Bunte-Affäre beschäftigt weiter Medien

Eine "Medienschlacht zwischen zwei Traditions-Illustrierten" sieht Springers Welt am Sonntag und bringt ein Interview mit Bunte-Chefin Patricia Riekel, in dem sie zum Stern-Bericht Stellung nimmt und sich gegen den "falschen Eindruck" wehrt, es gebe eine "spionierende Pfui-Presse". Das Vorgehen der Agentur CMK kommentiert die 60-Jährige leicht unglücklich: "Meines Wissens untersagt der Pressekodex weder sündige Gedanken noch aufgeregte Planerei." So oder so war die Affäre Medienthema: neue Pressestimmen.

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Nils Minkmar, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (nur print): "Womöglich sollten sich zunächst nicht der Presserat und die Gerichte mit der Bespitzelungsburleske befassen, sondern die Buchhaltung des Burda-Konzerns. Emil und seine Detektive hätten mehr herausbekommen als diese Spitzenagentur. (…) Schlecht beraten war die Chefredaktion der Bunten, als sie sich verteidigte. Eine schlichte Entschuldigung wäre besser gewesen als diese Mischung aus Anwürfen gegen den Stern und dem beidhändigen Griff in die Moralorgel."
Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung: "Welche Methoden dabei zum Einsatz kamen, ist umstritten. Tatsache ist jedenfalls, dass das bunte Blatt mit dubiosen Recherchen im Privatleben von Politikern nicht ihre eigenen Journalisten, sondern einen ‚externen Dienstleister‘ eingesetzt hat, eine ‚Foto- und Presseagentur‘. Das Drecksgeschäft wurde also ausgelagert. Das ist per se fragwürdig, weil dies offenbar den Sinn hatte, die Verantwortung für die Art und Weise der Recherche auszulagern. Es sitzt quasi Pontius Pilatus in der Chefredaktion des bunten Blattes: Sie wäscht ihre Hände in Unschuld, weil sie von ‚unseriösen Recherchemethoden‘ der beauftragten Agentur nichts gewusst habe. (…) Wenn Recherchen, die nahe an der Grenze zur Rechtsverletzung liegen, ausgelagert werden, ist die Redaktion auch für das externe Handeln verantwortlich. Das Recht lässt sich nämlich mit Methoden des journalistischen Söldnertums nicht verdünnen. Pressefreiheit ist keine Ausrede für gewerbsmäßige Verletzung der Persönlichkeitsrechte. "
Der Spiegel vom 1. März 2010: "Bunte habe zwar Bilder in Auftrag gegeben, von fragwürdigen Arbeitsmethoden zweier freier CMK-Mitarbeiter aber ebenso wenig gewusst wie die Agentur selbst, beteuert Riekel. ‚CMK hätte uns keine Bilder angeboten, die die Intimsphäre von Prominenten verletzen. Die wissen, dass wir solche Fotos nicht veröffentlichen.‘ Die ganze Aufregung findet die Chefin im Übrigen bigott. Auch ein Society-Magazin habe doch das Recht auf investigative Recherche. (…) Doch so tantenhaft nett das Magazin im Ton ist, wenn es über Liebschaften, Krankheiten und Trennungen berichtet – wenn es darum ging, an Informationen heranzukommen, war das Blatt nicht immer zimperlich."
Frankfurter Rundschau: "So ist die neueste Geschichte aus der Welt des investigativen Journalismus eng verflochten mit den Lebensverhältnissen politischer und journalistischer Prominenz. Und man könnte Patricia Riekel am Ende sogar dankbar sein, denn sie hat nun im Konkurrenz-Blatt Stern abschließend erklärt, es sei nichts dran gewesen an den Gerüchten über die Lafontaine-Liaison. (…) Medien sind keine Autofabrik, wo dem Vorstand schnurzpiepe ist, unter welchen Bedingungen und Sicherheitsstandards bei den Zulieferern gearbeitet wird. Wenn der Auftragnehmer einer journalistischen Arbeit Regeln verletzt, schädigt er das Ansehen und die Glaubwürdigkeit seines Auftraggebers. Für das journalistische Produkt gibt es keine Rückrufaktion wie bei Toyota."
Jörg Thomann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: "Und tatsächlich fällt es uns jetzt wie Schuppen von den Augen, wie sich mit der CMK/Bunte-Story, dass Müntefering, seinerzeit 69, eine neue Partnerin, damals 29, habe, die Gesellschaft moralisch verändert hat: Mit einem Mal fanden auch ältere Männer junge Frauen attraktiv. Von den politischen Entscheidungen, die die Sache angestoßen hat, gar nicht zu reden: Wir erinnern nur an die ‚Viagra für alle‘-Kampagne der SPD, die aus heutiger Sicht gewiss kein Zufall war. Wir meinen: Die Bunte-Zentrale für politische Bildung sollte ihre Aufklärungsarbeit unbeirrt fortsetzen."

Kai-Hinrich Renner im Hambuger Abendblatt: "Wer mit Thomas Walther sprechen will, einem von zwei ehemaligen Mitarbeitern der Berliner Agentur CMK, die im Auftrag der "Bunten" im Privatleben von Horst Seehofer, Oskar Lafontaine und Franz Müntefering schnüffelte, bekommt womöglich eine Mail wie diese: ‚Hallo, Herr Renner, bitte schicken Sie mir doch Ihre Fragen auf diese E-Mail zu. Ich schaue dann, was ich davon beantworten kann. Ganz ohne Aufwandsentschädigung wird das aber nicht gehen.‘ Eine Aufwandsentschädigung? Für das Beantworten von ein paar Fragen? Ein seltsamer Wunsch, der die Frage aufwirft, ob Walther für seine Informationen vom ‚Stern‘ bezahlt wurde."
Michael Hanfeld in der Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Was der ‚Stern‘ in seiner aktuellen Ausgabe über die Methoden und Absichten der Mitarbeiter der Berliner Foto- und Rechercheagentur CMK berichtet, deutet auf eine Überschreitung der Grenzen hin."
Stefan Niggemeier in seinem Blog: "So übersichtlich sind Gut und Böse in der sauberen Welt des Publizistenpaares Markwort-Riekel verteilt: Wenn ein augenscheinlich gut informierter Journalist kontinuierlich und kritisch über ihre Arbeit berichtet, handelt es sich um „Stalking”. Wenn ein Klatschblatt eine Detektei damit beauftragt, durch intensive Recherchen im Privatleben dem ungeheuren Verdacht nachzugehen, ein verwitweter Politiker könne eine neue Freundin haben, erfüllt es nur seine staatsbürgerliche Pflicht."

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