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Promi-Klatsch: Der Scheck heiligt die Mittel

Zwischen Watergate und Berlin liegen Welten. Steht das eine für die berühmteste Leistung des investigativen Journalismus, so sind die Motive der Bunten in der Beschattungsaffäre um Politpromis kritisch zu hinterfragen: Schlüssellochgucker, die nur auf Privates aus sind, das sich auflagenträchtig skandalisieren lässt, agieren in einer anderen Liga als Enthüller krimineller Machenschaften. Soweit zum Ethos der Methodik. Dass die Bunte eine Klage gegen den Stern erwägt, zeigt: Burda und G+J droht eine Eiszeit.

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Zwischen Watergate und Berlin liegen Welten. Steht das eine für die berühmteste Leistung des investigativen Journalismus, so sind die Motive der Bunten in der Beschattungsaffäre um Politpromis kritisch zu hinterfragen: Schlüssellochgucker, die nur auf Privates aus sind, das sich auflagenträchtig skandalisieren lässt, agieren in einer anderen Liga als Enthüller krimineller Machenschaften. Soweit zum Ethos der Methodik. Dass die Bunte eine Klage gegen den Stern erwägt, zeigt: Burda und G+J droht eine Eiszeit.
Man kann die Archive durchforsten und wird nicht fündig werden: Wer den Versuch unternimmt, in den 17 Jahren der rivalisierenden Koexistenz zwischen Spiegel und Focus einen vergleichbaren Fall von Enthüllungsartikel über die Praktiken des Konkurrenten zu finden, wird leer ausgehen. Viele Branchenbeobachter spekulierten angesichts dieses Umstandes wohl zu Recht über einen Burgfrieden zwischen den langjährigen Chefredakteuren Stefan Aust und Helmut Markwort.
Diese Rücksicht nimmt der Stern nun nicht, und es wäre geradezu ein Treppenwitz, wenn der Auslöser der Recherche für einen sechsseitigen Artikel zu Lasten des Wettbewerbers eine Textpassage in einem Focus-Artikel war, wie jetzt berichtet wird. Wichtiger erscheinen allerdings die Motive, die der Skandalstory zugrunde liegen. Bei Burda, wo viele den Stern-Bericht als äußerst unfreundlichen Akt und geradezu als "Nestbeschmutzung" empfinden, war die Stoßrichtung schnell klar: Der Bericht sei vom Willen getrieben, einen erfolgreichen Wettbewerber zu beschädigen. Diese Version der Dirty Tricks ist schnell gesagt, aber schwer zu belegen. In jedem Fall steht nun der Verdacht einer mutwilligen Rufschädigung im Raum, wobei das juristische Geplänkel dabei fast nebensächlich erscheint. Maßgeblich ist die Frage der Umgangskultur: Was bedeutet der Vorgang im bilateralen Verhältnis der Verlage? Und: Ist dies nur die erste Eskalationsstufe eines öffentlich ausgetragenen Konflikts beider Magazine?
Im Umfeld des Münchener Medienhauses ist man darum bemüht, die Rolle der Bunten in der Observations-Geschichte herunterzuspielen. Es gebe schließlich viele Agenturen, mit denen Magazine zusammenarbeiten, und wenn es tatsächlich bei den Recherchen zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein sollte, habe man davon nichts gewusst, geschweige denn, solche Praktiken in Auftrag gegeben. Mit der Klageankündigung macht die Bunte klar, dass man in München bereit ist, "Hardball" zu spielen.
Das Thema ist komplex: Nicht die Methode ist das eigentliche Problem, sondern der Grund, aus welchem diese angewandt wird. Eine neue Freundin, der vermutete Seitensprung am Zweitwohnsitz, das uneheliche Kind – sind dies wirklich die Verdachtsmomente, für die ein People-Magazin akribische Nachforschungen in Auftrag geben sollte? Dies ist eine Frage, die im Interesse des Journalismus ethisch und nicht nur rechtlich diskutiert werden muss. Auch hier liegen die Standpunkte weit auseinander: Darf ein konservativer Politiker sein angeblich intaktes Familienleben öffentlich zur Schau stellen und gleichzeitig ungestraft in der Hauptstadt ein Doppelleben mit der jungen Geliebten führen? Wie politisch ist das Private hier?
Noch heute ist es allerdings auch ein Standard in der Redakteursausbildung aller Journalistenschulen, den Konflikt im Fall Barschel zu thematisieren: Hätten die Stern-Reporter, die den bereits von allen Ämtern zurückgetretenen Politiker vom Urlaubsort nach Genf verfolgten, um schließlich in sein Hotelzimmer einzudringen und die Leiche zu fotografieren, dies wirklich tun dürfen? Meist wird diese Frage vor allem von Medienpraktikern mit Ja beantwortet, und sie zeigt, wie dünn der Grat bei Einzelfallentscheidungen sein kann. Das Bild vom toten Barschel in der Wanne ging um die Welt und ist längst Zeitdokument. Gilt dies auch für einen Politiker, der in Berlin eine Babykarre schiebt?
Dass sich im Fall Lafontaine zuletzt sogar der Spiegel vorhalten lassen musste, sich ungebührlich in die Privatsphäre des Politikers einzumischen, lehrt zudem, dass diese Debatte prinzipiell jedes Magazin treffen kann. Dass die Geschmacksdiskussion im Fall des Spiegels rasch abebbte, liegt vor allem daran, dass der sonst klagefreudige Lafontaine darauf verzichtete, gegen die Hamburger rechtlich vorzugehen.
Sex sells, je verbotener, umso auflagenträchtiger: Dieser Automatismus im medialen People-Business gilt auch für die Politiker und erzeugt in den dafür zuständigen Ressorts einen hohen Wettbewerbsdruck. Die einschlägigen Blätter, auch die von Gruner + Jahr betreuten wie Gala oder In, sind voll von Fotos, die von deutschen oder internationalen Agenturen stammen, die ähnlich arbeiten wie der Berliner Anbieter CMK. Dennoch macht es einen großen Unterschied, ob Fotorechte zum Zweitdruck erworben werden, oder ob eine Agentur mit einem exklusiven Auftrag betraut wird. Für in diesem Zusammenhang begangene Indiskretionen oder Grenzüberschreitungen haftet – zumindest imagemäßig – der Auftraggeber mit. Der Hinweis, dass man hier mit einem Subunternehmer zusammengearbeitet habe, entlässt ein großes Magazin wie die Bunte nicht aus der Pflicht, auch dessen Vorgehensweise genau zu überprüfen. Der großzügige Scheck heiligt eben nicht die Mittel. Und irgendwie ist es doch ein Unterschied, ob es um Tiger Woods geht oder um Oskar Lafontaine. Gerade in der politischen Umgangskultur werfen die Tabus auf die Berichterstattung einen weiten Schatten.

