TV-Karneval als gesendetes Alzheimer

Alle Jahre wieder verwandeln sich ARD und ZDF zu Hochburgen des organisierten Frohsinns, auch bekannt als Karneval, Fastnacht oder Fasching. Vom 1. bis zum 15. Februar zeigten ARD und ZDF in dieser Saison rund 80 Stunden Karneval im TV. Das Niveau ist dabei unterirdisch. Mit uralten Herren-Witzchen, kreuzlahmen Polit-Anspielungen und Tanznummern auf Provinzsportfest-Niveau wird Stunde um Stunde wertvolle Sendezeit zugepflastert. Woher kommt der Faschings-Tick der Öffentlich-Rechtlichen? Eine Polemik.

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Was ist es nur, was die öffentlich-rechtlichen Sender so am Karneval fasziniert? Die billigen Produktionskosten? Die guten Quoten? Tatsache ist, dass der Faschings-Overkill im TV in diesem Jahr rein objektiv betrachtet wieder mal sehr erfolgreich war. Der karnevalistische TV-Schlachtkreuzer "Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht" kam in Gesamtpublikum auf 6,58 Millionen Zuschauer, das ist ein Spitzen-Marktanteil von 23,7 Prozent. Am Dienstag, 9. Februar, lockte "Karneval hoch drei" im ZDF 5,72 Millionen Zuschauer vor den Schirm. Ein sehr guter Marktanteil von 18 Prozent. Dass am gleichen Tag das Bundesverfassungsgericht die bisherige Hartz-IV-Regelung kippte – who cares? Politsendungen wie "Frontal 21" wurden zu Gunsten der Bütt aus dem Programm gestrichen.

Im Bayerischen Fernsehen ist die "Fastnacht aus Franken" ein Dauerbrenner. Die Schunkelparade, diesmal aus dem fränkischen Kaff Veitshöchheim, schalteten 3,95 Millionen Zuschauer ein, ein Marktanteil von 13,9 Prozent. Schon 2009 war die Franken-Fastnacht die erfolgreichste Sendung eines Dritten Programms überhaupt. Kann man es den BR-Verantwortlichen da verdenken, dass sie die Sitzung am nächsten Tag gleich nochmal zur Hauptsendezeit wiederholten? Die Antwort lautet: Ja, man kann es ihnen verdenken.

Bei näherem Hinsehen schalten bei der karnevalistischen TV-Dauerbewitzelung nämlich nur Rentner ein. Von den 5,72 Millionen Zuschauern bei "Karneval hoch drei" waren nur 600.000 aus der jungen Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen dabei und auch die vermutlich nur aus Versehen. Zwei Drittel der Zuschauer war über 65 Jahre alt. Bei anderen Karnevals-Sendungen ist der Altersschnitt teilweise sogar noch höher.
Wenn man es sich antut und kurzzeitig mal eine Karnelvalssendung im TV einschaltet, welche ist im Prinzip egal, wird schnell klar, warum das so ist. Das Programm wird zum Großteil von Alten für Alte gemacht. Mit sehr altem Witze- und Song-Material. In Hessen wurde es als Fastnachts-Revolution gefeiert, dass die 66-jährige Margit Sponheimer, nach TV-Karnevalskriterien wohl noch ein "lecker Mädsche", als erste Frau eine Prunksitzung leiten durfte. Vom Co-Moderator wurde sie aufgefordert, einen ihrer "Hits aus der letzten Zeit" zum Besten zu geben. Es folgte das Lied "Gell, du hast mich gelle gern" von 1967. Gesendetes Alzheimer.

Allein der SWR zeigte in der Saison neun Karnevalssendungen mit über 24 Stunden Sendezeit, darunter "Highlights" wie eine schwäbische Fastnacht aus Gundelsheim. Orte, die nur an Karneval auf der TV-Landkarte auftauchen. TV-Fastnacht ist eben in erster Linie eine Sache der Provinz. Darum sind die Dritten Programme der ARD so eifrig dabei. Jedes Kaff brennt darauf, die eigene Jazztanz-Trampel-Truppe und den eigenen Kokolores-Kabarettisten mit ulkigem Hut und dicker Brille ins TV zu hieven. Und im Publikum hocken in der ersten Reihe die lokalen Honoratioren, vom Oberbürgermeister über den Chef des Arbeitsamtes bis hin zum Wurstfabrikanten, dem Landrat und dem Ministerpräsidenten. Z.B. Kurt Beck, der dann im roten Narren-Frack den gut gelaunten Grüß-August gibt. Kurt Beck ist darum besonders erwähnenswert, weil er als Vorsitzender des ZDF Verwaltungsrats und Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder so etwas wie Deutschlands oberster Medienpolitiker ist. Aber Beck ist bloß die Spitze. In den Karnevals-Sitzungen hocken viele kleine Becks – Rundfunkräte, Kommunalpolitiker aller Couleur im Dutzend billiger und lachen laut zu schlechten Witzen.

Für die versammelte Polit-Prominenz gibt’s dann einen Tusch, ein Humba-Tätera und einen "Orden" für ihre bloße Anwesenheit. Genauso für die anwesende Lokalpresse, die bloß nix Böses über die schunkeldoofe Veranstaltung schreiben darf. Erste und einzige Regel bei Berichten über Karnevalssitzungen in Lokalzeitungen: Alle Nummern müssen erwähnt, alle Namen richtig geschrieben sein.

Während der echte Karneval vor allem im Rheinland eine Art Trieb-Regulator samt organisiertem Massen-Seitensprung unter großzügiger Alkohol-Zufuhr darstellt, ist der TV-Karneval eine ultra-öde Selbstbestätigung urdeutscher Provinztümelei und Obrigkeits-Hörigkeit. Dass die bunten Kostümierungen der Faschings-Garde und des Elferrats einst eine Art Parodie auf preußische Uniformen gewesen sein sollen – geschenkt. Heute sind Karnevals-Uniformen längst keine Parodie mehr sondern für viele Amt-, Würden und Bedenkenträger bitterster Ernst und einziger Lebensweck. Wer einmal erlebt hat, mit welcher dumpfen Beamten-Mentalität und Bierernsthaftigkeit um Auftritts-Reihenfolgen und -längen bei TV-Sitzungen aus der Provinz gefeilscht wird, weiß, dass Spaß, Humor und Lockerheit im TV-Karneval rein gar nichts zu suchen haben.

ARD und ZDF repräsentieren selbst den öffentlichen Verwaltungsapparat par excellence. Im Publikum der Provinz-Prunk-Sitzungen hocken mit Narrenkappe auf dem Kopf genau jene, sie sonst mit grauen Gesichtern und grauen Anzügen in Rundfunkräten sitzen und über Wohl und Wehe der Sender entscheiden. Die Karnevalsseligkeit der öffentlichen Sender ist somit ein Kniefall vor dem Apparat. Und die Millionen eingenickter Rentner vor den TV-Geräten bilden dafür die quotentechnische Legitimation.

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