„Bei uns gibt es kein erfundenes Schicksal“

Fast wöchentlich erscheint eine neue - weit günstigere Kopie - von Springers Bild der Frau. Trotzdem gelang es der Original-Redaktion um Chefredakteurin Sandra Immoor noch immer, jeden Angriff abzuwehren. Im Meedia-Interview erklären Immoor und ihre Verlagsleiterin Bianca Pohlmann das Erfolgsgeimnis des Titel: Im Gegensatz zur Konkurrenz habe ihr Blatt "Seele" und sei weit "mehr als eine Diät-Zeitschrift", nämlich ein Heft mit "gesellschaftlicher Relevanz".

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Seit Mitte 2006 führt Immoor die Redaktion der Bild der Frau. Im April 2009 übernahm sie zusätzlich noch die Leitung der Frau von Heute. Dieses Heft hatte Springer 2003 gegründet, um Burdas Billig-Angriff mit "Frau im Trend" auf die Bild der Frau abzuwehren.

Die Bild der Frau kommt aktuell auf einen Gesamtverkauf von 1,02 Millionen Exemplaren. Im Vergleich im Vorjahr bedeutet das ein Plus von vier Prozent. Vor fünf Jahren, lag die Auflage allerdings noch um 14 Prozent vor dem aktuellen Wert. Frau von Heute verlor innerhalb der vergangenen fünf Jahre 59 Prozent. Im Moment kommt das Heft auf einem Gesamtverkauf auf 184.448 Exemplare.

Fragt man zehn Journalisten nach der Bild der Frau, antworten acht, dass es sich bei Bild der Frau in Wahrheit um eine Diät-Zeitschrift handelt.
Sandra Immoor: Diese Kollegen laden wir gern mal zu uns in die Redaktion  ein… Bild der Frau ist Deutschlands größte Frauenzeitschrift und viel mehr als eine Diät-Zeitschrift! Unser Heft zeichnet sich vor allem durch zweierlei aus: aktuelle Berichterstattung und große Ratgeberkompetenz. Oder, um einmal die Zahlen sprechen zu lassen: Drei redaktionelle Seiten pro Heft beschäftigen sich mit Diätthemen, etwa 60 weitere Seiten mit Themen aus den Bereichen Gesundheit, Politik, Verbraucher, Mode, Beauty, Kochen, Wohnen … Das relativiert hoffentlich diesen Eindruck.

Wenn es also nicht das Thema Diät ist, worauf legen Sie inhaltlich denn dann das größte Augenmerk?
Immoor: Das Thema gesunde Ernährung ist natürlich ein wichtiges Thema für uns. Aber wir haben eben auch viele Geschichten mit gesellschaftlicher Relevanz im Blatt. Das reicht vom großen Spielplatz-Check – woraufhin 16 Spielplätze nach unserer Berichterstattung wegen Lebensgefahr für Kinder gesperrt werden mussten – bis hin zum neuen Unterhaltsrecht und dessen Folgen für Frauen. Bild der Frau versucht jede Woche genau den Themen-Mix zu bieten, den die Leserinnen für Kopf und Seele brauchen. Außerdem integrieren wir unsere Leserinnen, schenken ihnen Gehör, lassen sie zu Wort kommen. Genau diese Mischung macht die Seele des Blattes aus – und die lässt sich eben nicht kopieren. Qualität und Glaubwürdigkeit sind unser höchster Anspruch und dem versuchen wir jede Woche aufs Neue gerecht zu werden.
Wir erreichen Sie diese Glaubwürdigkeit?
Immoor: Durch sorgfältige Recherche, Bodenhaftung und Ehrlichkeit: Bei uns gibt es zum Beispiel kein erfundenes Schicksal und darum auch keine Story ohne authentisches Foto. Deshalb vertrauen uns unsere Leserinnen.

Ist nicht gerade das eine selbstverständliche journalistische Regel?
Immoor: Ja, das sollte sie sein. Aber: Was Qualität angeht, gibt es keine andere wöchentliche Frauenzeitschrift, die mit so viel Aufwand, Mühe und Liebe zum Detail produziert. Das gilt für unsere Reportagen und Interviews genauso wie für die Modestrecken. Hier legen wir ein unvergleichbares Tempo im Markt der Wochenhefte vor.
Bianca Pohlmann: Wir betreiben den Aufwand eines monatlichen oder 14-täglichen Magazins – aber das wöchentlich.

Können Sie ein Beispiel nennen? 
Immoor: Nehmen Sie das Beispiel Mode: Da finden Sie woanders fast ausschließlich Katalogproduktionen. Bei uns gehen die beiden Mode-Kolleginnen jedoch zwei Mal im Jahr mit 500 kg Übergepäck auf große Reise, um in Südafrika, Portugal oder an der Ostsee die Modeproduktionen und Cover für 27 Hefte zu produzieren.

