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Das lange Siechtum des Independent

Unter den vielen traurigen Geschichten, die derzeit über einst stolze Printtitel zu erzählen sind, ist dies eine besonders bizarre: Der englische Independent steht vor der Alternative, verkauft oder eingestellt zu werden. Ein russischer Investor steht bereit, der Gewerkschaften wie Belegschaft vor die Alternative stellt, harte finanzielle Einschnitte zu akzeptieren oder am Ende leer auszugehen. Das Problem des Independent liegt aber woanders: in der Person des Chefredakteurs und Geschäftsführers Simon Kelner.

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Unter den vielen traurigen Geschichten, die derzeit über einst stolze Printtitel zu erzählen sind, ist dies eine besonders bizarre: Der englische Independent steht vor der Alternative, verkauft oder eingestellt zu werden. Ein russischer Investor steht bereit, der Gewerkschaften wie Belegschaft vor die Alternative stellt, harte finanzielle Einschnitte zu akzeptieren oder am Ende leer auszugehen. Das Problem des Independent liegt aber woanders: in der Person des Chefredakteurs und Geschäftsführers Simon Kelner.
War schon komisch, mit Simon Kelner, dem Chefredakteur des Independent, deren Vorzeige-Reisejournalist Simon Calder, sowie etlichen weiteren "Indys" kurz vor Weihnachten im Groucho Club zu landen. Kelner & Co hatten möglicherweise schon ein oder zwei im Tee gehabt, allerdings gab es wenig Grund zum Feiern. Die Dame von der Anzeigenabteilung sagte mir hinter vorgehaltener Hand, dass der Independent im nächsten Jahr auf jeden Fall pleite macht. Geht gar nicht anders. Jetzt auf jeden Fall. Schade, dachte ich. Mein Praktikum hatte Spaß gemacht, auch wenn sich alle Kollegen fleißig woanders bewarben, statt sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Das war 1998.

Seitdem macht der Independent traditionell "auf jeden Fall" im nächsten Jahr pleite. Geht gar nicht anders. Im November 2008 wurden 90 Mitarbeiter entlassen, 170 blieben noch übrig. Dann zog der Indy noch zur Untermiete bei der Daily Mail mit ein, womit die Gerüchte über einen möglichen Verkauf (zu so ziemlich jedem Preis) seitens der Verlages Independent News & Media lauter und lauter wurden. Bis dahin wurden die Verluste der Independent-Titel (Wochen- und Sonntagsausgabe) auf bis zu 12 Mio. britische Pfund geschätzt. Vergangenen April wurden sämtliche Verträge mit freien Mitarbeitern aufgelöst und man machte sich auf einen schwarzen Mai gefasst, weil in diesem Monat eine Schuldanleihe von mehreren hundert Millionen Pfund fällig geworden sein soll. In diesem Zeitraum baute der Verlag weitere 90 Stellen ab.

Simon Kelner hat einen Fehler nach dem anderen begangen. Einer der größten war vielleicht die Ignoranz gegenüber dem Online-Medium. Die Webseite des Independent war lange Zeit kaum mehr als ein Platzhalter, und im Gegensatz zur Konkurrenz indiskutabel. Im letzten Jahr wurde Online dann endlich in Angriff genommen – mit TV-Deals. Videos von France 24 und Osama bin Laden’s Lieblingskanal al-Jazeera wurden der Webseite zugeführt. Print und Online hatten wenig miteinander zu tun. Auch Kelners Formatumstellung 2003 von quer- auf hochformatig war kurios. Am Tag der Umstellung war er kaum aus dem Fernsehen wegzuzappen und erklärte in jeder Nachrichtensendung, wie revolutionär die Umstellung war. Kurze Zeit später folgte die Times, und ein etwaiger Wettbewerbsvorsprung seitens des Independents war schnell wieder vergessen.

Wenn die Ignoranz gegenüber dem Web schon falsch war, ist Kelners News Judgement oft unfassbar. Regelmäßig werden aktuelle Nachrichtenthemen links liegengelassen. Stattdessen setzt der Independent auf Soziales (Krankheiten, Behinderungen, Immigranten), Klima (exklusive Story – angeblich stecken Großkonzerne hinter den Klimaverleugnern… nein sowas!) und Kultur (im Januar wurde die gesamte Titelseite dem verstorbenen US-Autoren J.D. Salinger gewidmet). Die ganzseitigen Titelseiten mit im Nachrichtenumfeld meistens irrelevanten Themen hat die Zeitung zum Outsider gemacht. Der Independent beeinflusst weder die Nachrichtenagenda der Konkurrenten noch die Meinung im Volk. Die ambitionierte Strategie, "tiefgründige" Berichte und Kommentare zu bringen, ist nicht aufgegangen. Diesen Januar zeigten die ABC-Zahlen für den Independent zum zweiten Mal in Folge einen jährlichen Auflagenrückgang von 14%.

Und nun vielleicht die Rettung in der Not, aber die hat ihren Preis. Der russische Investor Alexander Lebedev, seit letztem Herbst Besitzer des Londoner Evening Standards, ist offiziell in Verhandlungen mit dem Verlag über den möglichen Kauf des Independents. Am Mittwoch berichtet der Guardian, dass für den Verkauf eine drastische Reduzierung der Entlassungszahlungen gefordert wird. Bislang zahlte der Independent eine recht generöse Abfindung von einem Monatsgehalt pro Dienstjahr. Das soll nun halbiert werden, ansonsten sei Lebedev nicht mehr interessiert, so Guardian. Die Nation Union of Journalists wurde konsultiert, wollte sich aber nicht äußern. Die Alternative zur dieser Kürzung ist das endgültige Ende der Zeitung.
Lebedev hatte schon bei der Übernahme des Standards auf diesen Trick zurückgegriffen. Die Abfindung sollte auf das rechtliche Minimum von einer Woche Gehalt pro Dienstjahr und einer maximalen Zahlung von 12.000 Pfund reduziert werden, allerdings griff das Management ein uns erhöhte das Maximum auf 70.000 Pfund.

Abfindungen hin oder her, Lebedev hat wieder neues Leben in den Standard gebracht. Seit Oktober wird die traditionsreiche Londoner Zeitung in der Hauptstadt umsonst verteilt wird, und erreichte damit eine wahre Auflagenexplosion auf fast 600.000 Exemplare. Ironischerweise hat der neuerliche Erfolg dazu geführt, dass die Zeitung in Gegenden, in denen sie nicht so einfach umsonst zu bekommen ist (z.B. in Vororten), wieder für bis zu 0,50 Pence verkauft wird – seinem ursprünglichen Preis. Offenbar hat das Blatt einen so treuen Leserstamm, dass einige dafür doch noch zahlen, und Ladenbesitzer wollen diese Kundschaft auch weiterhin bedienen können – um jeden Preis. Lebedev hat große Pläne für den Standard, z.B. soll sein alter Freund Michail Gorbatschow als Kolumnist anfangen (über das Londoner Nachtleben vielleicht? Oder Reisetipps?). Ob die stolzen Indys sich allerdings so einfach von dem Russen übernehmen lassen, bleibt abzuwarten.
Trinkfest sind sie zumindest beide.

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