DLD: der Hype um Googles Gratis-Handy

Der DLD 2010 ist zuende. Breaking News gab es nicht zu vermelden. Was bleibt von Burdas Digital-Gala? Zu allererst die Erkenntnis, dass die Zeiten der großen Hypes und Verbal-Bubbles unwiederbringlich vorbei zu sein scheinen. Die Goldgräberstimmung vergangener Jahre ist passé, der DLD brachte eine Renaissance der verlegerischen Werte, die viele Diskussionen und Panels dominierten. Am Ende gab's noch eine Überraschung: Google verschenkte hunderte Nexus One-Handys an die DLD-Teilnehmer.

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Es war ein Bild mit Symbolcharakter: Wie eine Phalanx schien die Reihe der Verlagsgrößen, die den Schlagabtausch des neuen Burda-CEOs Paul-Bernhard Kallen mit Googles Chefjustitiar David Drummond verfolgten: die Springer-Vorstände Mathias Döpfner und Andreas Wiele, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und Hubert Burda. Das klassische Mediendenken, die Produktion hochwertiger Inhalte gegen Geld sowie deren autarke Vermarktung – diese jahrhundertealten Grundpfeiler des Verlagsgewerbes waren über Jahre in den Hintergrund getreten.
Das darauf fußende Geschäft wollen die Verlage zumindest nicht kampflos aufgeben. Das ist nicht neu, aber die Dominanz dieses Standpunktes war auf einer Veranstaltung unter dem Motto "Map your Future" bemerkenswert. Die Verlagsmanager, lange Zeit staunende Zuhörer bei den Panels, haben die argumentative Lufthoheit zurückerobert. Diese Erkenntnis spiegelt die reale Erlössituation in der virtuellen Medienwelt wider. Dass Google, bislang bei eigener Werbung und dem Self-Marketing extrem zurückhaltend, beim DLD das neue Android-Handy Nexus One am Ende massenhaft an Teilnehmer verschenkte, zeigt, dass auch die Suchmaschine den Druck des Marktes verspürt, sei es die Gegenwehr der Verleger, sei es das auch auf dem DLD omnipräsente iPhone.
Der DLD wäre aber nicht der DLD, wenn im Mittelpunkt nicht das Interesse an der Veränderung stehen würde. Neben dem Schwerpunkt der digitalen Medienwirtschaft spielten diesmal Lifestyle-Themen, Fashion, Kunst gewichtige Rollen. Auch dies sind Kernbereiche des Burda-Imperiums, die ebenso vom digitalen Umbruch betroffen sind. Bei aller Faszination für Interviews gebende oder Xylophon spielende Roboter, 3 D-Fernseher oder dem Get-Together mit internationalen Web-Stars schwang stets die Frage mit: Wo ist das Geschäftsmodell?
Es wäre übertrieben zu sagen, dass die Zeit der Experimente zuende geht. Eher scheint es so, als würde der Aufwand genauer als früher taxiert, als sei der Soft Launch auch bei überzeugenden Ideen das Mittel der Wahl. The "Next Big Thing" war beim DLD nicht klar auszumachen, noch immer ist es in vielen Bereichen ungewiss, wohin die digitale Revolution steuert.
Der DLD war aber auch in diesem Jahr immer wieder für besondere Momente gut. Sei es der überraschende Auftritt von Star-Geiger David Garett beim Chairmans Dinner, der mitreißende Vortrag von Christoph Schlingensief zu seinem Projekt, in Afrika ein Opernhaus zu errichten, oder eine Gesangseinlage von Randi Zuckerberg. Die Schwester des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg stimmte nach dem Panel Female Decade zu Saxophon-Begleitung "Summertime". Die Einlage war anschließend Top-Gesprächsthema.
Getoppt nur noch vom Schluss-Hype um das Nexus One. Ein amerikanischer Konferenzteilnehmer äußerte anerkennend: "A fantastic marketing idea. More than 100 Tweets in minutes." Ein anderer schüttelte mit Blick auf das ergatterte Gratis-Google-Handy ungläubig den Kopf: "What a cool shit!" Als die Nachricht von der Verschenk-Aktion wie ein Lauffeuer die Runde machte, bildete sich in kürzester Zeit eine Traube um den im Foyer errichten Nexus-One-Stand, dezenter Einsatz von Ellenbogen und Stöckelschuhen nicht ausgeschlossen. 700 Handys sollen Last Minute für lau über den Tresen gegangen sein.
Für Hubert Burda ist der DLD nicht nur ein Image-Gewinn. Von rund 800 Teilnehmern der aktuellen Veranstaltung sollen mehr als die Hälfte gezahlt haben. Bei einer Conference-Fee von 2.500 Euro, die nur bei größeren Sammelbestellungen rabattiert wurde, dürfte ein stattlicher Betrag übrig geblieben sein. Auch das Reden über Pay-Modelle kann ein Businessmodell sein. Und so stellte die Digital Life Design-Veranstaltung die Verhältnisse in der digitalen Welt zumindest für einen Moment auf den Kopf: Der Verleger kassiert, Google zahlt drauf.

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