Oliver Geissen: Andi Möller der Mattscheibe

Der ehemalige Fußballprofi Andi Möller hat internationale Titel und Erfolge erzielt wie kaum ein Zweiter. Tragischerweise erinnert sich nur kaum jemand daran. Betrachtet man Oliver Geissen, 40, so trifft man in gewisser Weise einen "Andi Möller der Mattscheibe". Über lange Strecken präsent und dennoch „der Belgier“ unter den Moderatoren. So, wie fast jeder schon einmal in Belgien war, hat fast jeder schon einmal Olli Geissen gesehen: Beides hat nur niemand „wirklich gemerkt“. Porträt eines Unvollendeten.

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Erinnern sich Fußballinteressierte an Andreas („Andi“) Möller, greifen sie auf drei Bilder ihrer inneren Festplatte zu: Die "Heulsuse", den "Elfmeterschinder" und: das "ewige Talent". Ausgestattet mit allen technischen Fähigkeiten, die Kicker zu Göttern machen können, ohne jemals angemessen erwachsen geworden zu sein. Andi Möller war nie "ein Gott", weil die Last potenziell göttlicher Optionen und Fähigkeiten  tonnenschwer auf den schmalen Schultern des jungen Mannes lag und eine kaum wahrnehmbare Persönlichkeit verbog. Traurig, wenn vorhandenes Talent nie ganz lebendig wird und ein potenzieller Gott als zügig fallender Fußball-Engel in Erinnerung bleibt. Die Erinnerung des in der Außenwirkung erzielten Bildes erscheint kräftiger als Realität und gelebte Wahrheit. Wird es RTL-Mann Oliver Geissen genau so ergehen?
Dabei hatte alles ganz  gut begonnen: Der Sohn eines Berliner Fischhändlers moderierte erfolgreich verschiedene Formate und startete 1999 bei RTL die Oliver Geissen Show mit zunächst riesigem Erfolg. Für RTL erstens ein Glücksgriff und zweitens strategisch ein intelligenter Schachzug: Der zunehmend omnipräsente Jauch, der aufgrund seiner nüchternen, „normalen“ Art Zuschauern einen breiten Raum an Identifikation bot, aber Tendenzen zum staksigen Oberlehrer nie so ganz unterdrücken konnte, wurde auf anderen Sendeplätzen bereichert um das „Gegenmodell Olli“.
Die Benutzeroberfläche des attraktiven, schwiegermuttertauglichen Sympathieträgers war weiblicher als die des SAT1-Pendants Vera Int-Veen. Geissen band in seiner Talk-Show schnell über Senderschnitt Zielgruppen: Als lächelnd lockerer Randgruppenverwerter im Schrottplatz der Schicksale ignorierte er mit konsequent juveniler Eleganz alles, was Menschen auf der bösen Seite des Lebens so widerfahren kann. Immer unverbindlich – mal lustig, mal listig, mal lasch.
Stand Jauch für „richtig“ und „falsch“, für Journalismus und Lösungen, bot Olli „Patienten mit Gehirntumor die Familienpackung Kopfschmerztabletten“ und verabschiedete sie zehn Jahre lang mit dem unvergessen gedehnten: „Ihr Lieben,…. schön dass Ihr da wart…!“
Das hatte was: Letztlich ist die Fähigkeit, mit hoher Treffsicherheit an jedem Problem vorbeizulächeln genauso groß, wie die, mit derselben Treffsicherheit jedes Problem zu lösen, und: zehn Jahre lang ein Format im Äther zu halten, ist – trotz Quotenverfalls in der letzten Zeit – eine Leistung.
Geissen, vom präzisen Max Giermann (Switch) durch pointierte Parodien treffsicher geadelt, konnte für sich persönlich diese Leistung nur begrenzt abrufen: Der Quotenverfall der Oliver Geissen-Show, die Schleichwerbung als Big-Brother-Moderator 2000 (RTL musste 50.000,- DM Strafe berappen), oder die Trennung von seiner Frau bildeten punktuell ernstere Hinweise darauf, dass lockeres Lächeln allein als Strategie dann doch zu dünn ist. Auch die (medientypische) Vermischung unterschiedlicher Rollen innerhalb einer Person (Primär-Protagonist Onair, Jonit-Venture-Partner innerhalb der gemeinsamen Produktionsfirma mit RTL, Produzent) wurde hinlänglich öffentlich kommentiert.
Irgendwann ist halt jeder Drops gelutscht: „Forever Young“ ist selbst für einen Johannes Heesters letztlich eine Lebenslüge. „18 – Die beste Zeit meines Lebens-“  heißt ironischerweise das aktuelle Retro-Format von Oliver Geissen bei RTL. Mit dem Verweis auf Volljährigkeit und Erwachsen-Werden verleiht der Titel einem Stück verborgener Wahrheit Olli Geissens Sprache…. Das Format selbst wirkt spannend wie ein Testbild: Als beliebiges, diffus vorgealtertes Veteranenprodukt taugt es sicher für Senioren mit seniler Bettflucht  oder all jene, die den Begriff „Niveau“ für eine Handcreme halten. Die Quote ist dürftig.
