To pay or not to pay – ist alles umsonst?

Die Paid Content-Debatte ist immer hot, so ermunterte Georg "Chefredakteur" Altrogge mich zu meinem ersten Blogbeitrag aus London. Prima Idee, nicht zuletzt da die Times aller Wahrscheinlichkeit im Frühjahr online zahlungspflichtig wird. Der konservative Lord Ralph Lucas ist momentan in Medienkreisen etwa so beliebt wie Fox News beim Demokraten-Kongress in den USA. So schlug er […]

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Die Paid Content-Debatte ist immer hot, so ermunterte Georg "Chefredakteur" Altrogge mich zu meinem ersten Blogbeitrag aus London. Prima Idee, nicht zuletzt da die Times aller Wahrscheinlichkeit im Frühjahr online zahlungspflichtig wird.

Der konservative Lord Ralph Lucas ist momentan in Medienkreisen etwa so beliebt wie Fox News beim Demokraten-Kongress in den USA. So schlug er kürzlich eine Abänderung des Digital Economy Bill vor, wonach im Prinzip jeder einen Link zu Inhalten im Internet legen kann ohne das Copyright-Gesetz zu brechen. Vor etwa einem Monat machte sich Lord Lucas schon einmal zur Murdochs möglicher Vodoo-Puppe: Eine weitere Änderung soll Suchmaschinen das Recht geben, sämtliche Online-Inhalte von Nachrichtenanbietern zu kopieren, um deren Dienste als Suchmaschine zu erfüllen. Damit wären die Googles dieser Welt vor jeglichem Copyright-Streit geschützt und könnten Inhalte weiterhin umsonst anbieten.

Kurzum: Nach Lucas ist alles, was online ist, umsonst.

Die Debatte darüber, wofür der Normalverbraucher zahlt oder zahlen würde, scheint ihn dabei wenig zu interessieren. Meiner Meinung nach haben kostenlose Offline-Experimente diese Frage positiv beeinflusst. Seit vor elf Jahren die Zeitung Metro morgendlichen Pendlern an U-Bahn-Stationen ausgelegt wurde, gab es eine (recht dünne) Alternative zur traditionellen Zeitung. Metro reichte zwar gerade mal für drei Stationen, vier wenn man den Sportteil auch noch las. 2006 kamen dann das London Paper, ein Ableger der Times, und London Lite – allgemein als London Shite bekannt – dazu. Die Flut von freiem Papiermüll endete im Herbst letzten Jahres, als die beiden Londoner Titel wie auch 35 weitere kostenlose Zeitungen in Großbritannien wieder zumachen mussten. Wenn Sie jemanden kennen, der diese vermisst, sagen Sie Bescheid.

Diese kostenlosen und inhaltsfreien Zeitungen haben jedem noch so desinteressierten Laien den Unterschied zwischen guten und schlechten Nachrichten klar gemacht. In Pubs wurde die bodenlose Qualitätsarmut der Lite & Co. diskutiert, und man kaufte wieder stolz "richtige" Zeitungen wie den Guardian für £ 1 (äquivalent zu zwei Snickers, einer beliebten Lunch-Alternative).

Wir zahlen gern für originale, originelle Artikel. Aber nicht für Papierabfallwertstoff. Pay-per-Click bringt ein direktes Erfolgserlebnis für den (ansonsten vermutlich unterbezahlten) Reporter, der abends stolz erzählen kann, wie viele Porsches sein Artikel seinem Verleger verdient hat. Ein Ansporn vielleicht, die besten Stories zu finden und sich außerhalb der üblichen Quellen und Themen umzusehen. Ich hätte zum Beispiel ohne weiteres für die exklusiven Enthüllungen der Spesen von Parlamentsmitgliedern seitens des Daily Telegraph gezahlt, aber mein Geld wollte ja keiner (online).
Der Spesenskandal brachte letzten Sommer wochenlang einen Abgeordneten nach dem anderen in Verruf, die für alles von einer Schachtel Streichhölzer bis zur Enteninsel für ihren Teich den Steuerzahler belasteten. Der Telegraph hatte für diesen Scoop zwischen £70.000 und £300.000 an den ehemaligen SAS Offizier John Wick gezahlt, der damit die Moralfreiheit von MPs aufdecken wollte. Ich hätte mich wie gesagt gern an diesen Kosten online beteiligt. Da der Telegraph ansonsten sehr konservativ ist und am liebsten über die Royals und Gärtnern schreibt, würde ich die ganze Zeitung allerdings nicht kaufen.

