Lokale News als Traffic-Treiber

Lokale Webblogs werden von Experten als Chance oder Gefahr für Lokalzeitungen gesehen - je nachdem auf welcher Seite man steht. In den USA setzen große Blätter wie die New York Times verstärkt auf Lokal-Blogs. In Deutschland sind solche Projekte noch Mangelware. Eine Ausnahme ist die Badische Zeitung mit Fudder.de. Das Angebot der Freiburger Zeitung wurde bereits mit dem Grimme Online Preis ausgezeichnet. MEEDIA sprach mit Projektleiter Markus Hofmann über den Lokaljournalismus2.0.

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Manche sehen lokale Inhalte als Chance für Zeitungsverlage im Internet. Sie sind seit 2006 mit Fudder.de als Online-Ableger der Badischen Zeitung im Geschäft. Wie sind bisher Ihre Erfahrungen?

Fudder.de wurde als eigene Marke ganz bewusst unabhängig von der Muttermarke Badische Zeitung gegründet. Wir wollten ein eigenes kleines, inhaltlich unabhängiges Test-Labor gründen. Zu Beginn sind wir nur mit einem WordPress Blog auf Sendung gegangen, ganz ohne Werbekampagne und Anzeigenschaltungen. Wir haben darauf spekuliert, dass wir in einer vergleichsweise kleinen Stadt wie Freiburg über Mundpropaganda und Verlinkungen relativ schnell bekannt werden. Das hat sich bestätigt. Die Reichweite von Fudder.de ist bisher kontinuierlich gestiegen. Wir haben mit 13 Visits am ersten Tag angefangen. Heute verzeichnen wir pro Monat 500.000 bis 600.000 Visits.

War Fudder.de am Anfang auch als Blog konzipiert oder war die WordPress-Software nur ein Notbehelf?

Wir wollten auf diese Weise die technische Entwicklungszeit verkürzen. Wir wollten eine schnelle, einfache technische Lösung, mit der wir schnell live gehen und Erfahrung sammeln können. Mittlerweile haben wir eine TYPO3-Plattform. Fudder.de ist weder ein Blog noch eine Community und auch kein klassisches News-Portal. Es ist von allem ein bisschen. Wir machen lokale News plus Blogs plus Community.

Lokale News bietet die Badische Zeitung auch im Internet. Was ist der eigene Ansatz bei Fudder.de?

Wir sprechen Menschen an, die über das klassische Medium Tageszeitung immer schwieriger zu erreichen sind. Das sind Leute zwischen 15 und Mitte 30, die sogenannten Digital Natives, die das Netz immer stärker für ihren Info-Konsum nutzen. Daraus leitet sich auch ein anderes Themenspektrum als bei der Zeitung ab. Was die Leseransprache betrifft, sind wir deutlich dialogorientierter. Wir versuchen, mit unseren Nutzern zu kommunizieren, bitten sie um Informationen oder Meinungen. Nutzer können kommentieren usw. Das ist ein wichtiger Teil des Konzepts. Wir wollen Nutzer in den gesamten Produktionsprozess einbeziehen. Von der Recherche bis zur Zeit nach der Veröffentlichung.

Gibt es gar keine Überschneidungen zwischen den Nutzern von Fudder.de und den Lesern der Badischen Zeitung?

Da gibt es keine harten Zahlen. Wir gehen aber davon aus, dass wir viele Menschen erreichen, die die Zeitung nicht mehr oder selten lesen, Studenten beispielsweise.

Was interessiert diese jungen Nutzer bei Fudder.de?

Uni-Themen laufen in der Studenten-Hochburg Freiburg sehr gut. Allgemein läuft alles, was mit News zu tun hat, sehr gut. Sei es eine Demonstration der linksalternativen Szene in der Stadt, sei es ein neuer Club, ein neues Geschäft oder eine Audimax-Besetzung der Studenten. Lokale News sind bei uns ein Reichweitentreiber. Wir haben Fudder.de von Anfang an als lokale Plattform positioniert. Diese lokalen Themen werden von unserer jungen Zielgruppe sehr stark nachgefragt.

Gibt es zwischen Fudder.de und der Badischen Zeitung denn inhaltliche Berührungspunkte?

Zum einen gibt es eine wöchentliche Fudder-Seite in der Badischen Zeitung. Wenn man so will eine Jugendseite. Wir versuchen außerdem, Traffic von Fudder.de zur Badischen Zeitung zu schieben und umgekehrt. Auf der Homepage der Badischen Zeitung werden zum Beispiel die fünf aktuellsten Fudder-Artikel angeteast. Und bei Fudder.de werden Inhalte der Badischen Zeitung präsentiert – zum Beispiel Videos oder Stellenanzeigen. Auf diese Weise führen wir junge Nutzer im Internet der Muttermarke zu.

Und das funktioniert?

