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„Wir waren der pestkranke Wegelagerer“

Für viele Leser ist 11 Freunde der Hüter der wahren Fußball-Philosophie: Denn Chefredakteur Phillip Köster und sein Redaktionsteam schreiben mit Haltung, Liebe und Humor gegen den zunehmenden Kicker-Kommerz an. Am Donnerstag bringt das Magazin seine hundertste Ausgabe und feiert zugleich sein zehnjähriges Bestehen. Im MEEDIA-Interview erklärt Köster die Erfolgsgeschichte von 11 Freunde und kündigt an: "Die nächsten Jahre werden sicher noch aufregender als die ersten zehn."

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Zehn Jahre, hundert Ausgaben: Wenn sie all die Jahre Revue passieren lassen, welche Bilder sehen Sie sofort vor Ihrem geistigen Auge?
Die liegen alle weit zurück, in der Gründungsphase. Eingeprägt hat sich mir vor allem das Schleppen der fertigen Hefte in unsere Redaktion im fünften Stock eines Altbaus in Friedrichshain. Wobei Redaktion ein großes Wort ist, es war das Wohnzimmer des Mitgründers Reinaldo Coddou. Jedenfalls mussten wir die Ausgaben etikettieren und wieder runterschleppen, fünf Stockwerke! Ermüdend waren auch die vergeblichen Anrufe bei Anzeigenkunden einen Tag vor Druckschluss. ‚Wir hätten da ein unschlagbares Angebot für Sie…‘, wir sind wirklich schon sehr blauäugig an das ganze Projekt herangegangen.
 
Waren diese ersten Ausgaben überhaupt ernsthafter Journalismus oder produzierten Sie in der besagten Altbauwohnung lediglich ein besseres Fanzine?
Wir wollten ein bundesweites Fanmagazin machen, in der Tradition englischer Magazine wie "When saturday comes". Es sollte daraus aber auch ein professionelles Projekt werden können. In der uns eigenen Hybris war uns von Anfang an klar, dass wir schon den richtigen Mix aus Fanzine und professionellem Magazin hinbekommen.
 
Hybris hin, Hybris her: Das hat ja dann auch geklappt.
Naja. Man neigt im Nachhinein schon dazu, die eigene Frühgeschichte als logische Entwicklung und stetigen Aufstieg zu sehen. In Wahrheit waren wir nach 2,5 Jahren so gut wie pleite. Ob Marketing, Anzeigenakquise oder Vertrieb: Wir haben am Anfang in den verlegerischen Dingen fast alles falsch gemacht. Gleichzeitig scheinen wir aber inhaltlich einen Nerv getroffen zu haben
 
Den Fan-Nerv?
Im gewissen Sinne ja. Diese Perspektive aus der Fankurve, die wir eingenommen haben, gab es bis dahin im ernsthaften Sportjournalismus nur vereinzelt. Ebenso wenig spielte Humor eine Rolle. 11 Freunde hat sicher geholfen, all das im Fußballjournalismus zu verankern. Wir waren da aber nicht alleine. Andere Journalisten wie Christoph Biermann oder Bernd Müllender haben schon in den Neunzigern intelligent und humorvoll über Fußball geschrieben.

Sie haben sich ihre Leserschaft also ausschließlich erschrieben?

Ja, mit dem Selbstbewusstsein, etwas Neues zu wagen. Bis wir auf den Markt kamen, herrschte in der Fußball-Berichterstattung die Haltung: Der Spieltag beginnt um 15.30 Uhr, dauert 90 Minuten und darüber wird geschrieben. Wir dagegen haben uns intensiv mit dem Fußball im Alltag auseinander gesetzt. Wir haben als erste gefragt: Wie bereiten sich Menschen eine ganze Woche lang auf den nächsten Spieltag vor? Wie fühlt es sich an, abends um 23 Uhr in strömendem Regen vom Auswärtsspiel aus Aue wiederzukommen.
 
Wann haben Sie sich entschieden, den Fan-Ansatz aufzubrechen und die klassischen Elemente eines Fußballmagazins zu stärken?
Das war so um 2005/2006, im Vorfeld der Weltmeisterschaft.
 
Warum erst so spät?
Die Frage hat sich zuvor nicht gestellt. Die Vereine haben uns ja nicht die Bude eingerannt und darum gebettelt, dass wir endlich ihre Spieler interviewen. In den ersten Jahren waren wir eher, wie Max Goldt das mal ausgedrückt hat, der pestkranke Wegelagerer, der die Tochter des Königs zu freien wünscht. Es hat Jahre gedauert, bis die Klubs begriffen haben, dass es uns nicht um Helden und Versager und große Schlagzeilen geht.
 
Ist die Fanperspektive noch immer das Besondere an 11 Freunde oder hat auch längst bei Ihnen der Lifestyle Einzug gehalten?
Die Fanperspektive ist heute ein Teil unserer Philosophie, bestimmt aber die Agenda nicht mehr so wie früher. Schon weil es die Leser wohl langweilig fänden, ausschließlich die großen Themen vergangener Jahre wiederzukäuen. Fußball ist für uns jedoch kein Lifestyle. Für uns – und damit meine ich die gesamte Redaktion – ist Fußball viel zu wichtig, um bloße Attitüde zu sein.
 
