Das Medienecho zu Käßmanns Promille-Fahrt

Die Alkohol-Fahrt der Bischöfin Margot Käßmann droht, alle anderen Themen von den Titelseiten zu verdrängen. Die Frage: Wie konnte sich eine hohe kirchliche Würdenträgerin mit Vorbildfunktion eines solchen moralischen Fehlverhaltens schuldig machen? Handelt es sich um einen einmaligen Fehltritt? Die evangelische Kirche Deutschlands hat sich mittlerweile hinter Käßmann gestellt. Trotzdem mehren sich die Stimmen, die einen Rücktritt nahelegen. MEEDIA liefert einen Überblick über das Medienecho.

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Die Bild-Zeitung, die den Skandal enthüllt hatte, hält sich bei der Bewertung zunächst sichtlich zurück, gibt moderate Stimmen aus Kirche und Politik wider. Das Boulevard-Blatt stellt die Frage: "EKD-Rat spricht Vertrauen aus. Tritt sie trotzdem heute zurück?"

Dafür richtet Bild-Autor Franz Josef Wagner in seiner Kolumne einen pathetischen Apell an die EKD-Chefin: "Schreien Sie es am nächsten Sonntag von Ihrer Kanzel in Hannover, wie es geschehen konnte, dass Sie mit 1,54 Promille Auto fuhren. Schreien Sie, dass Sie so viele Termine haben wie Frau Merkel, schreien Sie, dass Sie Brustkrebs hatten, schreien Sie, dass Sie sich von Ihrem Mann scheiden ließen, Schreien Sie sich Ihr Leben als Frau heraus. Eine Frau, die sich nachts betrinkt, eine Frau, die sich glücklich trinkt. Eine Frau, die nicht Bischöfin ist, sondern eine Frau. Eine Frau, die nicht göttlich ist. Auf den Schultern dieser zarten Frau Margot Käßmann liegt die ganze Evangelische Kirche Deutschlands."

Der Tagesspiegel bleibt nüchterner: "…für eine Würdenträgerin ihres Kalibers ist Alkohol am Steuer nicht nur ein Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung. Die Bischöfin ist eine moralische Instanz. (…) Ist ihr alles zu viel geworden? Hat sie die Kontrolle verloren?"
Süddeutsche Zeitung: "Margot Käßmann muss bekennen, was sie getan hat, zu der Strafe stehen, die sie erwartet, Reue zeigen, umkehren – das alles sind zutiefst christliche Themen. Im Amt soll sie bleiben: als fehlbares Vorbild. Denn Unfehlbarkeit hat die evangelische Kirche noch nie beansprucht. (…) Margot Käßmann steht für das Gute, Authentische, Moralische, das Bild hatte sich verselbständigt. Nur kann ein Mensch nicht immer gut, authentisch und moralisch sein, eben weil er Mensch ist. So ist nun die Ikone Margot Käßmann zerbrochen, das ohne Tiefe gemalte Bild. Mit lautem Getöse, wegen der Prominenz, der Fallhöhe und weil die Betroffene eine Frau ist."
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nimmt die Alkoholfahrt Käßmanns zum Anlass, Seitenhiebe gegen die katholische Kirche zu verteilen: "Und in der führerscheinfreien Zeit sollte Kardinal Lehmann oder sein Münchner Amtsbruder Marx einen ökumenischen Umtrunk in Rom organisieren (der Papst bleibt allerdings bei seiner Adelholzener Limo), und bei 1,54 Promille wird abgeriegelt. Wer danach noch immer auf Trennung der Kirchen besteht, kann mit der dann womöglich ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden und Friedrich Schorlemmer (‚Häme ist schlimmer als der Strafbefehl‘) weiterluthern."
Die tageszeitung schreibt: Problematisch "ist zuallererst die Tatsache, dass die Bischöfin mit dieser Menge Alkohol noch Auto gefahren ist – und Menschen damit gefährdet hat. (…) Viele werden Käßmann nun nicht mehr zuhören oder das Gesagte nicht mehr ernst nehmen – zumindest, wenn sie über das Thema Fasten oder gar über Sicherheit im Straßenverkehr redet. Aber es gibt noch wichtigere Themen in der kirchlichen Verkündigung, etwa der Appell zum Frieden und zur Gerechtigkeit. Es wäre schade, wenn Käßmanns Stimme wegen dieser einen Dummheit in den großen gesellschaftlichen Debatten fehlen würde."
Die Welt: "Jetzt aber wird jäh deutlich, welches Risiko die evangelische Kirche einging, als sie mit Käßmanns Wahl so sehr auf Personalisierung und die individuelle Verkörperung protestantischen Geistes setzte. Alles hängt an ihr. Und vieles bricht zusammen, wenn die Ratsvorsitzende den sich selbst auferlegten Anspruch durch ihren Lebenswandel nicht einlösen kann."
Hamburger Abendblatt: "Der Sturm ist entfacht, dieses Mal reicht die Flucht nach vorn nicht. Es geht um ihre Glaubwürdigkeit. Die Bischöfin als moralische Instanz. Und weil Käßmann immer ganz persönlich für ihre Kirche steht, auch um die Glaubwürdigkeit der Institution Kirche. Deshalb wird die Alkoholfahrt, bei der sie Sonnabendnacht mit 1,54 Promille gestoppt wurde, ihre bislang schwierigste Prüfung." Notwendig sei jetzt, "dass sie erklärt, was geschehen ist. Nur so kann sie den Ruch der doppelten Moral loswerden – und einen ganz tiefen Sturz verhindern."
Kölner Stadtanzeiger: "Offen sprach sie über ihre Scheidung und ihre Krebskrankheit – und hat damit die Sympathien auf ihrer Seite gehabt. Wenn sie auf Kirchentagen ihre Zuhörer zum Weinen bringt, dann liegt das auch an der Aura von Echtheit und Authentizität, mit der sie sich umgibt. Auch darum ‚knallt‘ ihre Alkohol-Tour durch das nächtliche Hannover viel mehr als bei anderen."

Frankfurter Rundschau: "Der Strom solcher Krokodilstränen dürfte in den nächsten Tagen noch anschwellen. Um ihn abzuleiten, könnte Käßmann ihre Leitungsaufgaben vorübergehend ruhen lassen. Über eine solche Lösung denken jene nach, die an Käßmann festhalten wollen. Es ist nur schwer vorstellbar, dass Käßmann ihren Posten als höchste Repräsentantin der 27 Millionen deutschen Protestanten aufgeben, aber Chefin der größten EKD-Mitgliedskirche bleiben könnte."

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