Damit bin ich nicht allein. Eine Umfrage seitens der Londoner Continental Research von 500 Online-Lesern belegt, dass Leute wenn überhaupt nur für einzelne Artikel zahlen würden: 21%. Deutlich weniger (11%) würden mehr für Zugriff auf die gesamte Publikation zahlen, und nur 5% würden für ein monatliches oder jährliches Abo zahlen. Macht nicht ganz 100%? Allerdings…. 63% der Befragten sagten, sie würde nicht zahlen. Basta.

Der Preis wird Teil des Erfolges eines solchen Systems sein. Laut der Studie sind 35% bereit, zwei Pence pro Artikel zu zahlen. Nur 7% würden 20 Pence zahlen (etwa EUR 0,22). Der Leiter von Continental Research James Myring vergleicht dies mit der Mobiltelefon-Industrie. "Die Summen mögen zwar niedrig klingen, aber es ist besser, wenn viele Leute kleine einzelne Zahlungen tätigen, statt kaum jemand für teure Abos. Die Mobiltelefon-Industrie im Vergleich profitiert von vielen kleinen Zahlungen für SMS."

Zudem minimieren kleinere Preise den Reiz von illegalen Diensten. Laut der Studie sind 26% der 16- bis 34-jährigen bereit, Micropayments zu machen, verglichen mit 18% der über 35-jährigen. Dies scheint also ein effektiver Weg zu sein, um Junge  zum Zahlen statt zur Suche nach illegalen Inhalten zu bewegen.

Pay-per-Click ist die Zukunft, nicht zuletzt weil jeder Verlag damit Spielraum hat, einige Inhalte immer noch frei anzubieten. Selbst wenn sich die großen Tageszeitungen zusammenschließen würden, und ihre Websites in Pay Sites umwandeln, gibt es immer noch andere Nachrichtenkanäle, die einen Teufel tun werden. Die BBC, die mit Steuermitteln finanziert wird, ist ein ‚Public Service‘-Anbieter, d.h. deren Dienstleistungen müssen kostenlos zugänglich sein. Und die BBC-Nachrichten online sind gar nicht so schlecht.
Bei dem Nachrichtendienst von Bloomberg ist man intern am debattieren, ob Artikel auf der Website nicht in Pay-per-Click umgewandelt werden sollten. Deren Newswire galt ursprünglich mehr als Verkaufsförderung für die teuren Terminals, die Börsenkurse und sämtliche andere Informationen für Banker liefern. Inzwischen ist der Nachrichtendienst meines ehemaligen Arbeitgebers aber so groß geworden, dass deren kostenfreie Website fast nur noch aus Nachrichten besteht. Weil News aber nicht die Haupteinnahmequelle sind, kann man flexibel bleiben.

Sollte sich dieses System durchsetzen, ist die Abwicklung die nächste Hürde. Wenn Pay-per-Click zu kompliziert ist, dann zahlt und klickt keiner. Es ist für mich aus dem Ausland extrem schwer, einen Tagespass für die Financial Times Deutschland zu erwerben. All die Sicherheitsstufen sind bestimmt ganz toll, aber für EUR 2,20 erwarte ich eine weniger komplizierte Abwicklung. Beim ersten Mal brauchte ich fast 30 Minuten und hätte aufgegeben, wenn ich es nicht beruflich gebraucht hätte (Stichwort Qualität, für die man gern zahlt). Bei Springer will man offenbar mit Google und anderen Suchmaschinen ein direktes Zahlungssystem basteln. Dieser Plan zeigt, wie unreif das ganze System ist – Springer hat erstmal die Paywalls eingeführt, und macht sich dann Gedanken um kundenfreundliche Abwicklung. Das ist so, als würde bei McDonalds die Kasse klemmen. Man kann zwar den Big Mac sehen, aber leider nur mit abgezählten Cents zahlen – peinlich und nervig.

James Myring meint, ein System ohne Kreditkarteneingabe und stattdessen Digital Coins (also virtuellem Kleingeld) sei am sinnvollsten. Ich würde auch ein Rechnungssystem wie bei iTunes für praktisch halten, das einhändig mit jedem iPhone zu erledigen ist. Aber vielleicht lieber nicht mit dem Google-Phone – nachher ist doch wieder alles umsonst.

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