Agenturen: Krach bei ddp und DAPD

Die Mitarbeiter des ehemaligen Dienstes von AP-Deutschland warnen ihren neuen Eigentümer Martin Vorderwülbecke. In einem Protestschreiben ist von „tiefem Misstrauen“ die Rede. Nach vier Wechseln zum Konkurrenten dpa hat gerade eine weitere feste Kraft gekündigt. Pauschalisten gehen. Die Chefredakteure Joachim Widmann (ddp) und Peter M. Gehrig (DAPD) kämpfen zudem um ihre Macht. In all dem Trubel geht aber unter: Vorderwülbecke hat mit der neuen Agenturallianz viel vor.

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Am Freitagmorgen hatte es Joachim Widmann nicht einfach. In der morgendlichen Konferenz fragten ihn Mitarbeiter: „Wer hat uns jetzt eigentlich noch etwas zu sagen?“ Kurz zuvor meldete die „Süddeutsche Zeitung“, der bisherige Chef der Wirtschafts-Nachrichtenagentur dpa-afx werde neuer Gruppen-Chefredakteur beider Agenturen. Die SZ vergaß zu erwähnen, dass Widmann beim ddp und Peter M. Gehrig bei DAPD die Leitung behalten sollen. Widmann schrieb deshalb an seine Truppe: „Ich bin und bleibe der Chefredakteur bei ddp.“ Er wolle damit „Irritationen und Kompetenzfragen ausräumen“, mit denen er „seit früher Stunde konfrontiert“ sei. Gehrig schrieb ähnlich lautendes an seine Leute.
Vorderwülbecke schrieb beiden Belegschaften in einem Brief, der MEEDIA ebenfalls vorliegt, Dreyer werde „unsere Agenturallianz als DAPD/ddp-Gruppe in Kürze ein sympathisches und kompetentes Gesicht nach außen geben“. Dreyer solle bei der „sehr unterschiedlichen Geschichte und Tradition“ der beiden Agenturen „integrierend tätig sein“. Widmann und Gehrig würden „weiterhin ihre respektiven Agenturen leiten“. Dreyer komme „gleichberechtigt auf Gruppenebene“ hinzu. Der Eigentümer spricht von einem „Chefredakteurs-Triumvirat“.
In beiden Häusern fragen sie sich aber nun: Hat Dreyer wirklich nicht mehr zu sagen als Widmann und Gehrig für ihre Läden? Einer, der den ddp aus aktueller Arbeit von innen kennt, sagte zu MEEDIA: „Anders als Widmann und Gehrig wird Dreyer nicht nur Chefredakteur sondern zugleich auch Geschäftsführer sein. Hat nicht der, der nicht nur über die Redaktionslinie sondern auch noch über die Etats entscheidet, letztlich die Sache in der Hand?“ Ein anderer Insider warnt gar, diese Vermengung von Geschäftsführung und Chefredaktion „gehört sich bei einem Diestleister einfach nicht, der zur Objektivität verpflichtet ist“.
Auch die interne Aufregung um diese Personalie zeigt mal wieder: Die ddp-Gruppe um ihre neuen Eigentümer Martin Vorderwülbecke und Peter Löw beweist kein gutes Händchen, wenn es darum geht, die gemeinsame Sache nach außen zu verkaufen. Viel schlimmer aber noch ist, dass sich jetzt die Belegschaft des Deutschen Auslands-Depeschendienstes (DAPD) lautstark zu Wort meldet. In einem Schreiben, das MEEDIA vorliegt, schrieben sie gerade ihrem neuen Besitzer, es drohe „das eigentlich unabdingbare Vertrauensverhältnis der Belegschaft zur Geschäftsführung zu zerbrechen“.
Stein des Anstoßes sind die vergangenen Kündigungen. Vorderwülbecke hatte um Weihnachten und Neujahr quasi den gesamten ehemaligen AP-Fotografen und Bildredakteuren gekündigt, und im Anschluss betont, mit den Entlassungen solle es das „erst mal gewesen sein“. Zum Februar hat er nun aber den Schweizer ddp-Dienst geschlossen, inklusive weiterer Kündigungen. Intern teilte er mit, er und sein Mitstreiter Peter Löw bedauerten diesen Schritt „außerordentlich“. Er sei aber betriebswirtschaftlich unumgänglich gewesen.
Beim DAPD sind sie so gereizt, dass viele die Flucht antreten. Kürzlich haben erst mit Peter Zschunke und Froben Homburger die beiden stellvertretenden Chefredakteure gekündigt. Sie wechseln ebenso zur dpa wie DAPD-Wirtschaftschefin Antje Homburger, die schon ihre Verträge unterschrieb, als der Verkauf von AP-Deutschland an den ddp noch ein Gerücht war. MEEDIA hat zudem erfahren, dass mehrere Pauschalisten das Weite gesucht haben – eine Mitarbeiterin wechselte zu „Welt Kompakt“, ein anderer in die PR-Industrie. Und zum Wochenende hat zudem Friederike Marx, die stellvertretende Wirtschaftschefin, ihre Kündigung eingereicht, mit unbekanntem Ziel.
