Krise: So versagten die Wirtschaftsmedien

Die deutschen Qualitätsmedien haben unzureichend über die Finanzmarktkrise berichtet. Eine aktuelle Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung attestiert ARD, dpa und Tageszeitungen teilweise "eklatantes journalistisches Versagen" beim Umgang mit den Wirtschaftsereignissen. Zu den Autoren gehört Wolfgang Storz. Im Gespräch mit MEEDIA sagt der ehemalige Chefredakteur der Frankfurter Rundschau: "Das Ergebnis der Studie zeigt: Man kann nicht einfach so weitermachen wie bisher."

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Am Montagabend stellen Sie die Studie zur Wirtschaftsberichterstattung der großen deutschen Medien Frankfurt vor. Was kritisieren Sie?
Was ARD-"Tagesschau" und -"Tagesthemen" anbelangt: Die Redaktionen haben sich in der Arbeitsroutine nicht stören lassen. Als im September 2008 mit der Lehman-Brother-Pleite die Krise offiziell wurde, gab es keine Sondersendungen. Den ersten Brennpunkt zum Thema sendete die ARD im Oktober, den nächsten im Frühjahr 2009. Innerhalb der regulären Sendungen ist die Grundstruktur nie durchbrochen worden. Es gab ein außerordentliches Ereignis, es war aber nicht zu erkennen, dass es außerordentliche Anstrengungen gab, um dieses zu vermitteln.

Wie war die Qualität der Berichterstattung?
Aufgrund einer Textanalyse der Sendungen lässt sich sagen, dass der Zuschauer mit den Sachverhalten oft allein gelassen wurde. Begriffe etwa wie "Hebelwirkung" oder "Zweckgesellschaften" blieben unerklärt. Bei einem Publikum von 10 Millionen Zuschauern muss man so etwas erläutern. Dazu gab es bereits in der Vorphase der Krise einige kritische Interventionen von Wissenschaftlern und Politikern. Und Ereignisse wie zum Beispiel die Entscheidung der EZB im August 2007 [den Banken mit großen Geldmitteln zu helfen; Anm. d. Red.]. Hier hätten die Medien das Wissen und den Anlass gehabt, Alarm zu schlagen. Das haben sie nicht gemacht. Das gilt nicht nur für das Fernsehen, sondern auch die überregionalen Qualitätsmedien die wir untersucht haben.

Welche Methode haben Sie bei Ihrer Untersuchung angewendet?
Unsere Studie besteht nicht aus einer flächendeckenden Untersuchung, wir haben "Tiefenbohrungen" zur Finanzmarktpolitik und die aktuelle Finanzkrise durchgeführt. Dabei konzentrierten wir uns auf 16 Ereignisse der vergangenen zehn Jahre. Bei "Tagesschau" und "Tagesthemen" haben wir 141 Beiträge untersucht, aus dem dpa-Basisdienst 212 Meldungen. Bei den überregionalen Tageszeitungen haben wir bei FAZ, Handelsblatt, Süddeutsche, taz und FTD 822 Texte ausgewertet.

Was fordern Sie von den Medien?
Insgesamt ist so viel schiefgelaufen, dass wir denken, es ist nicht gut, wenn man einfach die Arbeit wie gewohnt fortsetzt. Notwendig ist eine öffentliche Debatte über die Produktionsbedingungen des Journalismus. Man hat kritisches Wissen über Jahre hinweg ignoriert. Journalisten werden sich insbesondere die Frage stellen müssen, wie sie mit begründetem kritischen Wissen umgehen, das minoritär ist und nicht zum Mainstream passt. Es ist notwendig, dass die Redaktionen über die Bedingungen, unter denen Journalisten arbeiten, diskutieren.

Sie machen keine konkreten Vorschläge?
Unsere Schlussfolgerung lautet: Der Journalismus muss überdenken, ob er mit der Aktualität, die oft ein Nachjagen nach neuen Zitaten ist, einen Fehler begeht, dass er so viele Ressourcen auf dieses Ziel konzentriert. Und dass man nicht mehr Ressourcen auf Erklären, Vermitteln, Hintergründe darlegen richten sollte. Wir empfehlen auch, wichtige Sachverhalte in den Medien grundsätzlich kontrovers darzustellen – nicht langweilig, aber in einer pädagogischen Form. Ein weiterer Punkt betrifft den Umgang mit kritischem Wissen.

Was heißt das?
Einer unserer Gesprächspartner sagte, wir müssen eventuell dazu übergehen, dass wir auf allen Redaktionssitzungen zu wichtigen Themen einen Advocatus diaboli einsetzen, der immer die Gegenargumente vorträgt. So herrschte in den Jahren 2003 bis 2005 die Meinung vor, die Deregulierung des Marktes sei positiv für die deutsche Wirtschaft. Aber auch in diesen Jahren gab es Kritiker – auch prominente –, die einfach nicht wahrgenommen wurden. Die Frage ist also: Wie können die Redaktionen dafür sorgen, dass dieses kritische Wissen ständig in den Sitzungen präsent ist – auch wenn es nicht die Mehrheitsmeinung ist. Daran kann man sehen, dass es auch die Arbeitsbedingungn betrifft: Man muss die Zeit haben Pro und Contra aufzuführen.

Aber lassen sich diese komplexen Zusammenhänge überhaupt in der knappen Zeit so darstellen, dass ein Durchschnittsbürger sie versteht? Eine verständliche Berichterstattung kostet Zeit – auch für die Präsentation. Die ARD liefert in ihrer "Tagesschau" ein Potpourri aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport. Möglicherweise muss man von diesem Programm der Vielfalt etwas abrücken, weil man erkennt: Wir brauchen für ein wichtiges Thema mehr Zeit, um es überhaupt erklären zu können. Und das in einer einfachen Sprache.

Haben Sie auch positive Beispiele gefunden?
Die überregionalen Print-Medien, die wir untersucht haben, haben seit September 2008 in weiten Strecken gut gearbeitet und boten mehr Vielfalt, mit zahlreichen Sonderseiten. Kritiker der Finanzmarktpolitik kamen zunehmend zu Wort. Es gab einige wenige Medien, die sogar schon im August 2007 tiefgreifende Verfehlungen erkannten – wie zum Beispiel die taz.

Sie sagen, das Versagen der Medien bei der Wirtschaftsberichterstattung böte auch eine Gelegenheit zur Verbesserung – sind Sie da optimistisch?
Nicht sonderlich, ich war ja lange genug selbst in dem Geschäft. Aber in jeder Krise steckt auch eine Chance. Ich bin auch nicht pessimistisch. Bei unseren Gesprächen mit verschiedenen Ressortleitern haben wir festgestellt, dass es ein intensives Nachdenken darüber gibt, was schiefgegangen ist und wie man es künftig ändern kann.

Wir wollen Material liefern, um eine Diskussion anzuregen. Denn wir meinen, dass ein so großes Ereignis wie die Finanzkrise und die Finanzmarktpolitik die Chance bietet, über die Qualität der journalistischen Arbeit und die Arbeitsbedingungen zu führen.

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