Wie zu hören ist, hat man bei Burda den CMK-Geschäftsführer nach Bekanntwerden der Stern-Recherche am Wochenende einbestellt und in München gründlich befragt. Seine Versicherung, die angewandten Methoden seien "sauber" gewesen, werden nun zu prüfen sein. Genauso die Frage, ob bei der Bunten die Sorgfaltspflicht bei der Betreuung des externen Dienstleisters eingehalten wurde. Es wäre nicht überraschend, wenn auch hier personelle Konsequenzen gezogen würden: Ganz astrein steht Bunte in der Angelegenheit trotz aller Beteuerungen aus München nicht da. Hier gilt es abzuwarten, wie die Politik auf den Stern-Artikel reagiert.
Das Medienhaus Burda, vor allem auch Patricia Riekel, sind für beste Kontakte zu Regierungskreisen bekannt. Es ist davon auszugehen, dass viel dafür getan wird, eine offene Moral-Debatte in der Hauptstadt über die Methoden der Bunten zu vermeiden. Die Chancen stehen nicht schlecht: Kanzlerin Angela Merkel hatte erst kürzlich Hubert Burda an seinem 70. Geburtstag mit ihrer Anwesenheit beehrt. Zu diesem Anlass war übrigens auch Gruner + Jahr-Vorstandschef Bernd Buchholz aus Hamburg angereist. Es ist davon auszugehen, dass es in nächster Zeit auch zwischen Verleger und Vorstandschef viel zu bereden geben könnte.

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