Keine Chance für Windows Phone 7

Zugegeben: Microsofts neues Betriebssystem für Smartphones ist grundlegend neu gedacht, nett anzuschauen und der Beweis, dass der Software-Riese aus Redmond nicht vollends das Zeitalter der Smartphones verschlafen hat. Doch schon vor dem Launch macht Microsoft mehr falsch als richtig. Der größte Fehler: Obwohl der Neuling schon jetzt kaum noch Chancen gegen Google und Apple hat, will Microsoft-Boss Steve Ballmer Lizenzgebühren verlangen. Doch damit nicht genug.

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Zugegeben: Microsofts neues Betriebssystem für Smartphones ist grundlegend neu gedacht, nett anzuschauen und der Beweis, dass der Software-Riese aus Redmond nicht vollends das Zeitalter der Smartphones verschlafen hat. Doch schon vor dem Launch macht Microsoft mehr falsch als richtig. Der größte Fehler: Obwohl der Neuling schon jetzt kaum noch Chancen gegen Google und Apple hat, will Microsoft-Boss Steve Ballmer Lizenzgebühren verlangen. Doch damit nicht genug.

Der Mobile World Congress, die weltgrößte Handymesse in Barcelona, schließt heute seine Pforten. Das Highlight: Windows Phone 7, Microsofts lang erwartete und vielfach verschobene Antwort auf Apples iPhone OS und Googles Android. Was Microsoft richtig gemacht hat: Mit Windows Phone 7 verabschiedet sich der Softwareriese endlich von seiner über viele Jahre verfolgten Strategie, den PC auf das Handy zu bringen. Noch bis zur Vorgängerversion Windows Mobile 6.5, das erst im vergangenen Oktober an den Start ging, hatte Microsoft stets versucht, das Erscheinungsbild des PCs auch auf Mobilfunk-Geräten nachzubilden, um den Nutzern die gewohnte Bedienung zu bieten.

"Der Personal Computer ist komfortabel, aber das Mobiltelefon ist kein PC", betonte nun Joe Beltiore, Vice President der Windows- Phone-Abteilung von Microsoft. Chapeau, Microsoft! Wenn auch etwas zu spät. Schon seit langem hat es die Konkurrenz verstanden, ihre Betriebssysteme an die mobilen Endgeräte anzupassen. Und das, obwohl der IT-Riese aus Redmond schon seit 1996 im Markt für Taschen-PCs und Smartphones unterwegs ist. Doch auch mit seinen jüngsten Betriebssystemen war der Konzern bislang nur mäßig erfolgreich und ließ sich durch die Wettbewerber iPhone und Blackberry überflügeln.

Viel richtig, aber noch mehr falsch gemacht
Keine Frage: Microsoft hat sich für Windows Phone 7 mächtig ins Zeug gelegt. Das OS für Smartphones ist keine Kopie bestehender Modelle, sondern grundlegend neu gedacht. Die Bedienung erinnert stark an Microsofts MP3-Player Zune. Mittels sogenannter "Hubs" kann der User auf zusammenhängende Informationen gebündelt zugreifen.

Hier ein Demovideo von Microsoft

Insgesamt sind fünf Hubs geplant: Spiele, Musik+Video, Office, People und Bilder. Bei der Suche und der Abfrage von Kartenmaterial greift Windows auf das hauseigene Bing zurück. Auch die mobile Version des Internet Explorers soll umfangreich überarbeitet worden sein.

Allerdings legt sich Microsoft gleich zu Beginn die Steine in den Weg und legt den Herstellern Ketten an: Künftige Mobiltelefone auf Basis von Windows Phone 7 müssen über drei Standardknöpfe unterhalb des Displays verfügen: "Startbildschirm", "Suche" und "Zurück" Das Hardware-Minimum: Ein multitouch-fähiger kapazitiver Touchscreen, eine 5-Megapixel-Kamera, ein Bewegungssensor und ein ausreichend kräftiger Prozessor sind Pflicht. Und obwohl man sich sehr viel Zeit bei der Entwicklung gelassen hat, kommt das mobile Windows unausgereift auf den Markt.

