Naumanns Cicero: Der Wille zählt

Es ist der erste offizielle Cicero, der unter der Regie des neuen Chefredakteurs Michael Naumann entstanden ist. Auf den ersten Blick reiht sich der Erstling des ehemaligen Zeit-Herausgebers in die Riege seiner Vorgänger ein, die noch den letzten Schliff von Wolfgang Weimer bekamen. Naumann will das Heft internationaler machen. Ein Hauch davon ist schon wahrzunehmen, doch die steife Brise bleibt bisher aus. Was dem monatlichen Magazin sonst noch gut tun könnten wären Relevanz und Aktualität.

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Naumann sagte im MEEDIA-Interview, dass er ein Erbe antrete, "das sich durchaus sehen lassen" und nicht neu erfunden, sondern verfeinert werden könne. Auch wenn in der März-Ausgabe zum ersten Mal sein Name im Impressum steht, so ist es nicht das erste Blatt, das er mitgestaltet hat. In die Februar-Ausgabe mit dem illustrierten Soldaten Barack O. flossen bereits Ideen des 68-Jährigen ein und zeigten die Handschrift auf, die der ehemalige Zeit-Chefredakteur und -Herausgeber dem Heft verpassen will: Internationalität.
Platz dafür gibt die erste Rubrik "Weltbühne" her. Im aktuellen Heft geht es dabei um die Sudanesin Lubna Ahmed al Hussein, die Schlagzeilen machte, weil sie Hosen trug. Auch dem Klimaratsvorsitzenden Rajendra Pachauri ist ein Text gewidmet. Viel mehr als "Eine internationale Meldung und ihre kurze Geschichte" geben die Stücke aber nicht her, die Texte schweben eher an der Oberfläche. Ganz anders die Reportage der deutsch-amerikanischen Schriftstellerin Irene Dische ein: In ihrem Artikel "Jesus kam bis Florida" macht sie eine Reise durch das gottgläubige USA. Ein gelungener, anschaulicher Text. Eine weitere längere internationale Geschichte und damit den heimlichen Schwerpunkt der Rubrik liefert Ruth Kirchner mit ihrer Reportage aus Peking, eingebettet in eine Strecke von insgesamt elf eindrucksvollen Fotos aus China. Zudem liefert Tilman Spengler einen Artikel, der die Moderne des Landes näher beleuchtet.
Die zweite Rubrik heißt "Berliner Republik". Hier ist der Fokus auf Nordrhein-Westfalen gelegt, wo im Mai Neuwahlen anstehen. So schreibt Alt-Literatur-Kritikerin Elke Heidenreich eine Liebeserklärung an das Ruhrgebiet, und Journalist Jürgen Busche, der vor mehr als drei Jahren mit seinem Cicero-Artikel über Jürgen Habermas für Aufruhr sorgte, erzählt nach, wie das Bundesland entstand. Highlight der Rubrik ist jedoch das fünfseitige Porträt über Jürgen Rüttgers, das mit schwarz-weißen Familienfotos bebildert wurde. Nicht selten verlangt Autor Constantin Magnis dem Leser ein leises Lächeln ab.
Unter der Rubrik "Kapital" findet sich der themantische Schwerpunkt des gesamten Heftes: das Gesundheitssystem. Die neue Chefin der größten deutschen Krankenkasse, Birgit Fischer, wird porträtiert, eine Krankenschwester kommt zu Wort, die ihren Beruf aufgab. Der Artikel, an dem auch der neue Chefredakteur mitgewirkt hat, stellt ein Streitgespräch zwischen dem CDU-Gesundheitsexperten Jens Spahn und dem der SPD von Karl Lauterbach dar. Doch auch hier bleibt die Debatte um die kranken Kosten nicht auf das deutsche Territorium beschränkt. Eine gelungene Idee ist die Übersicht, wie viel ein Armbruch in den Ländern dieser Welt kostet. Damit wird der Anspruch Naumanns wieder erfüllt, internationaler zu werden.
