„Der Krieg“: Gegenentwurf zu Guido Knopp

Das Erste zeigt ab 1. März eine dreiteilige Dokumentation über den 2. Weltkrieg. Titel: "Der Krieg". Wer jetzt denkt "Nicht schon wieder", sollte sich die Reihe dennoch anschauen. Das ursprünglich französische Projekt zeigt bisher unveröffentlichtes Material – ganz in Farbe, in HD und 5.1 Dolby Digital. In der Reihe sprechen die Bilder für sich, auf eine Meta-Ebene à la Guido Knopp wurde verzichtet. Anspruch: "Der Krieg" soll das Unaussprechliche der jungen Generation verständlich machen.

Anzeige

Vor acht Jahren hatten Daniel Costelle (Buch) und Isabelle Clarke (Regie) die Idee zu einem Film über den 2. Weltkrieg. Sie wollten einen Film machen, der gerade der jungen Generation das Unaussprechliche begreifbar macht. Dafür entschieden sie sich zuerst, den Film ganz in Farbe zu produzieren. Auf Unterbrechungen des Original-Materials durch Gespräche mit Experten und Zeitzeugen, wie es ZDF-Vorzeigehistoriker Guido Knopp vertritt, wurde verzichtet. Entstanden ist der Sechsteiler "Apocalypse – La 2ème Guerre Mondiale", der ganz ohne "journalistische Objektivität" auskommt.
Recherchiert wurde über mehrere Jahre, das Team um Costelle und Clarke schaltete Anzeigen, sprach mit Zeitzeugen und deren Kindern und wurde auf Dachböden, privaten Sammlungen sowie bei offiziellen Stellen fündig. Neues Bildmaterial, vornehmlich in Farbe, zeigen neue Seiten des 2.Weltkrieges. Schwarz-Weiß-Filme wurden aufwändig nachkoloriert. Die Macher wollen damit die Distanz zum Thema aufbrechen.
In der Tat verfehlen die Bilder ihre Wirkung nicht: weinende Kinder, die Gasmasken übergestülpt bekommen, verstümmelte Leichen, Abschiedsszenen an Bahnhöfen, explodierende Panzer und Flüchtlingsströme – alles in HD und 5.1 Dolby Digital. "Der Anspruch war auch ein cineastischer", erklärte der verantwortliche NDR-Redakteur Alexander von Sallwitz auf der Pressekonferenz in Hamburg.
Schlachtszenen übernehmen bei dem beeindruckenden Werk keine dominante Rolle. Gefechtshandlungen dauern nie länger als 20 Sekunden. Die Bilder wollen vielmehr zeigen, was dieser menschenverachtende Krieg in der Bevölkerung auslöste. "Clarkes Ansatz war ein pazifistischer", erklärte Patricia Schlesinger, Leiterin des Programmbereichs Dokumentation und Kultur beim NDR. "Die Bilder sprechen für sich selbst."
Die ARD war von dem Stoff so beeindruckt, dass sie sich entschied, die Dokumentation für das deutsche Fernsehen zu übernehmen. Die Sendeanstalten des NDR, MDR, SWR und WDR übernahmen die Bearbeitung und machte aus dem Sechs- einen Dreiteiler. Zudem wurde das Material an die deutschen Seh- und Hörgewohnheiten angepasst.
Um die pazifistische Intention zu unterstützen, lies die ARD – im Gegensatz zum französischen Original, das den Film nur mit einem Sprecher vertonte – zwei Sprecher zu Wort kommen. Sie sorgen für die Einordnung der Bilder. Dabei vermittelt gerade die Stimme von Joey Cordevin Betroffenheit. "Der emotionale und kommentierende Duktus von Cordevin ist Absicht", sagte von Sallwitz. Für den Job wurde intensiv gecastet.
Hier verbirgt sich die einzige kleine Schwäche der Reihe, die ganz bewusst subjektiv gestaltet wurde. "Journalistisch Objektiv ist nichts an dem Film", so von Sallwitz. Auch die Quellen des Bildmaterials werden so gut wie gar nicht genannt. Unter den privaten Filmschnipseln findet sich auch Propaganda-Material. Dennoch ist der Film beeindruckend. Etwa als sich deutsche Landser nach der gewonnenen Schlacht auf französischem Boden gegenseitig filmen – rauchend, Chansons auf einem Grammophon spielend und die Tricolore schwenkend.
Die Dokumentation bringt einem den Krieg näher, das Farbmaterial überwindet die gelernte Distanz zum Thema. Zuschauer mit einem intakten moralischen Koordinatensystem verstehen, worum es geht: "Nie wieder Krieg" und "Nie wieder Auschwitz", wenngleich der Holocaust keine zentrale Rolle einnimmt.
Das Gesamt-Budget der französischen Produktion summiert sich auf 3,7 Millionen Euro. Die ARD hat für die Bearbeitung noch einmal rund 400.000 Euro in das Projekt gesteckt. In Frankreich war die Reihe in Erfolg, besonders bei jüngeren Zuschauern. Die Quoten stiegen von Folge zu Folge. Der Abschluss von "Apocalypse" erreichte acht Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 31 Prozent.
Das Erste zeigt die erste Folge "Der Krieg – Hitlers Angriff in Europa" am 1. März um 21.00 Uhr. Die Teile zwei "Die Welt in Flammen" und drei "Sieg und Niederlage" folgen jeweils am 8. Und 15. März, ebenfalls um 21.00 Uhr.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige