„Mr. Gemütlich bin ich auch nicht“

Premieren-Heft: Seit 1. Februar sitzt Michael Naumann auf dem Chefsessel des Cicero. Nun liegt die erste Ausgabe des Ringier-Magazins am Kiosk, die unter der Federführung des ehemaligen Zeit-Herausgebers entstand. Im MEEDIA-Interview spricht der 68-Jährige über seine Pläne, das Heft zu verfeinern, neues Personal einzustellen und seinen Führungsstil. Naumanns Cicero-Ziel: Mit modernisierter Optik und mit "guten" sowie "aggressiven" Journalismus die Auflange auf 100.000 Exemplare erhöhen.

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Wie war Ihr erster Monat als Chefredakteur?
Aufregend. Das neue Heft zeigt die Richtung, in die wir gehen werden. Ich bin damit zufrieden und ich hoffe, die Leser sind es auch. Es ist eine interessante, aber auch schwierige Aufgabe – unter anderem deshalb, weil einige von mir durchaus geschätzte Kollegen mit Herrn Weimer nach München ziehen. Das gibt mir allerdings auch Gelegenheit, neue Mitarbeiter auf dem sehr großen Markt anzuheuern. Das tue ich gerade.
Wie unterscheidet sich die Arbeit für ein Monatsmagazin im Gegensatz zur Arbeit für eine Wochenzeitung?
Eine Wochenzeitung ist in einem stärkeren Maße an der aktuellen Entwicklung in Politik, Wirtschaft und Kultur interessiert und gebunden. Eine Wochenzeitung arbeitet gewissermaßen mit einer Lupe, nicht mit einem Mikroskop an den Abläufen der Gegenwart, wie es eine Tageszeitung tut. Ein Monatsmagazin hingegen arbeitet mit einem Fernglas: Wir müssen schauen, dass das, was wir einen Monat vorher zum Schwerpunktthema wählen, aktuell ist, wenn das Heft herauskommt. Und ich glaube, das ist uns mit der neuen Ausgabe mit dem Schwerpunkt Gesundheitspolitik gelungen. Denn in der Tat ist die Reform der Gesundheitspolitik die wichtigste Aufgabe dieser Regierung in den nächsten Monaten. Unser Gesundheitssystem ist schwer krank.

Inwiefern?
Wir haben nach den Vereinigten Staaten den höchsten Anteil am Bruttosozialprodukt, der in das Gesundheitssystem fließt. Davon kann jeder versicherte Bürger ein Liedchen singen. Die Beiträge steigen kontinuierlich und drohen ins Astronomische abzufliegen. Wir zeigen in unseren Artikeln, woran das liegt. Wir haben beispielsweise ein Streitgespräch mit dem Gesundheitsexperten der CDU, Jens Spahn, und dem der SPD, Karl Lauterbach, geführt…

An dem Sie auch als Interviewleiter mitgewirkt haben. Gibt es eine Darstellungsform, die Sie als Journalist bevorzugen?
Ich bin seit über 40 Jahren als Journalist tätig, und wenn ich sagen würde, dass ich eine Lieblingsform meines Berufes bevorzuge, müsste ich lügen. Es gibt hoffentlich eine ganze Fülle von Formen, in denen ich mich tummeln kann.

Wie ist der Verlag Ringier auf Sie als Nachfolger von Wolfram Weimer gekommen?
Das müssen Sie den Verleger fragen. Vielleicht dadurch, dass ich einmal einen Vortrag gehalten habe in der Schweiz vor allen Chefredakteuren von Ringier über die Rolle des Internets im Verhältnis zum Printmedium. So habe ich ihn kennengelernt. Das war eigentlich nur eine kurze Begegnung.

Der Cicero war von Ihrem Vorgänger als konservatives Blatt angelegt. Wollen Sie diese Richtung verändern?
Ich glaube, da täuschen Sie sich. Es ist nicht als konservatives Blatt gegründet worden, sondern neoliberal waren die Kommentare des Chefredakteurs. Aber ansonsten ist es ein ziemlich buntes Blatt geblieben mit Artikeln aus unterschiedlichen politischen Richtungen. Es gibt hier keinen politischen Richtungswechsel, der in diese Links-Rechts-Schablone passen würde. Die Verhältnisse sind komplizierter geworden, die alten ideologischen Schubläden, in die man Journalisten und sogar ganze Magazine steckte, gibt es nicht mehr. Im guten Journalismus stellt sich nicht mehr die Frage: Ist das links oder rechts? Sondern: Ist ein Artikel gut recherchiert? Ist er gut durchdacht, gut geschrieben?

Der Cicero ist ein Autorenmagazin. Worauf legen Sie Wert, wenn Sie Artikel auswählen?
Auf Qualität. Wenn Sie sich die Februar-Ausgabe mit dem Barack Obama-Titelbild anschauen, sehen sie Reportagen von berühmten amerikanischen Journalisten, beispielsweise Seymour M. Hersh oder Peter Bergen, die wir in dieser Form als deutsche Journalisten nicht mehr machen können, weil uns dazu das Geld fehlt. Wenn ein Mann wie Seymour M. Hersh über das nukleare Waffenarsenal Pakistans schreibt, ist das eine Recherche, die mindestens drei bis vier Monate gedauert hat. Das können wir uns nicht leisten, und das werden wir uns auch in Zukunft nicht leisten können. Aber wir können es gleichwohl drucken.


