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Diekmann: „Erstaunlich heftige Reaktionen“

Dienstag-Nacht ist Schluss mit Kaidiekmann.de: Im MEEDIA-Interview zieht der Bild-Chef eine erste Bilanz: Er verrät, was ihm besonders viel Spaß gemacht, welche Postings er bereut und warum er aufgehört hat, über die taz zu bloggen: "Wir hätten die Genossen noch hundert weitere Tage vor uns hertreiben können. Aber wenn einer am Boden liegt, tritt man nicht noch einmal zu." Nur ein Erfolg blieb Diekmann verwährt: Beim Traffic gelang es laut Google Ad-Planner nicht, das Bildblog zu überholen.

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Zum Start Ihres Blogs hieß es: Das Projekt läuft genau hundert Tage. Bleibt es dabei?
Ja. Ich höre auf. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ist Schluss. Dann wird das gesamte Blog abgeschaltet.
 
Geht die Site dann tatsächlich offline?
Unter der Webadresse Kaidiekmann.de bleibt nur ein einziges Bild stehen, an dem wir unter Hochdruck arbeiten.
 
Warum hören Sie auf?
Irgendwann ist es auch gut. Mir hat das Bloggen wahnsinnig viel Spaß gemacht, aber es war auch verdammt viel Arbeit. Ich bin schließlich nicht hauptberuflich Blogger, sondern leite die größte Tageszeitung in Deutschland.
 
Wie viel Zeit ging denn pro Tag für das Blog drauf?

Das waren schon rund 90 Minuten. Bei einigen Außeneinsätzen aber auch weit mehr. Als ich in einem Kiosk Bild verkaufte oder zum Überraschungsbesuch bei Franz-Josef Wagner war, kostet das noch weit mehr Zeit als die eineinhalb Stunden.
 
Hat sich denn die Redaktion beschwert, dass ihr Chef mehr mit Bloggen statt mit Blattmachen beschäftigt war?
Nein. Ich glaube die hatten auch ihren Spaß daran. Das Blog hat ja auch viele Innenansichten und Hintergrundberichte zu Bild und dem Redaktionsteam geliefert. Die Schinderei hat sich allein deshalb schon gelohnt, weil das Bloggen half, mit vielen Vorurteilen über Bild aufzuräumen.
 
Das Blog sollte aber nicht nur Inneneinsichten der Bild liefern?
Nein. Eines meiner Hauptanliegen war es, der Branche einmal den Spiegel vorzuhalten.
 
Dann dürfte es Sie auch nicht weiter überrascht haben, wie stark das Projekt die Branche bewegte?
Es ist schon erstaunlich, was für heftige Reaktionen wir hervorgerufen haben. Wir haben schon oft witzige und außergewöhnliche Auftritte gehabt. Zum Beispiel in der FAZ, als ein Interview über unsere Bibel-Ausgaben zum Teil aus Bibel-Zitaten bestand. Doch mit dem Blog konnten wir eine ganz besondere Aufmerksamkeit erreichen. Es hat sich gezeigt, dass das Internet ein guter Ort für solch eine Art von Humor ist. Außerdem ist es uns auch gelungen, ein paar interessante Debatten anzustoßen – finde zumindest ich.
 
Welche meinen Sie?
Beispielsweise die Diskussion über die zum Teil etwas sonderbare Arbeit des Presserates oder auch die Geschichte mit der neuen Familienministerin Kristina Köhler. Hier konnten wir gut zeigen, wie Politiker manchmal versuchen, Druck auf die Presse auszuüben.
 
Was hat dem Blogger Diekmann am meisten Spaß gemacht?
Alles hat Spaß gemacht. Besondere Höhepunkte waren aber schon der Überraschungsbesuch bei Franz-Josef Wagner, der uns erst gar nicht reinlassen wollte, die Fake-Ausgabe der taz oder die Büttenrede zur Preisverleihung des Journalisten des Jahres. Insbesondere letzteres war jedoch nicht nur lustig gemeint, sondern hatte auch einen ernsten Hintergrund.
 