Wir schaffen eine relevante Summe an Klicks jeden Monat von Fudder.de zur Website der Badischen Zeitung. das lässt sich mit unseren Klick-Statistiken genau belegen. Ob diese Online-Nutzer auch tatsächlich zu Lesern des Papierprodukts werden, ist schwer zu messen. Wir stellen aber fest, dass die Printauflage der Badische Zeitung in den vergangenen Quartalen gewachsen ist.

Wie werden Sie und ihr Team bei der Zeitung wahrgenommen? Sind Sie die Verrückten aus dem Internet?

Das Thema Online hat eine hohe Akzeptanz und Relevanz. Verleger, Geschäftsführer und Chefredaktion der Badischen Zeitung propagieren kontinuierlich, dass wir Online ernst nehmen müssen. Es gibt also eine Grundbereitschaft, sich mit dem Medium zu beschäftigen und es auch ernst zu nehmen. Dass wir vor zweieinhalb Jahren den Grimme-Online-Preis gewonnen haben, hat vielen Print-Kollegen zusätzlich signalisiert, dass da etwas ist, das in der Branche ernstgenommen wird und Respekt verdient. Manchmal denken die Kollegen vielleicht, dass würden wir ja ganz anders machen. Aber es gibt schon eine große Portion Respekt.

Aber Sie müssen auch noch Überzeugungsarbeit leisten?

Ja selbstverständlich. Das ist auch altersbedingt. Junge Kollegen sind mit dem Internet aufgewachsen. Ältere Kollegen haben vielleicht stärkere Berührungsängste. Da braucht es Einfühlungsvermögen und Verständnis.

Sehen sie große soziale Netzwerke wie Facebook als Gefahr für Ihr Angebot?

Fudder.de versteht sich nicht als Facebook für Freiburg, unser Schwerpunkt liegt auf den Inhalten, den Nachrichten. Facebook ist für uns ein weiterer und immer wichtigerer Distributionskanal. Die Zahl der Nutzer, die über Facebook auf Fudder.de kommen, steigt deutlich an. Über Fudder.de wird auch verstärkt bei Facebook diskutiert. Es kann sein, dass sich Leser-Diskussionen von Fudder.de zu Facebook verlagern. Aber grundsätzlich sehe ich hier auf dem Lesermarkt keinen Wettbewerb, genau so wenig wie mit Google. Facebook und Google helfen uns, mehr Nutzer mit unserem Produkt zu versorgen. Und unser Produkt sind nunmal Nachrichten und journalistische Informationen. Auf der Vermarkterseite kann Facebook aber vielleicht, ähnlich wie Google, ein neuer Wettbewerber auf dem lokalen Markt werden.

Verdient Fudder.de Geld?

Zahlen wollen wir nicht nennen. Lokale Online-Märkte sind sehr junge Märkte, die erst noch entwickelt werden müssen. Das braucht Zeit, gerade auch, was den Dialog mit Kunden betrifft. Ich sehe aber in den nächsten Jahren große Chancen für neue Vermarktungsformen in lokalen Onlinemärkten. Wir befinden uns derzeit aber noch nicht in einem reifen Markt, wo große Erlöse abfallen.

Sehen Sie einen Trend hin zum Hyperlokalen? Nach dem Motto: Jedem Straßenzug sein eigenes Blog.

Die Einstiegsschwelle für journalistische Produktion ist durch Blogs extrem niedrig geworden. Man muss nicht mehr viel Geld in die Hand nehmen. Dass dies tatsächlich dazu führen wird, dass jede Straßenkreuzung ein eigenes Blog bekommt, sehe ich derzeit nicht. Das Info-Angebot vieler Blogs ist sehr subjektiv geprägt. Es gibt wenig allgemeingültige Informationen. Ich sehe aber den Ansatz, dass Seiten wie Fudder.de oder andere relevante lokale Inhalte aus Blogs, Twitter Facebook oder woher auch immer aggregieren. So könnte man interessante und relevante Inhalte für eine Stadt aus allen möglichen Quellen sammeln und den Lesern auf einer Plattform zur Verfügung stellen. Das testen wir bei Fudder.de auch schon. Wir haben seit kurzem testweise eine Twitter-Liste integriert, so dass Twitter-Nachrichten aus und über Freiburg automatisch bei uns einlaufen. Das könnte ich mir auch mit Freiburger Blogs vorstellen.

Wie soll sich Fudder.de in Zukunft entwickeln?

Wir verfolgen einen Plattform-Gedanken. Fudder.de soll als lokales Zentrum im Internet funktionieren. Wir müssen schauen, wer sonst noch im Netz Infos über die Region Freiburg produziert und diese bei Bedarf bei uns einbinden. Dabei müssen wir natürlich darauf achten, dass wir in erster Linie gehaltvolle Infos übernehmen. Und Social Media spielt bei uns eine immer größere Rolle. Wir wollen bei Fudder.de Twitter und Facebook noch stärker zu unserem Vorteil nutzen. Außerdem halte ich ein Fudder-Angebot für mobile Endgeräte für wichtig.

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