Fansein ist also kein lockeres Bekenntnis?
Unsere Arbeit entspringt der festen Überzeugung, dass man nicht mit halbem Herzen Fußballfan sein kann. Diese dahin geworfenen Bekenntnisse, welchem Verein man anhängt, sind zwar sehr in Mode. Die Faszination des Fußballs begreift nur der, wer ihn ernst nimmt. Und erst aus dieser Haltung kann Humor entstehen, indem man den eigenen Wahnsinn reflektiert.
 
Das klingt wie ein Satz von Nick Hornby?
War nicht beabsichtigt. Zumal Hornbys Sätze ja ohnehin schon der kleinste gemeinsame Nenner sind. Wenn Hornby sagt: "Dein Verein suchst Du Dir nicht aus, er wird Dir gegeben!", frage ich mich, warum sich Millionen Fans zum FC Bayern bekennen und nur ein paar tausend zu meinem Heimatverein Arminia Bielefeld. Das kann der Fußballgott nicht gewollt haben.    

Wenn Fußball immer mehr zum Event wird, versucht 11 Freunde dann dieser Kommerzialisierung etwas entgegen zu setzten?
Wir wollen den Fußball so abbilden wie er ist. Und er ist nun mal ein Show-Event geworden, ähnlich inszeniert wie ein Musical. Ob man in Bochum ins Ruhrstadion fährt oder nebenan zum Starlight Express, macht vom Inszenierungswillen her keinen großen Unterschied mehr. Wir bilden den modernen Fußball ab, kritisieren aber die Auswüchse. Zum Beispiel das Discogedröhne vor dem Anpfiff und die lückenlose Überwachung der Anhänger. Wichtig ist die Haltung: Der Fußball soll denen gehören, die ihn lieben.
 
Stehen ihre Leser also in der Fankurve?
Die Liebe zum Fußball ist nicht davon abhängig, wo einer sitzt oder steht. Tatsächlich ist aber für 50 Prozent der Stadienbesucher Fußball nur noch ein Zeitvertreib, ein Amüsement wie Kino oder ein Zoobesuch. Für diese Leute sind wir nicht das geeignete Magazin.
 
Ist das nicht arrogant?
Nein, wir verbieten niemanden, unser Heft in die Hand zu nehmen. Aber ich nehme an, dass unsere Leser den Fußball sogar noch ernster nehmen als wir. Und das sollte auch so bleiben.

Nur auf die Kommerzialsierung des Fußballs zu schimpfen, funktioniert für 11 Freunde aber doch auch nicht. Schließlich haben Sie mit ihrem Stil doch auch viel für den Aufbau eines gewissen Fußball- und Retrokicker-Kult beigetragen?
Wir bekennen uns insofern schuldig, als wir stets die Siebziger und Achtziger Jahre hemmungslos verklärt haben. Bisweilen über die Schmerzgrenze hinaus, wenn ich daran denke, dass wir unzensiert die Minipli-Locken von Norbert Dronia und Michael Eggert vom VfL Bochum abgedruckt haben. Dabei gab es auch in anderen Jahrzehnten adrette Kicker. Auf unserem Spezialheft zu den Neunziger Jahren, das Mitte März erscheint, prangt Stefan Effenberg mit einer erbarmungswürdigen Igel-Frisur.  
 
In den vergangen zehn Jahren haben Sie sich von einem Heft von Fans für Fans zu einem ernsthaften Fußball-Magazin entwickelt. Wie soll es weitergehen?
Es wird darauf ankommen, dass wir uns und die Leser weiter überraschen, dass wir nicht bequem werden. Es gibt zum Glück genügend Ideen, Texte, Fotos. Wir werden sicher demnächst ein Heft machen, das Fußballfotografie in seiner ganzen Breite und Schönheit zeigt. Und wir werden unseren Blick künftig auch noch über die Profiligen hinaus richten, dorthin, wo keine Fernsehkameras am Spielfeldrand stehen. Die nächsten Jahre werden sicher noch aufregender als die ersten zehn.
 
Noch einmal zurück zum Jubiläum: Im vierten Quartal 2009 kam 11 Freunde auf einen Gesamtverkauf von 65357. Welche Einzelausgabe verkaufte sich bislang am besten?
Tatsächlich die Januar-Ausgabe 2010 mit der Schlagzeile "Fußballfans sind Verbrecher" über die systematische Kriminalisierung der Anhänger. Ganz generell gilt: Unsere Verkaufszahlen zeigen noch immer nach oben.
 
Und welche Ausgabe war die beste?
Unser drittes Heft war schon prima. Wir haben damals an den Kicker Leserbriefe geschrieben, allerdings unter lustigen Synonymen. Im seriösen Fachmagazin standen auf einmal Leserbriefe von Leuten wie "Rolf Töpper, Wien" oder "F.Loskel, München". In einer Ausgaben meldeten sich dann sogar die Bösewichte aus James-Bond-Filmen zu Wort.

Hatte der Kicker keine Lunte gerochen?

Offenbar nein. Sonst hätten Ernst Stavro Blofeld und Emilio Largo aus Cortina d’Ampezzo sicher nicht ihre Meinung zu Otto Rehhagel loswerden können.

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