Die Inhalte der Rubrik "Salon", das Feuilleton des Cicero, wirken wie eine Resterampe. Ein roter Faden ist nicht zu erkennen. Filmregisseur Wim Wenders kritisiert James Camerons erfolgreichen Film "Avatar", der übrigens schon Mitte Dezember 2009 ins Kino kam. Der Text ist gelungen, wenn auch längst überfällig. Ressort-Leiterin Christiane Eichel, die ihrem Ex-Chef Wolfgang Weimer zum Focus folgen wird, liefert ein anschauliches Porträt über den Schriftsteller Uwe Timm (1993 erschien die Novelle "Die Entdeckung der Currywurst"). Witzig auch, das ein Magazin, das sonst eher auf elitäre Randthemen setzt, eine Besprechung des mittlerweile zum Mainstream mutierten Patchwork-Romans "Axolotl Roadkill" von Helene Hegemann druckt, die Plagiatsdiskussion zwar anspricht, aber ins "Debattentollhaus" abschiebt.
Inhaltlich hat sich also noch nicht viel verändert im Naumannschen Cicero. Die Themen sind nach wie vor bunt gemischt, manchmal bleiben die Artikel an der Oberfläche, manchmal gehen sie in die Tiefe, ein bisschen internationaler sind sie geworden. Bekanntlich zählt aber der Wille, und der ist da. Dennoch: die meisten Artikeln haben einen Hang zur Nische, was nicht schlecht ist, aber aktuellere, relevantere Themen vermissen lässt. Eine Replik auf Westerwelles Äußerungen zu Hartz IV sucht man vergeblich. Wenn nicht im Cicero, wo dann möchte man so etwas lesen?    
Was die Optik betrifft, bleibt das Heft seiner alten Linie treu. Großformatige Bilder und durchaus gelungene Karikaturen greifen den Ton der teils nüchtern geschriebene, teils ironisch zu verstehenden Texte auf. Was jedoch den Leser mit Stirnrunzeln zurücklässt, ist das Cover der März-Ausgabe. Eine Ärztin trägt statt des Mundschutzes einen Sichtschutz, der aus einem 500 Euro-Schein besteht. Ist die damit bebilderte These, dass Ärzte bei der Behandlung nur noch das Geld vor Augen sehen, tragbar? Plakativ ist das Titelblatt, aber in seiner Bildsprache nicht verständlich.
Ähnlich scharf ist auch der Ton, den Naumann in seinem Kommentar an den Tag legt. Man könnte es auch als geheime Abrechnung mit der Regierung verstehen, schließlich wirft er Merkel vor, nicht mal symbolisch zu regieren oder greift Westerwelle – er bezeichnet ihn als "Dekadenz-Theoretiker" – für seine vermeintlich "neue Strategie" am Hindukusch an. Von Naumanns liberalen Vorgänger hätte man solche Zeilen sicher nicht gelesen. Die Opposition lässt grüßen!
Insgesamt steht der Cicero also in den Startlöchern in eine neue Ära. Es ist zu hoffen, dass Naumann aus den Jahren in der Zeit-Maschine das Beste rausholt und in das politische Magazin einfließen lässt, damit das von ihm genannte Ziel, in drei Jahren die Auflage auf 100.000 Exemplare zu erhöhen, auch gelingt. 
Die Kunst wird darin bestehen, dass eingeführte und gut funktionierende Heftkonzept langsam, aber konsequent weiterzuentwickeln. Bringt Naumann die Geduld für solch eine Politik der ruhigen Hand auf und gelingt es ihm gleichzeitig – wie angekündigt – stärker auf "aggressiven Journalismus" zu setzten, wird er sein selbstgestecktes Auflagenziel erreichen. Das Premieren-Heft des 68-Jährigen Medien-Profis entspricht zumindest schon einmal diesem Anforderungsprofil.

Cicero erscheint im Schweizer Ringier Verlag und hat laut IVW (IV/09) eine Gesamtauflage von 82.093 Exemplare, Tendenz steigend. Im 12-Monats-Trend verzeichnet das Magazin ein Plus von 13 Prozent bei den Abonnenten, im Einzelverkauf sind es neun Prozent. Der Copypreis des monatlich erscheinenden Heftes liegt bei 7 Euro.

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