Auf den ersten Blick wirkt das Comeback wie die sportliche Variante der Feuerzangen-Bowle, bei der Schumacher nochmals in die Welt seiner eigenen Vergangenheit eintaucht und dabei agiert, als spiele es keine Rolle, dass er von Konkurrenten umgeben ist, die halb so alt sind wie er. Aber Schumacher ist nicht der Pfeiffer mit den drei f, für den alles nur ein Spaß ist. Der Altmeister, den man rief, meint es ernst, er kann gar nicht anders.
Die Einschätzung des TV-Kommentators Hans-Joachim Stuck, dass Schumi bei den Italienern aus dem Businesss hinauskomplimentiert wurde, weil neue Fahrer bereit standen, ist unwiderlegt. Der Deutsche hatte sich in den Jahren vor seinem Karriereende 2006 bei Ferrrari geradezu zu Tode gesiegt und fünf Titel in Folge geholt; die Italiener wollten ein neues, jüngeres Gesicht, auch, weil die Marke Schumacher die Marke Ferrari überstrahlte. Wenn er nun zurückkehrt, dürfte er einen etwaigen Rückstand gegenüber den jüngeren Fahrern schnell wettmachen. Wer sich die Rekordlisten der Formel eins ansieht, erkennt wie dominant der siebenmalige Weltmeister tatsächlich war: In allen relevanten Kategorien führt er mit großem Abstand. Schlagen kann sich Michael Schumacher wohl nur selbst. Aber dieses Risiko ist nicht gering, siehe oben.

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