Google: Viel Buzz um nichts

Die Gerüchte haben nicht getrogen: Google hat gestern tatsächlich eine tiefgreifende Erweiterung seines Mail-Dienstes Gmail vorgestellt. "Google Buzz" heißt das große Update, das Gmail zur veritablen Kommunikationszentrale macht, die den wertvollsten Internetkonzern endlich dahin bringen soll, wo andere aufstrebende Dot.coms längst sind - ins Social Media-Zeitalter. Status-Updates, Fotos, der Standort und ja ganze Profile können nun geteilt werden. Doch warum sollte man das über Google tun?

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Die Gerüchte haben nicht getrogen: Google hat gestern tatsächlich eine tiefgreifende Erweiterung seines Mail-Dienstes Gmail vorgestellt. "Google Buzz" heißt das große Update, das Gmail zur veritablen Kommunikationszentrale macht, die den wertvollsten Internetkonzern endlich dahin bringen soll, wo andere aufstrebende Dot.coms längst sind – ins Social Media-Zeitalter. Status-Updates, Fotos, der Standort und ja ganze Profile können nun geteilt werden. Doch warum sollte man das über Google tun?

Der wertvollste Internetkonzern der Welt scheint es dieses Jahr tatsächlich um jeden Preis wissen zu wollen: Erst der Paukenschlag in der ersten Januarwoche mit dem Debüt des Nexus One, des ersten eigenen Handymodells der inzwischen über elfjährigen Konzerngeschichte, nun ein weiterer Coup, dem ein erhebliches Grundrauschen vorausging.
 
"Buzz" nennt die PR-Branche jenen Erregungszustand der Medienwelt, den Agenturen tagein, tagaus mit allen Anstrengungen zu erreichen suchen – Hauptsache, es surrt. "Buzz" nennt nun auch Google sein neues Kommunikations-Tool für eben jenes, neues Kommunikationszeitalter, das vermeintlich geschwätzigste von allen dank der permanenten Selbstmitteilungssucht in den Social Networks dieser Welt und was ihnen noch so anhängt – den Facebooks, Twitters, Flickrs und Foursquares.

US-Presse watscht Buzz-Launch ab: "Google, schnarch"

Es ist schon ein eigenartige Welt in dieser noch so jungen dritten Dekade der Internet-Ära, in die Google als unangefochtener Platzhirsch zieht, der es nun mit Emporkömmlingen aufnehmen muss, wie er selbst noch einer vor sechs, sieben Jahren war. Wie ernst Google Facebook und Twitter aber doch nimmt, beweist jenes Buzz, über das so viel gebuzzt wurde – es soll die Antwort auf die neue Mitteilsamkeit in Echtzeit sein, die der Datenkrake in seiner Suche lange entgangen ist.   

Einen "Frontalangriff auf Facebook & Co" hat etwa Spiegel Online ausgemacht. Damit steht das führende Hamburger Nachrichtenportal etwas alleine da. Zumindest die US-Presse ist nämlich ziemlich anderer Meinung: "Wenn Google Wave die Zukunft ist, dann ist Google Buzz die Gegenwart", ätzt das Branchenportal  "Tech Crunch". Das vom früheren Internetaktienanalysten Henry Blodget gegründete Konkurrenzangebot "Alley Insider" legt nach: "Google, schnarch" lautet noch eine der freundlichen Ersteinschätzungen.

Googles verspäteter Ritterschlag an Facebook und Twitter

Tatsächlich gibt es viele gute Gründe, Google Buzz als Enttäuschung zu empfinden. Zwar macht Google endlich den überfälligen Verbindungsschritt zwischen seinen Diensten der 1.0-Ära wie eben Gmail oder Picasa, um in der Neugestaltung mit Buzz die Kommunkationsmöglichkeiten 2.0 entstehen zu lassen.

Man kann sich jetzt eben nicht nur altmodisch in 1-zu-1-Kommunikation mailen, sondern wie bei Facebook via Profilen öffentlich an mehrere Nutzer auf einmal kommunizieren – und das natürlich besonders gern in Form der Twitter-ähnlichen Status-Updates. Und man kann andere Inhalte wie Fotos oder Videos teilen, seinen Kontakten folgen oder seinen Standort anzeigen lassen. So weit, so interessant. Doch tatsächlich erscheint Buzz so mehr als verspäteter Ritterschlag an Facebook und Twitter denn als deren ernsthafte Konkurrenz.

Gewohnheit siegt: Warum bei Buzz wieder von vorne mit dem Netzwerkaufbau anfangen?

Es ist das alte Trend-Problem: Warum sollte man eine funktionierende Sache verändern? Never change a winning team, lautet eine Fußballerweisheit. Es hat Jahre gedauert, bis wir unsere Freunde auf Facebook und Twitter geholt haben – und nun sollen wir, nur weil wir eine Gmail-Adresse benutzen, denselben Migrationsprozess von vorne starten? Das wird den meisten zu viel sein.

Die gern unterschätzte Wahrheit des Internets lautet schließlich nicht umsonst: Faulheit und Gewohnheit siegt. Warum also bei Gmail wieder bei 5, 10 oder 20 Prozent anfangen, wenn mit Facebook, Twitter & Co die bevorzugten Social Media-Plattformen bereits vorhanden sind?

Social Media-Kommunikation mit seinen Mail-Kontakten?

Und schlimmer noch: Will man wirklich mit seinen Email-Kontakten ein so intensives Social Media-Leben in Echtzeit führen wie mit seinen Freunden und Followern? Es bleibt die alte Xing-Hürde: Geschäfts- und Privatleben schließen sich eben doch oft genug aus, wie der "Alley Insider"-Redakteur Nicholas Carlson vorrechnet. Und möchte man seine Email-Kontakte tatsächlich auf Facebook holen, gibt es den Friendfinder dafür ja auch schon längst.

Hat es Google also versemmelt? Nein, Buzz kommt ausgereift und wie immer minimalistisch auf den Punkt daher. Es ist tatsächlich die lang erwartete Kommunikationszentrale. Das Problem ist nur, dass es kein schlagendes Argument gibt, um sie unbedingt einzusetzen.

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