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Der Zornige und der Bullshitter: die zwei Ziesemers

Vielleicht hilft es bei der Bewertung der durchaus überaschenden Nachricht vom Abgang des Handelsblatt-Chefredakteurs Bernd Ziesemer, sich zwei Zitate von ihm vor Augen zu halten. Ende April 2009 hielt Bernd Ziesemer beim Kölner Tag des Wirtschaftsjournalismus eine flammende Polemik, die er "Zehn zornige Thesen zur Zukunft der Zeitung nannte". Darin sagte er u.a.: "Wir haben […]

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Vielleicht hilft es bei der Bewertung der durchaus überaschenden Nachricht vom Abgang des Handelsblatt-Chefredakteurs Bernd Ziesemer, sich zwei Zitate von ihm vor Augen zu halten. Ende April 2009 hielt Bernd Ziesemer beim Kölner Tag des Wirtschaftsjournalismus eine flammende Polemik, die er "Zehn zornige Thesen zur Zukunft der Zeitung nannte". Darin sagte er u.a.:

"Wir haben uns in den letzten Jahren in den Printmedien eine ganz merkwürdige Mischung aus Bullshitting und Masochismus angewöhnt. (…) Die größte Gefahr für Qualitätsjournalismus geht in unserer Branche gegenwärtig nicht von den angeblich Konservativen und Innovationsfeinden aus. Sondern von denen, die sich unter dem Banner ‚Alles ist möglich‘ versammeln. Die zum Beispiel von ‚innovativen Werbeformen‘ schwatzen und ganzseitige Werbeposter auf der Seite Eins meinen. Die über neue ‚Geschäftsmodelle‘ reden und die Produktion mit immer weniger Journalisten meinen."

Ziesemer hielt eine wutschnaubende Rede, da brach etwas aus ihm heraus, das sich offenbar schon lange aufgestaut hatte. Er wetterte gegen schnöselige Unternehmensberater und ahnungslose Verlagsmanager. Er schimpfte, sein Kollegen Steffen Klusmann würde mit seiner Wirtschafts-Zentralredaktion bei Gruner + Jahr "Einheitsbrei" fabrizieren. Auch die so genannten "Medienblogger" bekamen ihr Fett weg ("Eine besondere Kategorie von Dummschwätzern."). Ziesemers Polemik war in Teilen nachvollziehbar, manchmal pauschal aber sie war vor allem eines: leidenschaftlich.

Und jetzt das zweite Zitat von Bernd Ziesemer. Diesmal kommt einem die Vokabel "leidenschaftlich" nicht mehr in den Sinn. Das Zitat stammt aus der Pressemitteilung von Hoffmann und Campe, wo er die Nachfolge von Manfred Bissinger als Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte übernimmt: "Ich freue mich auf die große unternehmerische Herausforderung. Nach 30 Jahren Wirtschaftsjournalismus im In- und Ausland möchte ich meine vielfältigen Erfahrungen einbringen, um Unternehmen bei der Entwicklung glaubwürdiger und effektiver Kommunikationslösungen zu helfen. Aus meiner bisherigen Arbeit als Chefredakteur des Handelsblatts weiß ich, wie schwer heute viele Unternehmen mit ihrer Botschaft in der Öffentlichkeit durchdringen. Kreative Lösungen sind gefragt."
"Unternehmerische Herausforderungen"? "Effektive Kommunikationslösungen"? "Kreative Lösungen"? Was, mit Verlaub, ist das anderes als das von Ziesemer vorher noch so heftig kritisierte Bullshitting?
Es scheint fast, als hätten wir es mit zwei Ziesemers zu tun. Da haben wir in Zitat eins den zornigen Chefredakteur, der mit Furor die Unabhängigkeit und Qualitätstandards seines Berufstandes verteidigt. Und später, in Zitat zwei, erleben wir einen, der wie ausgewechselt scheint und PR-Blabla übelster Coleur von sich gibt. Nur nicht falsch verstehen: Corporate Publishing ist eine ehrenwerte Sache und die Leute bei Hoffmann und Campe machen einen tollen Job mit hervorragenden Kundenmagazinen. Aber das kein unabhängiger Journalismus, es ist eine abhängige Dienstleistung.
Der Wechsel Ziesemers zum Corporate Publishing wäre weniger irritierend, wenn er vor kurzem nicht noch mit solchem Eifer den entrüsteten Vollblutjournalisten gegeben hätte. Ob sein Abgang nun völlig freiwillig war oder nicht, spielt eine untergeordnete Rolle. Wenn man sich Ziesemers zornige Thesen durchliest, kann man sich gut vorstellen, dass das Verhältnis zum Management seines Blattes nicht mehr ganz ungetrübt war. Und die Auflagen-Entwicklung des Handelsblatts ist zwar nicht katastrophal, nun aber auch nicht dazu angetan, dass man sagen würde: Den Mann muss man unter allen Umständen halten. Zumal es der Verlagsgruppe Handelsblatt gelungen ist mit Gabor Steingart einen echten Alpha-Journalisten als Nachfolger zu präsentieren. Steingart gilt als kompetent, meinungsstark, durchsetzungskräftig und absolut Chefredakteurs-tauglich.
Für Bernd Ziesemer bedeutet der Abgang wohl der Anfang vom Ende einer verdienten Karriere. Für das Handelsblatt ist die Verpflichtung Steingarts ein Wechsel auf die Zukunft.

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