Mit dem Aufkommen der ganzen Bild der Frau-Klone gab es auf einmal eine richtige Delle in Ihrer Auflage. Hat da auch Ihre Glaubwürdigkeit gelitten?
Pohlmann: Nein. Diese Hefte haben rund 40 Prozent ihrer Auflage wieder verloren, Bild der Frau liegt hingegen weiter bei über einer Million verkaufter Exemplare. Unsere Marktführerschaft war nie in Gefahr.

Aber ist das nicht extrem ärgerlich, wenn unter der Bild der Frau auf einmal ein riesiger Markt entsteht? Den könnten Sie doch genauso gut mit abdecken?
Pohlmann: Wir sind seit Gründung von Bild der Frau klare Nummer eins im Markt und diese Position werden wir auch in Zukunft weiter ausbauen. Unser Marktanteil ist seit 2005 von 25 auf 30 Prozent gestiegen. Außerdem hat Bild der Frau mit 50 Prozent Kernleserinnen eine sehr treue Leserschaft.
Wie sieht denn die Bild der Frau-Leserin aus?
Immoor: Wir sind ein echter Drei-Generationen-Titel, ein Traditionstitel, mit dem man groß wird. Uns lesen Oma, Mutter, Tochter. Sie dürfen sich unsere Leserin im besten Sinne als ganz normale Frau vorstellen. Und eines der Erfolgsgeheimnisse von Bild der Frau ist sicher, dass wir es schaffen, dieser Frau in ihrer Normalität ein gutes Gefühl zu geben.
Das erinnert an das neue Brigitte Konzept.
Immoor: Nein, da sind wir uns selbst treu geblieben. Schon unsere Gründungschefredakteurin, Andrea Zangemeister, hat immer gesagt: "Wenn deinem Mann dein Busen nicht mehr gefällt, brauchst du keinen neuen Busen, sondern einen neuen Mann". Dieses Selbstbewusstsein versucht Bild der Frau ihren Leserinnen zu vermitteln: Du bist völlig in Ordnung so, wie du bist. Wenn du aber abnehmen willst, haben wir hier die passenden Rezepte. Wenn du ein neues Outfit möchtest, haben wir die entsprechende Mode.
Frau von Heute wurde von Springer am Markt positioniert, um damals die Bild der Frau vor der Konkurrenz zu schützen. Mittlerweile wurde die Redaktion aufgelöst und in ihre integriert.
Immoor: Die Vokabel Integration gefällt mir nicht. Wir sind eine starke Gemeinschaftsredaktion und als Chefredakteurin bin ich für beide Titel verantwortlich. Zusammen produzieren wir 119 Hefte im Jahr, innerhalb der Ressorts gibt es aber eine klare Aufteilung. 
Bringen Sie dieselben Inhalte in der Bild der Frau und in der Frau von Heute?
Immoor: Wir erzählen niemals die gleiche Geschichte – nutzen aber selbstverständlich die Synergien, die sich innerhalb der Ressorts ergeben. Jedes Heft hat seine eigene Identität und dementsprechend seine eigene Umsetzung eines Themas. Besucht eine Kollegin zum Beispiel Bergsteiger Reinhold Messner, dann hat sie zwei unterschiedliche Fragenkataloge mit im Gepäck und bereitet die Storys danach zielgruppengerecht auf.
Zusammen befüllen die Redaktionen also die beiden Haupthefte. Produzieren sie noch mehr?
Immoor: Ja, die beiden zweimonatlichen Magazine Schlank & fit und Gut kochen & backen sowie mindestens drei monothematische oder saisonale Specials pro Jahr. Zum Beispiel war im letzten Jahr unser Advents-Special besonders erfolgreich.
Was kommt in diesem Jahr?
Pohlmann: Gerade haben wir die Bild der Frau Love Collection gestartet. Im Vorfeld zum Valentinstag präsentieren wir eine CD mit den größten Romantik-Hits sowie eine sechsteilige DVD-Reihe mit Liebesfilm-Klassikern. Daneben wird es unter der Marke Bild der Frau Mitte März wieder eine Bestseller-Serie geben. Außerdem sind wir derzeit in der Konzeptionsphase verschiedener neuer One Shots.
Wie wird sich der Markt der Frauenzeitschriften generell entwickeln?
Pohlmann: Bei den monatlichen Frauenmagazinen hat gerade eine Marktbereinigung stattgefunden. Auch bei den wöchentlichen Titeln ist der Markt ständig in Bewegung durch die unzähligen monatlichen Niedrigpreistitel. Kaum ist ein Titel verschwunden, kommt wieder ein neuer auf den Markt. Für mich stellt sich bei der aktuellen Lage daher die Frage: Wie viele Titel kann frau denn zusätzlich zum Marktführer Bild der Frau noch kaufen?
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