„Die Mädchen-Gang“: Kloppe für die Quote

Das fehlte im deutschen Fernsehen noch: prügelnde Mädchen aus kaputten Familienverhältnissen. Gestern Abend startete RTL II "Die Mädchen-Gang". Die Doku-Soap erinnert irgendwie an ProSiebens Model-WG, nur dass es nicht um Foto-Shootings und Runways ging, sondern um Drogen und Gewaltverbrechen. Irritierend: Die beiden Coaches, die die Teenies betreuen sollen, fielen in der ersten Folge vor allem durch ihre Abwesenheit auf. Wo da der pädagogische Anspruch ist, lässt sich nur erahnen.

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Zu besseren Menschen sollen die Mädchen von der Diplom-Psychologin Susan Szyszka und dem Anti-Gewalt-Trainer Ralf Seeger gemacht werden, der die WG-Mitglieder liebevoll seine "Ladies" nennt. Doch ladylike verhält sich keines der Mädchen. Sie sind vorbestraft: Schwere Körperverletzung, Raub und sogar versuchter Todschlag finden sich in den Strafakten der Teenies.
Das Vorstrafenregister der Mädchen füllt dann auch fast die erste Hälfte der Sendung. Eine nach der anderen kommt in Malberg an,  einem winzigen Ort in der Eifel. Im Gegensatz zu den Models auf ProSieben tauschen sich die Girls nicht über Kampagnen und Shows aus, die sie schon gelaufen sind, sondern über ihren Drogenkonsum und die "krassesten" Verbrechen, die sie schon begangen haben. Die meisten von ihnen haben bereits im Kittchen gesessen.
Nach einer Weile erscheinen die beiden Betreuer. Auf den ersten Blick ist klar, wer hier den "good cop" und wer den "bad cop" mimt. Ralf Seeger, der Anti-Gewalt-Coach, ist groß, muskulös und am ganzen Körper tätowiert, sogar im Gesicht. Er hat selber eine schwere Jugend hinter sich, wie er erzählt. Er spricht die Sprache der Straße und er ist derjenige, der den Mädels sagt, wann Schluss ist – notfalls auch mit Gewalt. Mit Seeger feiert die autoritäre Erziehung ein Revival. Susan Szyszka spielt hingegen die Verständnisvolle, die sich den Kummer der Mädchen anhört.
Doch bevor das Besserungsprogramm losgeht, kriegt der Zuschauer erst einmal gezeigt, wie böse die "Ladys" wirklich sind. Am Abend der Ankunft ist schnell ein Opfer gefunden: Carina. Die ganze Nacht über schikanieren die übrigen Mädchen die 19-Jährige, die sich wegen Kopfschmerzen zurückgezogen hat. Von den Betreuern fehlt jede Spur, die Teenies können ihrem Hass freien Lauf lassen. Es wird geflucht, es werden Mittelfinger gezeigt und es wird sich lustig gemacht – und immer ist die Kamera mittendrin. 
Am folgenden Tag beim Frühstück werden die Vorfälle der Nacht besprochen. Die Feststellung der Psychologin Szyszka: "Carina ist nicht so stark, wie sie tut." Wow, und um das herauszufinden musste sie die ganze Nacht den Terror ihrer WG-Mitbewohnerinnen erdulden? Man fragt sich, ob hier nicht längst die Grenzen moralischer Verantwortung überschritten wurden. Immerhin sind die Mädchen Schutzbefohlene.
Ein pädagogisches Konzept ist nicht zu erkennen, aber für Folge zwei sind ja bereits zwei Ex-Soldaten als Drill-Instructors angekündigt. Anspruch: So ein richtiger militärischer Schliff hat bisher jeden noch so verwahrlosten Taugenichts zu einem schneidigen Cavalier gemacht – auf eine noch überholtere Erziehungsmethode sind die bei RTL II wohl nicht gekommen?!
Kriminelle Jugendliche scheinen Konjunktur im privaten TV zu haben. Nachdem RTL vergangene Woche "Teenager außer Kontrolle" in die nächste Staffel schickte, ging RTL II gestern mit "Die Mädchen-Gang" an den Start und holte ordentliche Quoten in der Prime Time. Die Sendung bedient sich aus dem Fundus gut funktionierender Doku-Soap-Vorbilder wie ProSiebens "Model-WG" oder RTLs "Teenager außer Kontrolle".
MEEDIA-Fazit: Wer braucht so einen Schrott? Warum schalten so viele Zuschauer bei derartigen Inszenierungen ein? Der Erfolg der "Mädchen-Gang" lässt einen daran zweifeln, ob wir in Deutschland nicht eine neue Prekariats-Debatte führen sollten. Zumindest sollte sich der Sender fragen, warum er solche Klischees bedient.

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