Den, dass Sie der Meinung sind, die Auszeichnung zur Kunduz-Affäre stünde Bild zu?
Ja.
 
Vor allem die Fake-taz und der "Pimmelstreit" beschäftigten nicht nur das Web, sondern alle Qualitätsmedien vom Spiegel bis zur FAZ.
Was mich wirklich überrascht hat, ist, wie freundlich und sogar zum Teil begeistert selbst die Kollegen berichtet haben, die Bild sonst nicht so wohlgesonnen sind.
 
Hätten Sie mit mehr und schärferer Kritik gerechnet? Beispielsweise vom Bildblog?

Allgemein muss ich sagen: Mich hat die Sachlichkeit beeindruckt, wie die Blogger-Kollegen mit dem Blogger Kai Diekmann umgegangen sind.
 
Zurück zum "Pimmelstreit". Das Relief an der Hauswand der taz war das beherrschende Thema der ersten sechs Wochen. Dann wurde es schlagartig ruhig. Warum spielte der Streit mit den Genossen keine Rolle mehr?
Das hat einen einfachen Grund: Ich habe gesagt, jetzt ist Schluss. Wir hätten die Genossen noch hundert weitere Tage vor uns hertreiben können. Aber wenn einer am Boden liegt, tritt man nicht noch einmal zu.
 
Die oftmals unbeholfenen Reaktionen der taz haben vor allem in den ersten Wochen so manch eine Steilvorlage geliefert.
Das ist richtig. Die taz hat uns den Gefallen getan, eine wunderbare Auffahrtsrampe abzugeben. Erst dadurch konnte das Blog so richtig fliegen.
 
Das Blog wurde auch als Test tituliert, was Satire alles darf. Was ist das Ergebnis: Darf Satire alles?
Nein, Satire darf offensichtlich nicht alles – zumindest vor Gericht. Es ist zwar okay und erlaubt, sich über den Bild-Chefredakteur lustig zu machen, aber wehe, er dreht den Spieß um. Dann hat Satire plötzlich Grenzen. Und wenn Sie auf die Einträge über den Anwalt anspielen, dessen Namen ich nicht mehr nennen darf, so versichere ich ihnen, dass ich mich ganz schrecklich dafür schäme, was ich ihm angetan habe.
 
In diesem Fall hat gerade ein Berliner Gericht in erster Instanz gegen Sie entschieden. Auf ihrer Site befindet sich zudem ein Zähler, der die Rechtskosten ausweist, die Ihr Blog bislang verursachte. Wer zahlt die Zeche: Sie oder der Verlag?
Wenn Sie in das Impressum des Blogs schauen, dann sehen Sie, dass dort nicht Kai Diekmann, sondern die Axel Springer AG steht. Ich bin Angestellter des Verlages und habe die Inhalte innerhalb meiner Arbeitszeit erstellt.
 
Was passiert noch in den letzten Tagen?
Lassen Sie sich überraschen. Wir arbeiten an einem würdigen Finale.
 
Wer ist denn "wir"?
Wir, das ist die Spaß-Guerilla, wie es MEEDIA so schön treffend anmerkte. Dazu gehören Ulrich Machold, Michael Paustian, Nicolaus Fest, Daniel Durst und Rowan Barnett. Die Kollegen haben mich mit sehr viel Enthusiasmus dabei unterstützt, das Blog die hundert Tage zu bespielen. Ihnen bin ich zu großem Dank verpflichtet.
 
Werden Sie die Spaß-Guerilla und das Blog vermissen?
Ja. Die hundert Tage waren toll!

Die Traffic-Zahlen: Laut Google Ad-Planer kam Bildblog.de im Dezember auf 84.000 Unique Visitors. Kaidiekmann.de dagegen auf 32.000 Unique Visitors.

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