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Eklat um Brender: Wo steht das ZDF?

Nikolaus Brender hat dem Spiegel ein Interview gegeben. Man könnte auch sagen, er hat geradezu rausgehauen, was sich über ein Jahr in ihm aufgestaut hat. Wer ernsthaft glaubte, der ZDF-Chefredakteur würde zum Abschied leise Servus sagen, hat sich getäuscht oder verkalkuliert. Ob Brender mit seinem Stasi-Vergleich gut beraten war, ist zweifelhaft. Die überaus kühle Replik seines langjährigen Förderers Markus Schächter spricht für sich. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wo steht das ZDF?

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Nikolaus Brender hat dem Spiegel ein Interview gegeben. Man könnte auch sagen, er hat geradezu rausgehauen, was sich über ein Jahr in ihm aufgestaut hat. Wer ernsthaft glaubte, der ZDF-Chefredakteur würde zum Abschied leise Servus sagen, hat sich getäuscht oder verkalkuliert. Ob Brender mit seinem Stasi-Vergleich gut beraten war, ist zweifelhaft. Die überaus kühle Replik seines langjährigen Förderers Markus Schächter spricht für sich. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wo steht das ZDF?
Die Bild-Zeitung, sonst leidenschaftlicher Kämpfer für die Pressefreiheit, titelte am Montag recht einseitig: "Nikolaus Brender beschimpft Kollegen als Stasi-Spitzel". Unterschlagen wird, dass dieser im Interview seinen Sender, die große Mehrzahl der Mitarbeiter und auch Intendant Schächter positiv gewürdigt hatte. Demgegenüber gebe es jedoch einige, die er so beschrieb: "Inoffizielle Mitarbeiter, wirklich vergleichbar mit den IM der DDR, die sich die großen Parteien in einem Sender wie dem ZDF halten."
Wer Nikolaus Brender vor zwei Wochen bei der Verleihung des Deutschen Medienpreises an Kanzlerin Angela Merkel begegnete, traf auf einen tief entspannt wirkenden Menschen, der von einer gut überstandenen Herzoperation erzählte, von Hobbys und Zukunftsplänen. Er wirkte ausgeruht und zufrieden. Nur für das, was ihm als Chefredakteur in den vergangenen Monaten widerfahren war, hatte er eine einzige, unfeine Vokabel.
Dass er, nachdem die Schlacht um seinen Kopf ausschließlich über seinen Kopf hinweg geschlagen worden war, nicht ohne Groll aus dem Amt scheiden würde, ist kaum überraschend. Dass er sich nun nicht still verabschiedet, wie es sich mancher wohl gewünscht hat, ist eben seine Art. Man kann seine Wortwahl kritisieren und vielleicht auch verurteilen, aber man sollte ihm das Recht zugestehen, seine Version seiner ZDF-Geschichte publik zu machen. Wenn Nikolaus Brender sich an den journalistischen Ansprüchen misst, die er anderen abfordert, dann durfte er das Geschehene nicht unkommentiert lassen.

Wer hier eine Stildiskussion vom Zaun brechen will, der soll sich fragen, ob er dies auch getan hat, als Politiker wie Roland Koch in überaus ehrabschneidender Weise über Brender öffentlich hergezogen sind, seinen Führungsstil und die Leistung seiner zehnjährigen Amtszeit in Misskredit gebracht haben. Das ist war rufschädigend, und es wurde schlimmer, indem man dem Chefredakteur nicht einmal eine Redezeit im Verwaltungsrat einräumte.
Um einem Missverständnis vorzubeugen: Es geht hier nicht um die Frage, ob Nikolaus Brender ein guter oder der richtige Chefredakteur aus Sicht des ZDF ist. Dies wurde lange kontrovers diskutiert und ist nun Geschichte. Die über die Ära Brender hinaus maßgebliche Dimension ist die der tatsächlichen Einflussnahme der Parteien, speziell der Union, auf die Fernsehjournalisten. Stimmt es, wie der Chefredakteur sagt, dass Regierungssprecher sich regelmäßig in die Berichterstattung eingemischt haben? Was ist an dieser brisanten Behauptung Brenders dran: "Bevor ich hier anfing, landeten die Telefonproteste von Politikern direkt in der Aktuell-Redaktion. Das habe ich abgestellt."
Wenn ein solches Gezerre tatsächlich Alltag beim Zweiten wäre, so läge hier der tatsächliche Skandal. Denn dies würde bedeuten, dass die Politik den Kernauftrag, den der öffentlich-rechtliche Rundfunk verfassungsmäßig hat, mutwillig torpediert. Dass sie sich quasi als Gebührenbeschaffer die Rolle eines großen Anzeigenkunden anmaßt, der mit einem Kampagnen-Storno droht, wenn die Berichterstattung seinen Interessen zuwider läuft. Das ist nicht die feine Art, es trifft sicher nicht für alle zu, aber es ist im Medienbusiness auch nicht realitätsfern. Sollte sich die Lage beim ZDF tatsächlich so darstellen?
Markus Schächter widerspricht vehement, aber auch bei seinem Dementi sind Zweifel angebracht. Wie nah ist der Intendant dran am redaktionellen Geschehen? War die Art und Weise, wie Koch & Co. mit seinem Chefredakteur Schlitten gefahren sind, nicht auch für ihn ein Warnsignal? Hätte er nicht seinen Posten in die Waagschale werfen müssen, um eine klare Grenze zu ziehen? Hier Licht ins Dunkel zu bringen, kann nur gelingen, wenn sich weitere Führungskräfte äußern und Stellung beziehen. Aber wie wahrscheinlich ist das im öffentlich-rechtlichen Geflecht?
Viel spricht dafür, dass man am Mainzer Lerchenberg den Fall Brender abgehakt hat, ohne die Lehren daraus zu ziehen. So liegt es im Interesse der großen Parteien und, wie jetzt zu vermuten ist, auch in dem des Intendanten. Die Aufgeregtheit über die Wortwahl des am System verbitterten leitenden Angestellten Nikolaus Brender wird sich legen, der machtpolitische Mechanismus beim Sender bleibt – wenn dies das Endergebnis der Brender-Debatte ist, gibt es zwei Verlierer: den Chefredakteur und das ZDF.

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