Jugendschutz absurd: Sendezeiten im Netz

Die geplante Novellierung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages wird von der FAZ nach einer Anhörung in Rheinland-Pfalz als "absurd" eingestuft: Vorgesehen ist danach eine freiwillige Altersklassifizierung aller Inhalte von Online-Medien, zudem sollen Zugangs-, Webspace- und Inhalte-Anbieter gleichermaßen verantwortlich gemacht werden. Unterdessen wird in der Blogosphäre über die gesellschaftliche Notwendigkeit von Jugendschutz diskutiert.

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Anders als bei den "Zensursula"-Plänen der früheren Familienministerin von der Leyen sollen also nicht staatliche Sperren, sondern eine Selbstbeschränkung wirken. Im Gespräch seien entweder Altersverifikationsverfahren (durch persönliche Anmeldung) oder etwas wie "Sendezeiten", wobei jugendgefährdende Inhalte nur zwischen 22 Uhr und sechs Uhr zugänglich sein dürften. Das soll auch für ausländische Seiten gelten, was die Umsetzung schwierig machen dürfte.
FAZ-Autor Oliver Jungen fragt sich, warum es keinen Netz-Aufschrei wie bei der "Zensurula"-Debatte gibt, und hat eine Theorie: "Der Vorstoß der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz geht so viel weiter, dass er unglaubwürdig erscheint." Er wäre also zu absurd, um eine Diskussion auszulösen.
Unterdessen wird im Netz das Thema Jugendschutz auf ein anderes Niveau gehoben. Spreeblick-Blogger Malte Welding sagt: "Jugendliche brauchen nicht mehr Schutz, Jugendliche brauchen mehr Aufmerksamkeit." Der Autor hat bei der Recherche für ein Buch zahlreiche Wissenschaftler zu dem Komplex befragt. Sie alle kämen übereinstimmend zu dem Schluss, dass es die befürchteten Auswirkungen gar nicht gäbe:
"1. Jugendliche wissen, dass Pornographie nicht die Realität wiedergibt.
2. Jugendliche finden weibliche Pornodarsteller ‚billig‘ und männliche Pornostars ‚lächerlich‘, sie erfüllen also keine Vorbildfunktion.
3. Jugendliche konsumieren reichlich Pornographie, aber ein verändertes Sexualverhalten gibt es nicht. Selbst jene, die das gesamte Frühwerk Michaela Schaffraths mit den Händen nachkneten können, werden rot, wenn ihnen Katharina aus der Parallelklasse ein Zettelchen zusteckt."
Das Problem mit der Jugend habe nichts mit Pornographie zu tun. Es handele sich vielmehr um einen Überlebenskampf der Mittelschicht. "Wenn aber die gesamte Mittelschicht gegen den Absturz in die Unterschicht kämpft, dann haben die Erwachsenen gar nicht mehr die Zeit, sich um die Kleinen zu kümmern" so der Spreeblick-Autor. Welding sieht die Initiative der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei dann auch als weiteren Versuch der Politik, die Verantwortung für eine gesellschaftliche Neuausrichtung an die Internet-Provider abzugeben. 

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