Wie wollen Sie Cicero ihre Handschrift verpassen?
Ich verpasse keine Handschriften mit Verlaub. Wir werden auf Kollaborationen mit anderen Journalen, Magazinen und Zeitungen angewiesen sein. Das Blatt kann noch internationaler werden. Im aktuellen Heft haben wir beispielsweise eine großartige Reportage von Irene Dische, einer deutsch-amerikanischen Schriftstellerin, die wir aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt haben. 

Herr Weimer, der zum Focus wechselt, zieht nun Redakteure vom Cicero, beispielsweise Christine Eichel, nach München ab. Hätten Sie auch gerne ZEIT-Redakteure mit an Bord?
Natürlich hätte ich die gerne, aber ich gehöre noch zu dieser altmodischen Generation, die sagt, dass sich derlei Abwerbungen nicht gehören. Viele ZEIT-Kollegen, die mir da einfallen, habe ich ja selbst angestellt und die gehören zur ZEIT.

Im Interview mit dem Börsenblatt haben sie gesagt, dass sie die Auflage des Cicero von aktuell 82.000 Exemplaren auf 100.000 Exemplare erhöhen wollen. Wie wollen Sie das schaffen?
Ich habe mir und der Redaktion dafür drei Jahre Zeit gegeben. Wir wollen das durch guten Journalismus erreichen. Ich meine damit durchaus aggressiven Journalismus und eine Modernisierung der Optik  des Blattes. Und ich glaube, das wird uns auch gelingen. Das Erbe, das ich hier antrete, kann sich durchaus sehen lassen. Eine Zeitschrift, die aus dem Stand heraus auf 82.000 Exemplare in wenigen Jahren kommt, muss nicht neu erfunden, sondern sie kann verfeinert werden.

Nun sind sie ja von einem großen, durchorganisierten Betrieb zu einem kleineren gewechselt. Wie würden Sie ihren Führungsstil jetzt beschreiben?
Kollegial. Im Übrigen gilt für mich – über eine Redaktion zu sprechen, die gerade im Umbruch ist, ist meines Erachtens voreilig. Mr. Gemütlich bin ich aber auch nicht.

Was mir im aktuellen Heft fehlt, ist die Debatte um die Äußerungen von Westerwelle zum Thema Hartz IV. Warum haben Sie das ausgeklammert?
Dazu gibt es zwei Gründe. Zum einen hab ich das in meinem Kommentar aufgegriffen, wo ich Guido Westerwelle als Dekadenz-Theoretiker bezeichnet habe. Zum anderen ist die Westerwelle-Debatte bei Erscheinungstermin des neuen Blattes im Prinzip durch. Jetzt reden wir über Rüttgers. Und über den können Sie eine Menge im neuen Cicero lesen. Ich sagte ja bereits: Man muss mit dem Fernglas arbeiten. Und ich bin lange genug im Journalismus um zu wissen, wie lange solche Debatten anhalten. In vorangegangen Heften hatten wir übrigens ein Profil von Guido Westerwelle. Wir können uns nicht in jedem Heft mit dem Vertreter einer Partei beschäftigen, die – bei Lichte besehen – wahrscheinlich acht bis neun Prozent der Wähler repräsentiert.

Haben Sie Pläne, was den Online-Auftritt des Cicero betrifft?
Wir müssen uns prinzipiell überlegen, wie er neu gestaltet werden kann – aber diese Frage ist noch nicht entschieden.

Sie sind bekennender Sozialdemokrat. Inwiefern geraten Sie manchmal in Interessenskonflikte, wenn es darum geht, SPD-kritische Artikel im Cicero zu platzieren?
Nun, ich war zehn Jahre lang Chefredakteur bzw. Herausgeber der ZEIT.  Man kann dem Blatt manches vorwerfen, aber eines gewiss nicht: der "Vorwärts" zu sein oder gewesen zu sein in diesen Jahren. Im Gegenteil: Dass viele der Texte in der ZEIT, in der ich dort gearbeitet habe, alles andere als Wohlgefallen im Willy-Brandt-Haus gefunden haben, das gehörte dazu. Ich arbeite hier nicht als Sozialdemokrat, sondern als Journalist, der irgendwann einmal – wie ich finde, relativ unparteiisch – Kulturpolitik gemacht hat und irgendwann später im Alter von 64 Jahren gesagt hat, jetzt versuche ich mal Kommunal-Politik zu machen und nicht nur darüber zu schreiben. Das ist gescheitert, wie man weiß und ich bin zurück in meine alte Rolle geschlüpft, ohne dass ich das Gefühl habe, irgendjemandem parteipolitisch verpflichtet zu sein. Das Gegenteil ist der Fall. Ich bin, wie ich hoffe, als Journalist meiner eigenen Berufsauffassung und auch selbstverständlich dem Gemeinwohl verpflichtet, wie alle im Lande, die sich als Journalisten in die Öffentlichkeit begeben.

Sie haben gesagt, dass Sie die Auflage von 100.000 Exemplaren in drei Jahren erreichen wollen. Sie bleiben aber doch länger beim Cicero, oder?
In drei Jahren werde ich die 70 überschritten haben und dann wird es an der Zeit, einen neuen Chefredakteur einzustellen. Das sehe ich auch als meine Aufgabe an.

Denken Sie über Ihren Ruhestand nach?
Ruhestand werde ich nicht haben, das steht fest. Ich werde arbeiten, so lange die Tinte fließt und der Drucker druckt.

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