Gleichzeitg geht in diesem Trubel unter, wie sich die neue Allianz künftig positionieren will. Arbeitsgruppen aus Chefredakteuren und Vertrauten arbeiten zusammen mit den Geschäftsführern, zu denen neben Vorderwülbecke auch Franz Maurer gehört, gerade an einem detaillierten Konzept, das durchaus viel verspricht. Offensichtlich will Vorderwülbecke einhalten, was er zusammen mit Löw am Tag der Übernahme von AP-Deutschland den Mitarbeitern des ddp ankündigte. Das Schreiben vom 8. Dezember 2009 war betitelt mit „Unser Motto: 1 + 1 = 3“. In der Branche wurden sie dafür belächelt, klang das doch auf den ersten Blick nach einer gehörigen Portion Übermut.
Jetzt könne dieser Spruch aber Wirklichkeit werden, denn im Gespräch ist MEEDIA-Informationen zufolge dieses Konzept: Der ddp liefert das, was er auch bisher am besten konnte, nämlich ein Grundrauschen aus dem Inland. Der DAPD soll sich hingegen einerseits darauf beschränken, die Kunden mit Auslandsmeldungen zu beliefern. Dafür kann er immerhin auf das Material der etwa 3.000 internationalen AP-Korrespondenten uneingeschränkt zugreifen. Die, die bisher bei DAPD parallel zu ihren neuen Kollegen bei ddp Inlandsberichte absetzen, sollen sich im Wesentlichen aber künftig auf sogenannten Premium-Content beschränken, also Features, Analysen und Hintergründe. Der ddp soll sich im Gegenzug in diesem Bereich stark zurückhalten. Ein Modulsystem entstünde.
Diese Struktur wiederum würde absolut Sinn machen, würde doch so die bisherige Überschneidung im Inland geschickt aufgelöst und aus den bisherigen Angeboten mehr hervorgehen.Wahrscheinlich ließen sich vor allem Lokal- und Regionalzeitungen auf ein solches Paket ein. Offen ist lediglich, zu welchen Konditionen. Einziger Haken an diesem Modell: Viele für aufwändige Recherchen nötige Kontakte ziehen sich Reporter auch bei kleineren Pflicht-Terminen. Eine enge Zusammenarbeit beider Häuser wäre folglich nötig, damit ddp-Kollegen ihren DAPD-Mitsreitern Hinweise liefern. Unrealistisch ist das freilich nicht: Der neue Gruppen-Chef Dreyer soll mit als erstes darüber nachdenken, ob DAPD nicht besser von Frankfurt nach Berlin ziehen sollte. Am neuen ddp-Stammsitz am Rande des Regierungsviertels wäre sogar noch Platz.
Das alles ist zwar noch nicht beschlossene Sache und auch andere Optionen Teil der Erörterungen. DAPD-Inlandskorrespondenten wurde aber für Top-Termine in diesem Jahr bereits zugetragen, sie sollten sich darauf einstellen, nach diesem Verfahren zu arbeiten. Damit würde auch aufgehen, was ddp-Chefredakteur Widmann seinen Leuten Anfang Januar per Memo versicherte: „Die gemeinsamen Kunden von DAPD und ddp werden nicht mit kaschierten Doubletten verärgert.“ Dies sei „eindeutig und sicher“, würde so eine Praxis, wie sie anfangs in den Häusern noch als Idee rumgeisterte, doch nur „Produktionszeit kosten und inhaltlich nichts bringen“.
Was das für die Mitarbeiter vor allem des DAPD bedeutet, werden sie voraussichtlich Mitte der neuen Woche erfahren. Vorderwülbecke kündigte sich für Einzelgespräche mit dem DAPD-Personal an. Er schrieb ihnen: „Um hier endlich konkreter werden zu können, möchte ich Dienstag und Mittwoch nächster Woche in Frankfurt verbringen und Donnerstag in Berlin.“ Er wolle dann mit „vielen bereits ganz konkret – gemeinsam mit den Chefredakteuren – über die Arbeitsplatzbeschreibung der nächsten Jahre reden“. Der ddp-Eigner war für Fragen zu seinen Plänen zunächst nit zu erreichen.
Vorderwülbecke kündigte überdies an, einige Themen „sowohl in den Medien als auch juristisch offen“ angehen zu wollen, die „bisher tabu waren“. Er nannte seiner Belegschaft die „enorme Subventionierung der AFP“, dem Hauptwettbewerber von DAPD im Bereich Auslandsnachrichten. Weiter hieß es: „Die Subventionierung diese Staatsbetriebes in Frankreich könnte uns ja egal sein, aber da die AFP ihr Staatsgeld von weit über 100 Millionen Euro pro Jahr für Dumping in Deutschland einsetzt, müssen wir uns wehren. Dieses Projekt werden wir auch medial offen erläutern. Ähnlich ist es übrigens auch mit der verdeckten Subventionierung der dpa. Hier ist noch vieles unbekannt und aufzuklären.“ Kein Zweifel: dpa & Co. müssen sich sehr warm anziehen.

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