BBC: Was man macht, macht man falsch

Der Director General von der BBC, Mark Thompson, war gestern abend bei Channel 4 News zu Gast. Thema: Die vorgeschlagenen größten Budgetkürzungen in deren Geschichte. £600 Mio. oder 20%, das sind zwei komplette Radiosender, die Hälfte des Online-Auftritts, und bis zu 600 Jobs. Limits für Topgehälter und Boni wurden schon vorher eingeführt. Es gehe darum, "weniger Dinger besser zu machen", so die offizielle Erklärung für diese freiwillige Kastration. Für BBC-Fans eine dramatische Nachricht.

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Der Director General von der BBC, Mark Thompson, war gestern abend bei Channel 4 News zu Gast. Thema: Die vorgeschlagenen größten Budgetkürzungen in deren Geschichte. £600 Mio. oder 20%, das sind zwei komplette Radiosender, die Hälfte des Online-Auftritts, und bis zu 600 Jobs. Limits für Topgehälter und Boni wurden schon vorher eingeführt. Es gehe darum, "weniger Dinger besser zu machen", so die offizielle Erklärung für diese freiwillige Kastration. Für BBC-Fans eine dramatische Nachricht.
War nicht schön anzusehen, denn Thompson ist unsympathisch, arrogant und ohne Charisma, während die BBC Allgemeingut und ein genau so großer Teil der britischen Tradition wie die Royals ist. Daher ist es auch nicht schlimm, dass er es niemandem recht machen kann. Channel 4 hatte vor Thompsons Interview zwei DJs der betroffenen Radiosender – BBC 6 Music und dem Asian Network – per Videolink zugeschaltet. Als einer Thompson zum Kampf aufforderte, um seine Station 6 Music zu retten, rollte Thompson so genervt die Augen, als hätte sein fetter, dummer Stiefsohn schon wieder die Nähte seines Superman-Kostüms gesprengt.

Aber die angedrohte Schließung dieses Intellektuellen-Musiksenders hat bereits jetzt große Proteste bewirkt. Die ‚Save 6 Music’-Gruppe auf Facebook hat innerhalb eines Tages 100.000 Fans gesammelt, und die weitreichenden Proteste könnten den Sender tatsächlich retten, denn die Sparmassnahmen sind erst Vorschläge – es gibt eine dreimonatige Beratungszeit. Auf Facebook wurden auch die Email-Adressen der Verantwortlichen sowie Informationen zu einer Petition veröffentlicht. Daneben ein Zitat von Martin Luther King, Jr.: "Fast immer hat eine kreativ engagierte Minderheit die Welt verbessert."

Auch wenn 6 Music relativ teuer zu produzieren sei, wäre ein so qualitativ hochwertiger Sender im kommerziellen Umfeld nicht möglich. Jungen Bands wie den Ting Tings wurde hier der Durchbruch verschafft, lange bevor die privaten Sender sie in die Playlist des üblichen Chart-Gedudels mit aufnahmen.

Thompson’s Antwort? Teile dieses Senders könnten in den beiden größten – und kommerziell konkurrenzfähigen – Stationen BBC Radio 1 und Radio 2 Platz finden. Ist es aber nicht im Sinne einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, sich auch weniger kommerzielle und dafür qualitativ wertvollere Sender zu konzentrieren? Und wäre es im Rahmen von Sparmaßnahmen dann nicht sinnvoller, zum Beispiel Radio 1 zu verkaufen – für vermutlich viel Geld? Das fragte Jon Snow, der Nachrichtenmann von Channel 4 News. Thompson reagierte wie immer genervt. Selten wird Rundfunkchefs der eigene Erfolg zum Verhängnis. Mit jedem anderen hätte man Mitleid gehabt, aber nicht mit diesem Gartenzwerg. Und die Antwort lautete "nein", auch die großen Sender seien Teil der Vielfalt der BBC.

Der private Mediensektor meckert schon lange, dass die BBC das Wettbewerbsbild verzerrt. Zum Beispiel wird deren Website nie in Pay-per-Click umgewandelt werden, weil sie mit Steuergeldern finanziert wird. Wenn die Webseiten von Zeitungen wie Guardian oder Times auf Bezahlsysteme umsteigen, kann man auf der BBC Nachrichten weiterhin umsonst lesen. Fair? Kaum. Flexibel? Auch nicht.. Der international zugängliche Nachrichtenteil bekommt weltweit pro Woche 250 Mio. Besuche, so Thompson. Imposant, oder? Auch daraus kann man ihm einen Strick drehen: Warum sollte ein Nachrichtendienst für Nicht-Briten vom britischen Steuerzahler finanziert werden? Außerhalb Großbritanniens gibt es auf diesen Seiten Werbung, und eine geplante internationale Version des iPlayers soll teilweise kostenpflichtig sein. Ein seltener Punkt für Thompson.

Wie gesagt, dieser Schritt ist freiwillig, und das macht Thompson nicht nur zum sympathieslosen Erbsenzähler, sondern auch zum Feigling. Er sagt, die £600. Mio. werden nicht gekürzt, sondern umverteilt. So sollen mehr originale Programme geschaffen werden – bis 2013 soll dafür 80% der gesamte Lizenzgebühren ausgegeben werden. Besonders Kinderprogramme (wenn es Probleme gibt, immer das Wohl der Kinder vorschieben – alte Politikerregel), aber auch Drama und Comedy sollen wieder vermehrt selbst gemacht werden. Die beiden Fernsehsender BBC 1 and 2 sollen ebenfalls mehr Budget bekommen, obwohl diese beiden schon gut bestückt sind.

Damit will er offenbar einer skeptischen konservativen Regierungspolitik vorweg greifen. Aber wie in diesem Blog schon erwähnt, ist es gar nicht mehr so sicher, das es einen Regierungswechsel gibt. Und wenn ja, ist nicht sicher, dass die neue Mannschaft Sparmassnahmen in dieser Höhe fordern würde. Im Guardian wird heute spekuliert, dass Thompson’s Selbstkastration es den Tories einfach machen würde, die Lizenzgebühren zu reduzieren. Wenn die BBC selbst £600. Mio. streichen kann, hat sie diese offenbar nicht so nötig gebraucht. Wie gesagt, was man macht, macht man falsch.

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