Die späte Medienkarriere der Eva Braun

Print lebt offensichtlich doch noch. Der Deutsche Medienpreis wurde in Anwesenheit von Günther Netzer an die Kanzlerin übergeben. Dieter Bohlen ersetzte eine bekannte Schnapsdrossel beim Opernball. Die Feuilletons haben mit den Plagiats-Vorwürfen um den Roman "Axolotl Roadkill" ein prima Skandälchen am Köcheln und die Eva-Braun-Tagebücher schafften es in den Stern. Bunter und abwechslungsreicher kann eine Medienwoche kaum sein.

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Beginnen wir mit den Print-Launches, bzw. Relaunches der Woche. Da wäre natürlich zu allererst Grazia zu nennen. Der kleine Klambt-Verlag aus Baden-Baden führt die Großen vor. "Klambt has Balls", würde der Ami sagen. Ein millionenschwerer Magazin-Launch zum Kampfpreis. Angestrebte Auflage: 200.000. Und das mit einer Lizenz, die bereits in England und anderswo große Erfolge feiert und nach der sich mancher die Finger geschleckt hat.
Bei Bauer brach sogleich Aktionismus aus. Bauers Life & Style wurde in Format und Preis in Windeseile auf Grazia angeglichen. Und gleichzeitig erzählt man bei Bauer treuherzig, so steht es jedenfalls in der Süddeutschen, dass dies gar keine Reaktion auf den Grazia-Start sei. Das sei ja alles schon lange geplant gewesen. Klar doch. Genauso wie Bauer damals TV Movie ja schon ewig vor TV Spielfilm geplant hatte und Laura bestimmt auch schon lange vor Burdas Lisa in der berühmten Schublade lag. Und Bauers Adel exklusiv kam zwar auch nach Klambts Adel aktuell auf den Markt, war aber bestimmt auch schon von sehr langer Hand viel früher geplant gewesen. Jaja.

Bei G+J guckt man zwar ein bisschen komisch angesichts der Dimension des Grazia-Launches, beschäftigte sich in dieser Woche aber viel lieber mit Gala Wedding. Nach Gala Men schon wieder ein Ableger der hauseigenen People-Marke. Das ehemalige G+J-Magazin Emotion bekam in seinem neuen Kleinverlag mit einem Relaunch frisches Leben eingehaucht. Für eine totgesagte Branche ist im Print-Geschäft einiges los.

Viel los war auch in Baden-Baden bei der Verleihung des Deutschen Medienpreises, den Media Control, bzw. deren Chef Karlheinz Kögel vergibt. Der Unternehmer, er betreibt zusätzlich u.a. L’Tur, schafft es jedes Jahr, eine illustre Runde an Hochkarätern in die verschlafene Kurstadt zu bugsieren. Diesmal waren so unterschiedliche Zeitgenossen wie Johannes B. Kerner, Günther Netzer und Wolfram Weimer dabei. Frühere Preisträger waren unter anderem Bill Clinton, mit dem Kögel eine Freundschaft verbindet, Helmut Kohl, der spanische König Juan Carlos, Bono und der Dalai Lama. Jetzt halt Angela Merkel, auf die die Star-Sopranistin Anna Netrebko die Laudatio hielt. Warum denn auch nicht? Kriegt halt die Merkel auch mal ’nen Preis. Warum der Preis, der ein wenig an das Expo-2000-Maskottchen Twipsy erinnert, nun aber "Medienpreis" heißt, wurde bisher noch nicht zufriedenstellend ermittelt.

Noch eine Glanz-und-Gloria-Sause in dieser Woche: der Wiener Opernball. Wie jedes Jahr sorgte der windige Wiener Baulöwe "Mörtel" Lugner wieder für die meisten Schlagzeilen. Diesmal weil seine gemietete Begleit-Dame, US-Schnapsdrossel Lindsay Lohan, den Flieger verpasste, weil sie noch shoppen musste. Ja, mei. Gscheit samma net, aber fesch. Zum Glück stand der für jeden PR-Stunt zu habende Dieter Bohlen Gewehr bei Fuß. Darauf, den Bohlen als Ersatz für Lindsay Lohan zu verpflichten, muss man in der Tat erst einmal kommen.

Das Feuilleton kriegt sich gar nicht mehr ein wegen des Plagiats-Skandälchens um das Buch "Axolotl Roadkill" von Helene Hegemann. Für alle, die es noch nicht mitgekriegt haben: Die 17-jährige Hegemann hat für ihren Bestseller relativ dreist bei einem Roman und dem Weblog eines Szenegängers mit dem Pseudonym Airen abgeschrieben. Mittlerweile berichtet sogar die New York Times über den Fall. Der Blogger, der die Sache aufgedeckt hat, ein gewisser Deef Pirmasens, schreibt nun in seinem Weblog "Gefühlskonserve", dass Helene Hegemann früher selbst auch gebloggt hat. Und in ihrem Weblog fand der Herr Pirmasens folgende hübsche Stelle: "Jeder versuchte Diebstahl an einem auf dieser Seite veröffentlichten Text wird zur Anzeige gebracht und dort blau angestrichen. Alles andere wäre zu prosaisch." In der Tat.

Schon lange keinen Hitler-Titel beim Stern mehr gesehen. Aktuell wurde immerhin Eva Braun zum Covergirl gemacht ("Ihr Pakt mit dem Bösen"). Führer Hitler ist auch mit drauf, wenn auch nur unten in der Ecke. Unterzeile: "Die neue Sicht auf Hitlers Geliebte". Grund für die Story ist ein neues Buch mit Namen "Eva Braun. Leben mit Hitler." Nein, nein es ist nicht das geheime Tagebuch der Eva Braun, keine Angst. Es handelt sich um ein Sachbuch einer Historikerin, über das auch schon die Spiegel Online Zeitgeschichts-Site Einestages berichtet hatte ("Die Braut des Bösen"). 
Im Lauftext des Stern wird dann aber doch eifrig und ausführlich aus Eva-Braun-Tagebüchern zitiert. Unter anderem aus "einem Tagebuchfragment, das Eva Braun zugeschrieben wird, aber nicht mit letzter Sicherheit authentisch ist". Gut, wenn man vorsichtig formuliert.

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