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Retrotrend: Charme und Beliebigkeit

In der jüngeren Vergangenheit kamen sehens- und lesenswerte neue Magazine vornehmlich aus kleinen Verlagen und nicht aus den großen Konzernen. Der neueste Mitbewerber aus einem solchen Verlag heißt Retrotrend. Das "Magazin für Klassiker" will bei Lesern mit Erinnerungen an alte Zeiten ein wohliges, nostalgisches Gefühl erzeugen. Themen der Erstausgabe u.a.: Compact-Cassetten, Polaroid und der Quelle-Katalog. MEEDIA hat das Heft gelesen und sagt, ob Retrotrend Zukunft hat.

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Hinter dem neuen Magazin, das seit Freitag an den Kiosken liegt, steckt Jürgen Lossau, ein ehemaliger Fernsehproduzent. Lossau stellte für ARD und ZDF u.a. Dokus, Magazine und Reportagen her, z.B. 25 Folgen des "ARD-Ratgebers: Mode" und die früheren Spots der ZDF-Lotterie Der große Preis mit Wim Thoelke. Seit 2004 arbeitet Lossau als Chefredakteur der Zeitschrift Schmalfilm, seit 2009 zudem als Chef der von ihm entwickelten Filmzeitschrift Zoom. Und nun also sein neuestes Baby Retrotrend, das er im eigenen Verlag befife herausbringt.

Das Konzept des neuen Magazins ist eindeutig: Berichte über tolle Dinge von früher, an die man sich gern zurückerinnert. Spätestens seit den 70er-, 80er- und 90er-Shows von RTL oder dem "Generation Golf"-Buch von Florian Illies dürfte bekannt sein, dass es einen großen Markt für solche Retro-Medien gibt. Eine Zeitschrift wie Retrotrend war also nur eine Frage der Zeit. Das allererste Retro-Magazin ist Retrotrend dabei aber nicht: Bereits im vergangenen Oktober kam – vorläufig als Oneshot – kult!, ein Ableger des Oldie-Musikmagazins Good Times auf den Markt. In charmant-amateurhafter Optik, aber mit netten Artikeln.

Das Layout wirkt bei Retrotrend deutlich professioneller und moderner, was für eine Nostalgie-Zeitschrift aber nicht nur positiv sein muss. Zu den Produkten, an die sich die erste Ausgabe erinnert, gehören Compact-Cassetten, die Quelle-Kataloge, die legendäre Fotomarke Polaroid, der BMW 2002tii, Kodachrome-Dias und der rote Londoner Doppeldecker-Bus.

Bunte Optik, dröger Text: die Geschichte des Quelle-Katalogs

Diese Themenmischung zeigt bereits das größte Problem eines Magazins wie Retrotrend. So hat jeder potenzielle Leser sehr subjektive Erinnerungen an die Vergangenheit. Womöglich hat er in seiner Kindheit und Jugend Musik und Hörspiele auf Cassette gehört. Aber interessiert ihn auch ein alter BWM? Die Geschichte der Qualle-Kataloge oder eine Sammlung historischer japanischer Radios? Den Retrotrend-Machern muss der Spagat gelingen, in jeder Ausgabe möglichst viele Alters- bzw. Zielgruppen zu bedienen, will man eine treue Leserschaft aufbauen.

Der Startausgabe gelingt dieser Spagat nur teilweise, zu beliebig sind die Themen an manchen Stellen. So sind die kleinteiligen "Radar"-Seiten einfach überflüssig, der Artikel über das neue Robbie-Williams-Album, dessen Produzent Trevor Horn sich in den 80ern bedient hätte, wirkt etwas konstruiert und die Geschichte des Quelle-Katalogs liest sich wie ein langweiliger Lexikon-Eintrag. Richtig gut ist Retrotrend immer dann, wenn es subjektiv wird. Wenn der Leser sich also durch Erinnerungen anderer in seine eigene Vergangenheit zurückversetzt fühlt. So sind die sieben kleinen Geschichten zum Titelthema Compact-Cassette ebenso lesenswert wie die melancholische "Letzte Reise in die Vergangenheit" von Frederik Jötten, der sein Kinderzimmer im Haus seiner Oma ausräumt und sich dabei wie ein Verbrecher fühlt. Ebenfalls sehr lesenswert und spannend: das Interview mit Florian Kaps, der die Polaroid-Filme wiederbeleben will.

Gelungen: die Titelgeschichte mit Erinerungen an die Cassette

Genau auf diese tollen, subjektiven Geschichten sollte sich Retrotrend in Zukunft konzentrieren: Geschichten von Leuten, die sich an ihre eigene Vergangenheit erinnern und nicht nur etwas zu einem Thema aufschreiben, zu dem sie gar keine eigene Beziehung haben. Sollte das passieren, kann aus Retrotrend ein wirklich gutes Magazin werden. Die Erstausgabe war zumindest schonmal gut für ein bis zwei nette Sonntagnachmittags-Stunden. Und das gelingt ja auch nur den wenigsten Zeitschriften.

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