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Das Revoluzzer-Gen der Berliner Zeitung

Bei der Süddeutschen Zeitung ist die Debatte um die Nachfolge von Chefredakteur Hans Werner Kilz in vollem Gange. Der Eigentümer SWMH wünscht sich einen Mann von außen, Gespräche mit einem Springer-Journalisten fanden bereits statt. Der Spiegel wird nun als erstaunlich teures E-Paper auch auf dem iPhone ausgeliefert, die Redaktion der Berliner Zeitung pflegt ihr Revoluzzer-Gen und Tom Kummer taucht aus der Versenkung auf – als Ritter von trauriger Gestalt.

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Der Flurfunk bei der Süddeutschen Zeitung in München befasst sich derzeit stark mit der Frage, wer denn wohl nach Hans-Werner Kilz nächster Chefredakteur des Münchener Renommier-Blattes werden wird. Der stellvertretende Chefredakteur Kurt Kister wurde mal hoch gehandelt, sein Name fällt aktuell aber nicht mehr so häufig. Unter den internen Kandidaten gilt eher Außenpolitik Stefan Kornelius als präsidiabel. Der Mehrheitseigentümer SWMH hätte aber lieber einen Mann von außen, heißt es.
Über Headhunter soll schon der Kontakt zu einem hochrangigen Journalisten bei Axel Springer geknüpft worden sein. Auch Gespräche mit dem Springer-Mann habe es schon gegeben. Die Aussicht, dass jemand vom konservativen Axel Springer Verlag die traditionell eher links verortete SZ führen könnte, hat schon im Vorfeld in der Redaktion für vernehmliches Bauchgrimmen gesorgt. Die SWMH-Herren müssten also wohl mit Widerständen rechnen. Laut Redaktionsstatut der SZ haben die Leitenden Redakteure (SZ-Jargon: "Impressionisten", weil sie im Impressum stehen) ein Mitspracherecht bei der Neubesetzung der Chefredaktion. Lehnen zwei Drittel der Leitenden ab, ist nix zu machen.
Aber: Die Eigentümer könnten das ungeliebte Statut mit Wirkung zum August 2011 aufkündigen. Der Vertrag von Kilz läuft aber schon Ende 2010 aus. Die Chefredakteurs-Frage bei der Süddeutschen wird noch für Spannung sorgen.

App, App, Hurra. Jetzt hat auch der Spiegel seine iPhone App, die im wesentlichen nix anderes bietet als das E-Paper des Magazins. Die Hamburger setzen dabei radikal auf Paid-Content. 2,99 Euro kostet der komplette Spiegel als E-Paper auf dem iPhone in einer Einführungsphase, später 3,99 Euro. Das ist teurer als das gedruckte Heft, das aktuell für 3,80 Euro über den Ladentisch geht.
Warum soll ein Konsument für die iPhone-Variante mehr bezahlen, wenn der Verlag doch mit der iPhone-Variante Druck- und Vertriebskosten spart? Warum überhaupt eine App? Die Süddeutsche Zeitung zeigt, dass sich das E-Paper auch im mobilen Internet nutzen lässt. Ganz abgesehen davon, dass zu fragen wäre, warum Verlage überhaupt an dem an sich überholten und sperrigen E-Paper-Format kleben. Wieso entwickelt niemand ein spannendes Multimedia-Format, das den neuen Mobilgeräten gerecht wird? Stattdessen wird immer noch krampfig Papier auf dem Bildschirm simuliert. Mal sehen wie das weitergeht, wenn Apples iPad endlich zu haben ist.

Jetzt hat die Redaktion der Berliner Zeitung schon wieder protestiert. Das Revoulzzer-Gen ist scheinbar dominant in der DNA der Berliner Zeitung. Per Brief an die DuMonts, Helmut Heinen, Franz Sommerfeld und Uwe Vorkötter wurde gemeckert. Die Redaktion will nicht akzeptieren, dass Kern-Ressorts in eine neu zu gründende GmbH ausgelagert werden. Zitat aus dem Brief: "Eine Auslagerung von Kernressorts der Berliner Zeitung in eine neu zu gründende GmbH widerspricht nach unserer Auffassung dem Redaktionsstatut der Berliner Zeitung, das die Zeitung als Autorenzeitung mit einer Vollredaktion beschreibt und dabei dem Standort Berlin eine besondere Bedeutung beimisst."
Aber den Status der Vollredaktion will der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau ja auch niemand aberkennen. Die jeweiligen Ressorts Politik und Wirtschaft sollen an den Standorten erhalten bleiben. Die neue Redaktions GmbH soll, so zumindest die erklärte Absicht, überregional relevante Geschichten produzieren. Es lässt sich ja vieles kritisieren, aber angesichts der mutmaßlichen Ertragslage der Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau sowie dem sich stets verschärfenden Tempo der Digitalisierung werden die Redaktionen bei DuMont von den Eigentümern noch mit Samthandschuhen angefasst. Wie das anders geht, zeigt der gnadenlose Sparkurs der WAZ-Gruppe.

Das hat gerade noch gefehlt! Tom Kummer meldet sich voller Selbstmitleid zu Wort in Sachen Helene Hegemann – im PDF-Newsletter ViSdP. Der Kummer ist leider eine ganz traurige Gestalt der Medienszene. Der als Interview-Fälscher bekannt gewordene Kummer findet natürlich, dass man der jugendlichen Axolotl-Autorin mit Plagiat-Vorwürfen Unrecht tut. Zur Erinnerung für alle Spät-Geborenen: Kummer war vor Jahren mal ein eifriger Interview-Lieferant für das SZ Magazin, bis sich herausstellte, dass er die aufsehenerregenden Promi-Interviews schlicht erfunden hatte. Das kann man als Betrug ansehen, als Sauerei oder auch, wie Kummer selbst als "Sampeln" oder "Remixen". Was seine Figur aber so traurig macht ist, dass der Mann nur seinen eigenen Skandal als Thema hat. Er hat Interviews erfunden, ist dafür rausgeflogen, jetzt kriegt er keine Aufträge mehr, die Welt ist schlecht alle sind neidisch auf ihn usw. Bei Tom Kummer ist der Name Programm.

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