Aus der Riege bekannter Gesichtsverleiher hat seit Chart-Show-Zeiten so ziemlich jeder  „Udo Lattek des TV-Geschäfts“ die Polster der Couches von Ollis Resterampe durchgesessen: Thomas M. Stein, Musikmanager und DSDS-Jury-Mitglied der ersten Stunde, die unvermeidlichen Barbara Schöneberger, Axel Schulz, Rainer Calmund und viele andere. Selbst Hugo Egon Balder würde unter Umständen wie eine Wachsfigur seit Jahren auf dem Kunstleder der Kommunikation von Ollis Couch verharren (und vom ebenselben ziehen), hätte er sich nicht weitgehend zum Rückzug aus dem Frontend-Business entschlossen.
Munter wird auch bei „18-“ herangekarrt, was Sitzfleisch hat und semi-intellektuell genug erscheint, belanglose Spielchen über sich ergehen zu lassen, die humoristisch nur sehr begrenzt als „Wegschmeißer“ zu bezeichnen sind. Weil Olli nicht brüllt, ist der Brüller des Abends dann schon gerne mal ein restauriertes Jugendfoto der ebenso restaurierten Couch-Potatoes. Und, wenn der Saal kocht, setzt man Rainer Calmund schon mal die Langhaarperücke aus den 70ern auf die Glatze, damit selbst der letzte Funken Respekt vor dem ehemaligen Top-Manager eines international erfolgreichen Fußball-Clubs aus dem umfangreichen Körper weicht. Bitter. Ganz bitter.
Wie singt der grandiose Rainald Grebe? „Wir wollen wie Kinder sein: Nämlich dumm und einsdreißig…“ Gut, der eine oder andere Zuschauer freut sich darüber, dass er – durch ihren unvermuteten Auftritt bei Olli – nach Jahrzehnten jene Popgrößen wieder am Leben weiß, die er schon längst als verblichen abgebucht hatte. Auch, wenn deren aktuell visuelle und musikalische Wirkung eher vermuten ließe, sie seien von den Ludolfs für Ollis monothematischen Retro-Relaunch ungelenk auf einem vergessenen Hinterhof zusammengeschraubt worden.
Kein Problem- Olli lächelt alles weg. Auch hier gilt: „Ihr Lieben, schön, dass Ihr da wart…“.
Es bleibt die Frage: Warum nur, Olli? Warum das?
Oder besser: Wozu genau?
Oliver Geissen muss Fähigkeiten gehabt haben: Ex-American Football-Kicker und ehemaliger Fußballer:  Beides Felder, in welchen Lächeln und Labern nur sehr begrenzt dem Überleben dient. Er war Leiter der Sport Redaktion bei Hamburg 1, mit allem, was Leitungsfunktionen ausmacht. Und nicht zuletzt ist er dreimaliger Vater. Er muss also kämpfen können. Ernst sein Können. Lieben können. Mehr noch: Oliver Geissen kann zuhören und reden – zumindest so, dass eine theoretische Option auf Kontakt entsteht. Eine Fähigkeit, mit welcher bei präziser Betrachtung nicht jeder „Moderator“ geschlagen scheint.
Im Close-Up liest man Spuren in seinem Gesicht und spürt in angenehmer Weise: Der Mann hat irgendwie gelebt. Da muss doch mehr sein…. In einer „Pocher-Late-Night-Rolle“ beispielsweise wäre er mit hoher Wahrscheinlichkeit zwanzigmal besser platziert, als der sichtbar überforderte Pocher selbst. Selbst in der Kerner-Rolle des blassen Blonden im Begräbnis-Anzug, der im Kontakt zu anderen stets ein wenig mehr bei sich selbst ist, als beim Gesprächspartner, wäre Geissen grundsätzlich vorstellbar.
Er müsste nur erwachsen werden: Geissen müsste mit Profil damit beginnen, jenen Raum zu füllen, der zwischen „Forever-Young-Olli“ und dem retrospektiven Charme des Vergangenen, des Verfalls, liegt.  So könnte aus dem „Andi“ ein „Möller“, aus „Olli“ ein „Geissen“ werden. Vielleicht ist es dafür auch zu spät. Das wäre – wirklich!- schade. Unternimmt man in einem überflüssigen Anfall virtueller Kontaktwut den Versuch, Oliver Geissens Website zu erreichen, trifft man – nicht zufällig – auf ein mögliches Lebensmotto von Oliver Geissen: Under construction.
Hoffentlich.
Der Autor Christopher Lesko leitet in Falkensee / Berlin zwei Beraternetzwerke, die Organisationen bis auf C-Level zu den Themen Leadership und Change begleiten. Lesko ist Medienexperte.
www.lesko.ch

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