Microsoft verlangt Bares
Im Prinzip beherrscht Windows Phone 7 auch Multitasking. Allerdings nur, wenn Sie im Hintergrund Musik hören oder Mails empfangen wollen. Microsoft wird aber anderen Anwendungen nicht erlauben, im Hintergrund zu laufen. Genauso fehlen wichtige Funktionen wie Copy & Paste und die Flash-Unterstützung.

Für den größten Fehlgriff sorgte allerdings wieder einmal Microsoft-CEO Steve Ballmer: Microsoft plant, Lizenzkosten für ihr Betriebssystem von den Handy-Herstellern zu verlangen. Das würde Windows Phone 7 schneller als erwartet aufs Abstellgleis befördern. "Wir entwickeln etwas. Wir verkaufen es. Ein sauberes, klar verständliches Geschäftsmodell" erklärt Ballmer. Nochmal zum Vergleich: Android ist kostenlos. Ziemlich selbstverständlich, für welches Betriebssystem sich Hersteller und Kunden entscheiden. Gizmodo verwies auf eine Schätzung des "Business Insider", nach der der Anteil von Windows Phone 7 am Gesamtumsatz astronomisch gering sein wird.

Android und Apple machen das Rennen
Trotzdem hat Microsoft vorerst etliche Hersteller an Bord: Dell, Garmin-Asus, HTC, HP, LG, Samsung, Sony Ericsson und Toshiba. Man kann also davon ausgehen, dass sich der Markt für mobile Betriebssysteme in drei Lager spalten wird: Windows-User, Android-Anhänger und die Apple-Armada. Der Vorteil von Apples iPhone OS: für iPhone-, iPod- und zukünftig iPad-User ist das OS Pflicht. Apple lässt auf seinen Geräten keine Alternativen zu. Ein weiterer wichtiger Punkt: Apps. Die kleinen Programme gelten als riesiger Zukunftsmarkt. 2009 lag der weltweite Umsatz bei 4,2 Milliarden Dollar, für 2013 rechnen Analysten bereits mit 29,5 Milliarden Dollar. Den Bärenanteil davon streicht derzeit Apple mit seinen knapp 150.000 Apps ein. Die Prominenz der iPods und iPhones sorgt dafür, dass Programmierer auch weiterhin Produkte für den Appstore entwickeln werden.

Apple braucht sich um sein OS keine Gedanken zu machen. Die Kunden kaufen in erster Linie ein iPod oder iPhone, das Betriebssystem ist zweitrangig. Der Vorteil: Hard- und Software wurden bis ins Detail aufeinander abgestimmt. Alles wirkt wie aus einem Guss. Allerdings fehlt beim Browsen weiterhin Flash, und Multitasking ist nur nach einem Jailbreak möglich.

Bleibt noch Android: Völlig konträr zum "closed shop" Apple propagiert Google die digitale Offenherzigkeit und gab zum Launch des eigenen Smartphone-OS einen Großteil des Quellcodes frei. Damit nutzt der Konzern die Intelligenz der Masse. Der bietet sich eine quelloffene Handy-Plattform, die ständig von anderen Usern mit ähnlichen Problemen verbessert wird und von jedem genutzt werden kann. Das beschleunigt Innovation. Neben dem hauseigenen Nexus One wurde Googles Android bisher auch von anderen Herstellern gut angenommen. Das neue HTC Legend ist frisch auf dem Markt und gilt schon jetzt als schärfster iPhone-Konkurrent. Android bringt außerdem einen Browser mit, der auch mit Adobe Flash umgehen kann und zudem Multitouch beherrscht. Ein Grund mehr für die Handyhersteller, sich für Android zu entscheiden. Je mehr das Gerät kann, desto teuer können sie es auch verkaufen.

Fazit: Microsoft gibt sich gewohnt verschlossen. Wen Microsoft mit Windows Phone 7 ansprechen will, ist unklar. Die starke Ausrichtung auf Social Networks ist zwar konsequent durchdacht, aber keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal. Und könnte an älteren Zielgruppen vollends vorbeischrammen. Da Microsoft keine eigenen Handys herstellt, wird die Perfomance auch immer vom jeweiligen Gerät abhängen. Bessert Microsoft hier nicht nach, war all das Warten vergebens.

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